Samstag, 26. Mai 2018

Plausibilität erschaffen

Plausibilitätsstrategien anhand von Juli Zehs Gesundheitsdiktatur in „Corpus Delicti“

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich voller Vorfreude den zweiten Band einer Trilogie angefangen und wurde schon nach den ersten paar Kapiteln stutzig. Ich denke, jeder hatte mal so einen Augenblick in einer Lesehistorie. Plötzlich ergibt eine Szene keinen Sinn mehr. Gründe gibt es dafür wohl viele. Der Autor hat aus Versehen einen Namen verwechselt, der Handlungsstrang wird plötzlich gewechselt oder etwas Absurdes tritt ein. Um diesen letzten Fall soll es nachfolgend gehen. Wie können wir als Autoren Absurdes vermeiden und in welchen Fällen müssen wir das überhaupt? 




Was heißt/meint/bezeichnet Plausibilität eigentlich?

Nun, die einfachste Lösung wäre wohl zu sagen, dass uns etwas einleuchtend oder auch logisch erscheint. Diese Annahme deckt sich mit der Alltagsdefinition des Begriffes, jedoch geht eine wissenschaftliche weit darüber hinaus. Wieso aber könnte eine wissenschaftliche Definition für einen Autor interessant sein? Wohl hauptsächlich, weil sie auch die zwei Gegenpole, in deren Mitte sich die Plausibilität befindet, miteinbezieht: Offenkundigkeit und Absurdität. Nach Martin Böhnert und Paul Reszke¹ entscheidet die Verstehensumgebung eines Individuums oder einer Gruppe darüber, ob etwas als absurd, plausibel oder offenkundig gewertet wird. Etwas wird dadurch plausibel, dass es als mögliche Wahrheit ins Auge gefasst wird und somit mehrheitsfähig als Alternative zu gängigen Überzeugungen fungieren kann. Der Schritt von plausibel zu offenkundig ist etwas zielgerichteter: Nur etwas das einen Wahrheitsanspruch nicht nur erheben, sondern auch belegen kann, wird als alternativlos und somit offenkundig bewertet.

 

Wieso muss ich etwas überhaupt plausibel sein/erscheinen lassen? Was passiert, wenn ich es mit der Plausibilität über- oder untertreibe?

Wir alle kennen diese Geschichten, in denen absolut nichts miteinander harmoniert und wir uns fragen müssen, ob der Autor seine Erzählung überhaupt richtig durchdacht hat und wieder andere, in denen alles zusammenpasst und wir uns über eine gelungene Erzählung freuen dürfen. Als dritte Gruppe könnte man noch jene Geschichten aufzählen, die nur so vor Detailreichtum strotzen, um bloß jede mögliche Unstimmigkeit auszuschließen und die Handlung unter einem riesigen Haufen an Nichtigkeiten begraben. Ersteres entsteht bei Nichtbeachtung der Plausibilität, letzteres bei einer Überbewertung derselben. Beides wollen wir als Autoren natürlich vermeiden! 

 

Welche Strategien kann also ein Autor verwenden, um Plausibilität zu erschaffen?

Da Plausibilität, wenn sie wie oben beschrieben aufgefasst wird, graduell strukturiert ist, kann sie auch durch im weitesten Sinne sprachliche Strategien beeinflusst werden. Um manche dieser „Strategien“ einmal vorzustellen, folgt nun eine beispielhafte Analyse von Juli Zehs „Corpus Delicti“

Inhaltsbeschreibung des Verlags²: „Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht diese Innenausstattung aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden. Mia Holl will beweisen, dass ihr Bruder, verurteilt wegen einer angeblichen Vergewaltigung, unschuldig ist. Sie gerät also in Stellung gegen das System, hier »Methode« genannt, auch aus Liebe zu ihrem Bruder, der sich das Leben nahm.“


 

Hierzu wurden zwei Leitfragen entworfen, welche ich nachfolgend beantworten möchte.

 

Wie wird plausibel gemacht, dass Gesundheit in allen Ebenen der Gesellschaft als höchstes Gut gilt?

Die Plausibilität einer Aussage/einer Situation/eines Handlungsstranges erkennt man meist nicht an einer einzelnen Stelle. Sie zieht sich durch eine Handlung und verlangt immer wieder erneute Legitimationen durch Charaktere, den Erzähler oder die Umgebung. In Juli Zehs Buch ist es die METHODE, die Regierung der Gesundheitsdiktatur, welche durch Mia Holl den Status der Offenkundigkeit aberkannt bekommt und in den der Plausibilität wechselt.

Wir als Leser sollen diese Veränderung nachverfolgen und am besten auch mitfühlen. Die Handlung bezieht in mannigfaltigen Wiederholungen die Definition von Gesundheit mit ein. Diese Definition wird von der METHODE verbreitet und im Verlauf der Handlung von der Hauptfigur immer weiter hinterfragt. Mia Holl steht dem System zwiegespalten gegenüber. Einerseits versteht sie die Ziele und Methoden der Regierung und hält diese, auch zum Ende der Erzählung, für plausibel. Andererseits will sie den Selbstmord ihres Bruders und die Anklage gegen ihn verstehen und beginnt die METHODE zu hinterfragen. Auch ihr eigener Prozess lässt sich in diese Zwiespältigkeit einbeziehen. Für den Leser ergibt sich somit ein stimmiges Gesamtbild.

 

Wie wird eine mögliche Gesellschaftsrelevanz des Romans plausibel gemacht? In welchen Gesellschaftsbereichen findet das Thema unserer Erzählung anklang?

Am Beispiel von „Corpus Delicti“ zeigt sich diese Relevanz am ehesten im Bereich der Medien und der Wissenschaft. Für die Medien ist ein Thema, das in Ansätzen auch unsere Lebenswelt beeinflusst, immer ein gefundenes Fressen. Juli Zeh nimmt sich ein Thema (Gesundheit), das für uns sowieso eine große Relevanz hat und spitzt diese immer weiter zu. Folge ist eine Gesundheitsdiktatur in der nicht nur futuristisches verarbeitet wird, sondern auch viele parallelen zum heutigen Leben hergestellt werden können (Smart-Watches, Fitness-Tracker u. Ä.). Auch im Bereich der Medizin findet Zeh einen Anknüpfungspunkt: Je wichtiger das Thema Gesundheit für das Individuum wird, desto wichtiger wird es auch für Medizin, Politik und Recht.

Bei Juli Zeh handelt es sich um eine Autorin, bei der man gerne auch reale Bezüge mitbedenken sollte. Schon seit längerem appelliert sie gegen den „Gesundheitswahn“ der heutigen Generation und zeigt mit ihrem Buch überspitzt, aber deutlich, wohin uns dieser führen könnte. Wer mit politischem, kulturellem, religiösem oder ideologischem Hintergrund schreibt, eine Aussage treffen will und in den Köpfen der Leser einen Stein ins Rollen bringen will, sollte sich auch die Frage nach der Gesellschaftsrelevanz des eigenen Werkes stellen.



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¹ Reszke/Böhnert: Linguistisch-philosophische Untersuchungen zu Plausibilität
² https://www.schoeffling.de/buecher/juli-zeh/corpus-delicti


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Zum Weiterlesen:
 


Jenny bloggt außerdem auf www.jennifergreve.wordpress.com/