Mittwoch, 18. Juli 2018

Tippen im Dunkeln - 10-Fingerschreibsystem

Ich habe neulich erfahren, dass viele das 10-Fingerschreibsystem in der Schule mit Schreibmaschinen lernten. Sie waren verblüfft, dass einige aus meiner Generation das nie gelernt haben. Ich habe mir meine Gedanken dazu gemacht und denke, es hängt mit dem Umbruch der Nutzung von Schreibmaschinen zu Computern zusammen. Nicht jede Schule konnte sich Computer leisten und Schreibmaschinen waren groß, schwer und laut. Ich habe einen Rückblick in meine Vergangenheit gewagt und nach Situationen gesucht, in denen ich es hätte lernen können:


In der Grundschule habe ich noch Schönschrift mit der Hand gelernt. An das Schreiben mit Computern und Co war noch nicht zu denken.
Dann kam die Orientierungsstufe (zu meiner Zeit die 5. und 6. Klasse). Wir bekamen in der 6. Klasse einen Computer ins Klassenzimmer gestellt, das weiß ich noch wie gestern. Nur drei Jungen wussten, wie man damit umging, und arbeiteten tatsächlich daran. Doch das Interesse schwand nach wenigen Tagen und der Computer stand ungenutzt herum. Den Computer im Unterricht integrieren? Fehlanzeige. Den Computer durften wir auch nur in der Pause nutzen. Selbstverständlich ohne Internetzugang.
Für die 7. und 8. Klasse kam ich an ein Ganztagsgymnasium. Im Klassenraum gab es keinen Computer und wir hatten kein Fach, in dem man damit hätte arbeiten können. Bestimmt gab es eine AG, aber nach einem ganzen Tag Schule, war ich froh, wenn ich endlich nach Hause durfte, um meine Hausaufgaben zu erledigen.
Mit dem Umzug in einen anderen Stadtteil kam der Wechsel in die 9. und 10. Klasse einer Realschule. Meine erste richtige Begegnung mit einem Computer war im Informatikunterricht. Leider gab es auch hier keine 10-Fingerschreibsystemkurse, aber wir konnten im Internet recherchieren und lernten zumindest Word, Excel und Power Point kennen. Auch schon was Schönes.

So eignete ich mir selbst eine 2-4-Fingertipptechnik mit Adlersuche an, wie ich es gerne nenne. Damit meine ich, Buchstaben auf der Tastatur zu suchen.
Als ich dann einen gebrauchten Computer bekam, mit dem ich gerade so schreiben konnte, war ich schon hell auf begeistert.
Mit meinem ersten Gehalt habe ich mir dann endlich einen Laptop gekauft, meine 2-4-Fingertechnik gewann an Geschwindigkeit und ich musste die Buchstaben immer weniger suchen.

Tippen im Dunkeln – ein Licht geht auf
Jetzt, einige Jahre später, erfuhr ich nicht nur, dass manche das 10-Fingerschreibsystem in der Schule gelernt haben, sondern dass es sogar Lernprogramme gibt, die kostenlos angeboten werden.
Somit habe ich mich auf die Suche gemacht und mich für „Tipp 10“ entschieden.
Meine ersten Versuche waren, wie zu erwarten, mit viel Fluchen und Meckern verbunden. Ich hatte aber schnell den Dreh raus und machte weniger Fehler. Doch manchmal machen die Finger, was sie nicht sollen.
Den Laptop nahm ich auch mit in meinen Urlaub und wollte dort üben. Ich arbeitete weiter an meinem Manuskript, obwohl ich gerade erst bei Lektion 5 von 20 angekommen war und noch nicht alle Buchstaben einen Finger zugewiesen bekommen hatten. „Egal, so lernt man am besten“, sagte ich mir. Blöd nur, dass wir gleich einen Termin hatten. Kaum sagte mein Mann, dass wir in zehn Minuten bei der Massage sein müssen, ging ich doch wieder zur altbewerten 2-Fingertechnik zurück, denn leider geht diese Technik tatsächlich nach wie vor noch schneller, und außerdem hatte ich mich noch nicht zurechtgemacht.
An einem Morgen, als ich wach wurde und mein Mann noch schlief (sei ihm ja auch gegönnt), konnte ich nicht mehr einschlafen, und dachte mir: „Hey, ich kann doch bisschen üben.“ Ich nahm meinen Laptop auf den Schoß, und setzte mich auf das Sofa neben meinen schlafenden Mann. Blöd nur, dass ich keine Tastaturbeleuchtung habe und auch kein Licht anmachen konnte, um etwas zu sehen. Meine einzige Lichtquelle war der Bildschirm. Und dann versuchte ich mich auch noch an eine neue Lektion. Noch nie zuvor hatte ich so ein schlechtes Ergebnis und mit jedem weiteren Versuch wurde es noch schlechter. Nach dem Frühstück setzte ich mich dann wieder an den Laptop und merkwürdigerweise, brauchte ich mir die Tastatur gar nicht mehr ansehen. Ich wusste genau, wo welcher Buchstabe ist. Im Dunkeln zu tippen hilft einem tatsächlich, sich die Buchstaben und ihre Position einzuprägen.

Ich habe die 10 Fingerschreibsystemtechnik noch nicht vollständig gelernt, bleibe aber am Ball. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich diesen Artikel wieder nur mit zwei Fingern getippt habe. Doch so bin ich einfach noch am schnellsten. Wenn meine Finger aufhören zu tippen, heißt es noch lange nicht, dass mein Kopf Ruhe gibt. Ja, auch mein aktuelles Manuskript habe ich bislang ausschließlich mit zwei Fingern getippt. Es gibt bestimmt einige Schriftsteller oder angehende Autoren, die nur mit wenigen Fingern tippen.
Macht euch also keinen Kopf, wenn ihr es nicht könnt. Ich habe es auch nie gelernt. Ihr seit nicht allein und das 10-Fingerschreibsystem nicht zu beherrschen, ist keine Schande und kein Hindernis ein großartiges Meisterwerk zu schreiben. Setzt euch hin, lernt es, oder eben nicht. Hauptsache ist, ihr hört nicht auf zu schreiben und verliert nie den Mut und die Entschlossenheit euch weiterzuentwickeln und euren Ideen Flügel zu verleihen.


Meine drei Tipps für euch:

  • Jeden Tag ran setzen. Jede Übung jeder Lektion dauert nur 5 Minuten, die findet man in jeder Lebenslage.
  • Zwischendurch mal an eigenen Skripten üben. In eigenen Worten zusammenhängende Worte schreiben.
  • Tippe auch mal im Dunkeln. So lernt man, nicht mehr auf die Finger zu sehen und sich die Positionen einzuprägen.
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Zum Weiterlesen:



Mein Name ist K. R. Tschimpke. Baujahr 1989.
Schon in der Schule sagten meine Lehrer zu mir, dass ich Autorin werden würde. Doch durch meine Lese- und Lernschwäche sah ich es selbst nie kommen. Zwischendurch kam immer wieder das Verlangen zu schreiben, wobei viele Gedichte entstanden. Als mich dann im letzten Oktober meine Charaktere schon im Schlaf besuchten, hat es mir gereicht. Ich setzte mich an den Laptop und begann zu schreiben.
 
Foto: Alexander Grosse-Strangmann