Montag, 1. Oktober 2018

NaNoWriMo – Oder: Ist Druck wirklich gleich Diamant?

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.




Es ist ein bisschen vergleichbar mit einem großen Familienfest – Weihnachten etwa. Man weiß das ganze Jahr, dass es kommt, freut sich auch irgendwie drauf, hat gleichzeitig Angst vor dem ganzen Stress und den Verpflichtungen, die es mit sich bringt und denkt schon im Juli zum ersten Mal an die Vorbereitung. Und während man noch überlegt, wie genau man das anstellen könnte, ist es plötzlich da – überraschend, jedes Jahr aufs Neue. So ist das auch mit dem NaNoWriMo.



Dann bricht das Chaos herein. Der Roman ist noch nicht zu Ende geplottet, die Charaktere nicht entwickelt, kann ich so überhaupt anfangen? Und was ist, wenn ich die Zeichenzahl nicht einhalte oder der Ehepartner anfängt, sich leise zu beschweren, da er oder sie den geliebten Konterpart nur noch als zombieähnliches Etwas zum Schlafen und zur Nahrungsaufnahme sieht – und der Anblick dann eben auch eher unerfreulich ist. Gestresst, gereizt und ständig mit schlechtem Gewissen, so ähnlich stelle ich mir den Autoren-November vor (denn ich selbst habe mich tatsächlich bisher erfolgreich vor dem WriMo gedrückt). Eine Frage funkelt einem da ins Gesicht wie eine Leuchtreklame von McDonalds: Warum tue ich mir den NaNoWriMo eigentlich an?

Die Fakten


Schauen wir uns zunächst die Fakten an: Man kann sich natürlich offiziell für den Schreibmonat anmelden. Wenn man das macht semi-verpflichtet man sich, im November einen Roman mit mindestens 50.000 Wörtern zu verfassen. Natürlich kommt niemand am 30. vorbei und haut einem mit dem Baseballschläger den Frontalkortex platt, wenn man diese Zielvorgabe verfehlt (das hoffe ich zumindest), aber einmal angemeldet ist der Druck natürlich um ein Vielfaches stärker spürbar. Man kann sowohl den Fortschritt anderer Autoren tracken als auch selbst sogenannte „Badges“ gewinnen – Etappenziele sozusagen, die natürlich weiter anspornen sollen. Und ganz am Ende, wenn man die magische Wortgrenze tatsächlich überschreitet, wartet ein netter Gewinn – wenn man denn unter den vielen Einsendungen ausgelost wird und einem der Ruhm, einen Roman in einem Monat geschrieben zu haben, noch nicht genug ist.

Was war noch einmal Freizeit?
Nun könnte man als Schreibender, der seine Tätigkeit natürlich über alles liebt, dafür plädieren, dass Schreiben ja irgendwie auch Freizeit ist. Immerhin hat es mit Sicherheit bei jedem von uns mal als Hobby angefangen. Aber hat man erst einmal den Vorsatz gefasst, das Schreiben mit einer gewissen Ernsthaftigkeit oder sogar dem Ziel einer irgendwie gearteten Veröffentlichung zu betreiben, wird’s besonders im NaNoWriMo haarig. Der eigene Kritiker entwickelt sich von nervig zu erbarmungslos: Wie, erst eine Szene geschrieben heute? Ist ja lächerlich! Ach, du willst deine Zeit mit so etwas Unwichtigem wie Schlafen vergeuden? Phhh, wenn du meinst, dass das drin ist … Plötzlich ist die Schreibzeit die einzige Freizeit, die noch bleibt.

Nachteil des NaNo ist also definitiv der zusätzliche Druck, den man sich selbst aufbürdet. Und was ist, wenn man gerne noch einmal über eine bestimmte Passage nachdenken würde? Wenn man zu Recherchezwecken vielleicht noch einen passenden Interviewpartner oder erschwingliche Zug- oder Flugtickets sucht. Beides kann Wochen, wenn nicht Monate dauern. Es liegt also durchaus im Bereich des Möglichen, das die Qualität des Werkes unter dem selbst auferlegten Schreibziel leidet. Und ist es nicht gerade für die Kreativität auch mal wichtig, Langeweile zu haben oder sich – Gott bewahre – mit Dingen zu beschäftigen, die aber auch gar nichts mit dem eigenen Roman zu tun haben? Mir kommen die besten Ideen zum Beispiel beim Sport. Der Einfall zum Ende meines Debütromans traf mich, als ich gerade im Versuch, Yoga zu betreiben, in einer unmöglichen Verrenkung daran scheiterte, mein linkes Bein unter meiner rechten Achselhöhle hindurchzuquetschen. Ich dachte an meine damalige Brieffreundin und wie wir immer zusammen „Twister“ gespielt haben, wenn es denn doch mal zu einem Treffen gereicht hat. Bumms: Da hatte ich den passenden Epilog. Ein Brief! Ich glaube aber, Sport wäre zum Beispiel etwas, das als erstes auf der Strecke bleiben würde, wenn man es sich zum Ziel setzt, in 30 Tagen 50.000 Wörter zu schreiben.

Die Umstände der Realität anpassen 
Auf der anderen Seite hat ein bisschen Gruppenzwang ja noch nie geschadet, oder? Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man sich in der Planung und Vorbereitung des eignen Werkes derart genüsslich verlieren kann, dass man darüber das eigentliche Scheiben komplett vergisst. Vielleicht braucht es dann genau so einen NaNo-Arschtritt, um endlich zu sehen, wohin man fliegen könnte. Und nirgendwo (also außer auf der offiziellen Webseite natürlich) steht doch geschrieben, dass ich wirklich 50.000 Wörter schreiben muss. Vielleicht kann man versuchen, eine andere Szene vorzuziehen, wenn es an einer Stelle mal hakt. Oder man nutzt den NaNo für ein Sideproject, über das man schon lange nachgedacht hat, das aber immer wieder durch scheinbar wichtigere Ideen verdrängt wurde.

Ich denke, für mich könnte ein schreibwütiger November wunderbar als Kickstart funktionieren, wenn ich die Umstände nur ein wenig an meine Realität anpasse. Wenn ich zum Beispiel die Zeit beim Yoga mental unter „Brainstorming“ verbuche oder die Joggingrunde als Recherche für meine Prota nehme, die sich in völliger Verleugnung ihrer eigenen Fähigkeiten für einen Marathon angemeldet hat – ist doch ein bisschen vergleichbar mit einer Registrierung beim NaNoWriMo, oder nicht?!