Samstag, 29. September 2018

Das geht nicht, ich bin doch schüchtern …

In der letzten Zeit habe ich mich immer wieder mit jungen Autorinnen unterhalten, die eigentlich schon ein fertiges Büchlein hätten, dieses vielleicht sogar schon veröffentlicht haben, sich aber nicht trauen, sich damit wirklich in der Welt zu zeigen. „Ich würde ja gerne mal eine Live-Lesung auf Facebook machen, aber ich traue mich nicht vor die Kamera“, „Ich mache keine Werbung, oder nur ganz wenig, um keinen zu nerven“, „Ein Pitch beim Meet and Greet mit einem Verlag? Niemals! „Ich stehe halt nicht gerne im Mittelpunkt, ich bin halt schüchtern.“
Mir ist schon klar, dass es auch andere gute Gründe geben kann, sich nicht vor der Kamera zu zeigen oder ähnliches, aber in diesem Artikel soll es aber hauptsächlich um die Angst davor gehen, im Mittelpunkt zu stehen. 


Was ist Schüchternheit?



Unter Schüchternheit versteht man die Ängstlichkeit eines Menschen beim Anknüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen.
Hier gibt es einen wichtigen Unterschied zur Introversion. Viele introvertierte Menschen haben ihren vertrauten Personenkreis um sich herum und wünschen sich nicht unbedingt mehr Kontakte. Schüchterne wünschen sich oft, lockerer auf andere zugehen zu können und offener zu sein, trauen sich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Dabei ist Schüchternheit an sich aber keine psychische Erkrankung, sondern ein gelerntes Verhalten, welches verändert werden kann. Es gibt Menschen, die sich im Allgemeinen als schüchtern betrachten und solche, die nur in bestimmten Situationen von sich behaupten, schüchtern zu sein (z.B. nur, wenn sie Smalltalk halten sollen, nicht aber in Geschäftsmeetings). Dabei geben viele Menschen an, irgendwann in ihrem Leben in bestimmten Situationen schüchtern zu sein. Sozialpsychologe Bernardo Carducci schätzt die Zahl der Betroffenen auf bis zu 50% der Bevölkerung.


Was ist Lampenfieber?


Unter Lampenfieber versteht man die Angst, im Mittelpunkt zu stehen, z.B. bei einem öffentlichen Auftritt, einer Prüfung oder einer schwierigen Aufgabe.
Wie entstehen diese Ängste und warum sind sie so hartnäckig?
Ängste entstehen allgemein, wenn wir irgendwann einmal mit einer Situation schlechte Erfahrungen gemacht haben oder aus einem anderen Grund glauben, dass wir eine bestimmte Sache nicht können (z.B. weil uns das jemand immer wieder eingeredet hat, weil wir mal gemobbt wurden usw.). Aus der Angst heraus, dass sich das Schlechte wiederholen könnte, oder wir scheitern könnten, beginnen wir dann, diese Situationen zu meiden. Daraufhin wird die Angst davor, sich der Situation doch einmal zu stellen, immer größer. Ein Teufelskreis entsteht. Gleichzeitig nehmen wir uns damit aber auch die Chance, zu überprüfen, ob unsere Annahmen („ich kann das nicht“, „ich werde mich bestimmt blamieren“) überhaupt wahr sind.

Was kann ich also tun, um aus dem Teufelskreis auszubrechen?


1.Ängste verstehen


Überlege dir, welche Situationen es sind, die dir Angst machen. Was ist daran so beängstigend? Geht es darum, was andere von dir denken könnten? Ist das „Horrorszenario“, das du dir vielleicht ausmalst, wirklich realistisch oder werden die Reaktionen vermutlich ganz anders ausfallen?


2.Üben! Aber immer einen Schritt nach dem anderen machen …


Wenn du weißt, was dir Angst macht, in welchen Situationen du schüchtern bist oder Lampenfieber hast, überlege dir, wie du die Situationen proben kannst.
Wenn es dein Ziel ist, irgendwann mal ein Livevideo auf Facebook zu machen, beginne doch damit, dich einfach so mal aufzunehmen. Wenn du dich dabei einigermaßen sicher fühlst, schicke das Video doch mal an ein paar Autorenfreunde. Dann postest du vielleicht mal was in einem Forum oder ein fertiges Video auf Facebook, bevor du dich irgendwann traust, das Ganze live zu machen. Nur so besteht eine Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen. So kannst du Erfahrungen sammeln, die deine Annahme, dass du das alles nicht kannst, widerlegen.
Genauso funktioniert es auch mit anderen Situationen. Du willst z.B. auf einer Messe mit ein paar kleineren Verlagen Kontakt aufnehmen oder zum Meet & Greet mit Verlagen auf der LBM gehen? Dann übe vorher in einfacheren Situationen, dein Buch zu pitchen. Erzähle vielleicht erst Autorenfreunden davon, dann anderen Freunden, dann Kollegen, so dass du immer selbstbewusster darin wirst, über deine Geschichte zu sprechen und vielleicht auch Fragen dazu zu beantworten.


3. Übe so oft wie möglich


Wann immer es eine Möglichkeit gibt, über deinen Schatten zu springen, nutze sie!


4. Grübelstopp!


Versuche, das mit dem Grübeln zu lassen. Wenn du merkst, dass deine Gedanken anfangen, sich im Kreis zu drehen, sage STOPP. Gedanken, bei denen du dir das Schlimmste vom Schlimmen ausmalst, helfen nicht weiter und sind vermutlich ziemlich übertrieben. Natürlich macht jeder mal einen Fehler oder es passiert etwas, das einem im Nachhinein peinlich ist. Wenn du das befürchtest, überlege dir, wie du das letzte Mal reagiert hast, als du etwas Ähnliches bei jemand anderem beobachtet hast. Hast du diese Person wirklich so abgewertet, wie du es von anderen nun dir gegenüber erwartest? Vermutlich nicht.


5.Schüchternheit ist auch eine Stärke


Viele Menschen finden es sympathisch, wenn das Gegenüber sich nicht aufdrängt, höflich bleibt, genau zuhört, interessiert Fragen stellt, sich gut vorbereitet und wohlüberlegt antwortet. All das sind Eigenschaften, die Schüchterne oft besitzen. Mache dir diese Stärken bewusst und nutze sie. Wenn du dich interessiert auf dein Gegenüber konzentrierst oder um den Inhalt, den du vermitteln willst, bist du achtsam bei der Sache, anstatt permanent zu überprüfen, wie du dich selber gerade verhältst und darüber nachzudenken, wie das gerade ankommt. Auch das kann zur Selbstsicherheit beitragen.


6. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst


Das Ziel ist es nicht, vorher komplett angstfrei zu sein. Es geht darum, sich Übungssituationen zu schaffen, die machbar sind und diese dann zu üben – mit Angst und Unsicherheit. Das Selbstvertrauen steigt, wenn du bemerkst, dass viele der (Sorgen-) Gedanken, die du dir im Voraus gemacht hast, überflüssig waren.


7. Nimm dich nicht zu ernst ;-)


Auch mit unangenehmen Situationen kannst du umgehen lernen. Oft hilft es schon, einfach kurz anzusprechen, was gerade passiert ist (z.B. „jetzt habe ich gerade den Faden verloren“, „). Oft hilft auch Humor dabei, mit einer kleinen Panne umzugehen.
Fehler passieren. Jedem. Immer mal wieder. Auch dir, aber auch allen anderen. Lass dich davon nicht abhalten.

-------------------

Zum Weiterlesen:



Über die Autorin:
Sabrina bloggt außerdem auf sabi-writing-whatever.com