Mittwoch, 6. Juni 2018

Warum Schreiben so klasse ist

Schreiben ist mit Abstand die effizienteste und einfachste Methode, Krisen zu bewältigen, Blockaden zu überwinden und den Künstler in sich zu entdecken. Nebenher hilft es bei der Selbsterkenntnis, weckt Kreativität und macht einfach Spaß! Hier ein wenig Anregung für all jene, die der „Bug der Berufung“ noch nicht gebissen hat. 



Der irische Dramatiker und Satiriker George Bernhard Shaw wurde einmal von einer Mutter gefragt, ob ihr Sohn besser Maler oder Schriftsteller werden solle. Charakteristisch bissig und pointiert antwortete er, sie solle den Sprössling lieber schreiben lassen: „Papier ist billiger als Leinwand.“ Und Schreiben ist nichts weniger als der Königsweg zur Kreativität. Wir alle, die Buchstaben in irgendeiner Form aufs Papier bringen können, können so auf die denkbar beste Art unsere Gedanken fokussieren, unser Innenleben erkunden oder neue Welten erschaffen. Wenn du Einblick in dein Unbewusstes gewinnen, neue Energie tanken oder die Muse zu einem Date einladen willst, dann schreibe!

Vielleicht findest du den Gedanken spannend, bist aber nicht wirklich davon überzeugt, dass du auch wirklich schreiben kannst. Leider ist es so, dass wir im selben Augenblick, in dem wir schreiben lernen, auch all das eingeimpft bekommen, was später einem freien Ausdruck im Wege steht: der innere Kritiker, dem nichts gut genug ist, der innere Zensor, der jedes Ideenpflänzchen im Keim erstickt, und der innere Angsthase, der sich nichts zutraut. Mit dem inneren Langweiler, der glaubt, er wüsste schon alles, haben wir damit ein inneres „literarisches Quartett“ am Start, das unsere Bemühungen in der Luft zerreißt, wie einst Reich-Ranicki in Bestform. Halten wir uns lieber an den englischen Schriftsteller G. K. Chesterton, der meint: „Wenn eine Sache es wert ist, getan zu werden, dann ist sie es auch wert, schlecht getan zu werden.“

Wir alle können schreiben – wenn wir uns die Zeit dafür nehmen und bereit sind, dem Zweifel unerschrocken ins Auge zu blicken. Es ist vielleicht anfangs nicht einfach, denn es kostet oft Mut, das eigene Innerste dadurch ans Licht der Welt zu bringen. Doch was wir benennen können, verliert seine Macht über uns, wie uns schon das Märchen „Rumpelstilzchen“ lehrt. Einfach alles aufzuschreiben, was einem durch den Kopf geht, ohne auf Rechtschreibung oder Satzbau zu achten, ohne es mit jemand anderem als dem Papier teilen zu müssen, durchbricht irgendwann die Einwände des inneren Kritikers und die Selbstzweifel. Mehr noch: Es setzt Kraft frei und führt zu überraschenden Erkenntnissen.

Um in den Rhythmus des regelmäßigen Schreibens zu kommen, empfiehlt sich ein individuelles Ritual. Manche schreiben früh am Morgen frisch von der Leber, wenn der innere Zensor noch nicht wach ist: Wie geht es mir heute, was beschäftigt mich? Das empfiehlt Julia Cameron in Form ihrer „Morning Papers“ jedem Künstler als Weg zur eigenen Kreativität. („Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität.“, Knaur Verlag) Wer dagegen am Abend schreibt, kann damit die Erlebnisse des Tages reflektieren und so verarbeiten. Andere schreiben lieber tagsüber in einer Pause oder am Wochenende. Wann man schreibt, ist wirklich egal – Hauptsache, es wird geschrieben.

„Alle Menschen haben die Anlage, schöpferisch tätig zu sein. Nur merken es die meisten nie," sagt auch Truman Capote, der bekannte US-amerikanische Schriftsteller. Gib der Kreativität einen Raum, in dem sie sich ohne Scheu vor Kritik oder gar Zensur zeigen darf – dann kommt sie immer öfters und bleibt gern auch einmal länger. Für uns alle gibt es die individuell optimale Art, die eigene Feder zum Zauberstab zu machen, um Magie zu manifestieren, zum Wanderstock, um auf die Berge der Visionen zu steigen, oder zur Taschenlampe, um in die innere Dunkelheit zu blicken. Die gilt es zu erkunden.

Für manche Menschen kann Schreiben sogar der letzte Strohhalm sein, an dem sie sich festhalten. Barbara Pachl-Eberhart, ehemals Pädagogin und Clowndoktor, erlitt einen unsagbar schweren Schicksalsschlag, als sie Mann und Kinder bei einem Autounfall verlor. Wie kann ein Mensch angesichts dieses Unglücks nicht verstummen und am Leben verzweifeln? Barbara entlud den inneren Druck der Gefühle und Gedanken auf dem Papier - „vollkommen anspruchslos, zweckfrei und ohne jegliche Selbstzensur“. Sie entdeckte, dass Schreiben zum Ausdruck bringen kann, was manchmal nicht über die Lippen geht: „Inzwischen weiß ich, dass der Verlust der Worte für viele Menschen ein wichtiger Schlüssel zum Schreiben ist.“ Ihr wird das Schreiben so zum „Lebenselixier“, zum letzten Halt. Heute, sagt sie, lebt sie, „um zu schreiben, und schreibt, um zu leben“ - und vermittelt anderen Menschen, wie sie diesen Weg zur Heilung der Seele gehen können. („Federleicht. Die kreative Schreibwerkstatt.“, Integral Verlag)

Schreibend können wir Krisen überwinden, persönliche Themen intensiv erforschen, unseren Schmerz verarbeiten, unsere Träume kennenlernen und pure Lebenslust und Schaffenskraft erfahren - unabhängig von Alter und Fitnesslevel, korrekter Grammatik oder Stilkunde. Der Anfang ist immer, ein Wort auf ein Blatt Papier zu setzen. Und dann noch eines, und noch eines …

Darum schreibt! Papier ist billiger als Leinwand. Und nicht zu vergessen: Geduldig ist es noch dazu!


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Martina Pahr lebt vom Schreiben und in München, und zwar beides sehr gern. Mehr zu ihr auf www.martinapahr.de