Mittwoch, 25. April 2018

Fantasie und Realität – die Zweite

„Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung.“
Eugène Ionesco

Wie verknüpfe ich Fantasie und Realität? Wie verknüpfe ich zwei scheinbare Gegensätze so, dass es dem Leser plausibel erscheint? Nun, zuerst einmal durch das Gegenüber/Nebeneinander/Ineinander von phantastischer und real-fiktiver Ebene, durch z.B. eine oder mehrere betretbare Parallelwelten, verschiedene Parallelzeiten innerhalb des Zeitreise-Motivs oder in Form einer parallelen, unerreichbaren Existenzebene. Die irreale Welt kann dabei in die reale einbrechen oder scheinbar natürlich ein Teil davon sein. Dabei stellt sich die Frage: Wie reagiert die Hauptfigur des eigenen Textes? Ist sie neu- und wissbegierig, oder fürchtet sie sich vor der „fremden Welt“?



Beide Haltungen können ohne Probleme auf das eigene Leben der Leser (und auch auf unseres) übertragen werden. Lässt sich unsere Hauptfigur von Vorurteilen leiten und stößt das ihr Unbekannte von sich oder überdenkt sie ihre Vorurteile/hat vielleicht auch gar keine und heißt das Fremde willkommen?

Die Grundwerte des Menschen (Freundschaft, Partnerschaft, Familie, Verantwortung), die in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichen Ausprägungen relevant sind, spiegeln sich auch immer wieder in phantastischen Erzählung wieder. Darüber hinaus wird die reale Welt zwar verfremdet dargestellt, die Grundlagen (Moral, Kultur, Religion) sind jedoch trotzdem in verschiedenen Ausprägungen vorhanden. Im Gegensatz zur High Fantasy, in der die real-fiktive Welt zu Gunsten einer phantastischen Welt verworfen wird, finden sich in Fantasy-Texten immer auch konkrete Verweise auf die reale Lebenswelt der Leser. Dies resultiert u. a. aus der Verwendung einer real-fiktiven Ebene als Gegensatz zur phantastischen oder als Erweiterung derselben. Bezüge z.B. für Jugendliche können dabei allein schon im oft verwendeten Schulalltag der Protagonisten gefunden werden (Harry Potter-Reihe, Liebe geht durch alle Zeiten-Reihe u. ä.). Komplexe Themen wie Toleranz, Verständnis und Offenheit gegenüber fremden Kulturen ebenfalls oft eingebaut.

Der Grundwert der Freundschaft wird oft sehr ausführlich behandelt. Viele Protagonisten haben maximal eine Handvoll beste Freunde, welchen sie sich anvertrauen und mit denen sie ihre Probleme besprechen. Der Halt und die Unbeugsamkeit solcher Freundschaften wird dabei zumeist durch Bewährungsproben infrage gestellt. Gerne sollte man im eigenen Text auch die Vergänglichkeit von Bekanntschaften oder Freundschaften mit einfließen lassen. Neue Reise- oder Abenteuergefährten können immer hinzugewonnen werden, die wenigsten begleiten einen aber den ganzen Weg. Auch dieses Gefühl kennen sowohl Jugendliche als auch Erwachsene zur Genüge. Wer saß nicht schon mal nachdenklich herum und hat sich gefragt, was aus den vielen Freundschaften geworden ist, die man während seiner Schulzeit hatte? Wo sind all die BFFs hin? Waren es vielleicht doch eher Bekanntschaften als wahre, beständige Freundschaften?

Den Grundwert der Partnerschaft kennen wir unter anderem aus der „Romantasy“ (Romantic Fantasy), aber auch aus erotischen Fantasy-Büchern oder aus phantastischen Jugendbüchern. Letzteres beschäftigt sich dabei oft mit der Gefühlswelt der ersten Liebe. Gerade Jugendliche, die ihre erste Liebe erleben, diese vielleicht scheitern sehen, können sich mit solchen Aspekten bzw. Bezügen identifizieren. In allen drei Beispiel-Genres gibt es allerdings mehrere Arten von Liebe, die vertreten sind und alle möglichen Konstellationen von Personen und Partnerschaften. Die verschiedenen Arten und Ausdrücke von Liebe zeigen sich auch in der realen Lebenswelt der Leser immer wieder aufs Neue. Deshalb bleibt hier nur zu sagen: Wollen wir wirklich schon wieder ein Bella-Edward-Jacob-Trio oder ein Katniss-Peeta-Gale-Trio? Nicht, dass diese Konstellationen grundsätzlich schlecht wären. Sie bieten immer eine Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Was mich persönlich immer ein wenig abstößt, ist so etwas wie: Wieso hat es zwischen Person A und B nicht geklappt, dafür zwischen A und C, wenn C doch nichts anders macht? Werdet mal richtig kreativ und tobt euch aus!

Geht man einen Schritt weiter und schaut auf die Familienkonstellationen, zeigt sich eine große Vielfalt derselben. Der Typus des waisen- bzw. halbwaisen-Kindes (Harry Potter-Reihe, Gregor-Reihe u. ä.) findet sich nicht mehr so oft wie man das vermuten würde. Dieses Wegbewegen von den Standartkonstellationen von Familien ist heutzutage gang und gäbe und eröffnet eine weitere Identifikationsmöglichkeit. Wie wollt ihrs also haben? Zwei Familien, vielleicht sogar drei? Eine unbekannte Adoption? Vertauschte Kinder? Stiefbeziehungen? Oder doch lieber ein Waisenkind? Mit allen Optionen könnt ihr wild herumspielen. Hier ein kleines Beispiel: Nur weil jemand Waise ist, muss er noch lange nicht einsam sein. Gebt ihm ein ganzes Waisenhaus zur Familie.

Das Anerkennen von Verantwortung als eigne Aufgabe ist eigentlich ein Prozess, den Jugendliche während des Erwachsenwerdens durchlaufen. Gerne würden wir uns einreden, dass wir (so erwachsen wie wir schon sind) das schon hinter uns haben. Man sollte bei diesem Punkt aber auch die eigene Starrköpfigkeit und den Wunsch nach Unabhängigkeit im Kopf haben. Manchmal ist es sogar noch einfacher: Nur weil wir wissen, dass wir für etwas die Verantwortung tragen, muss uns das noch lange nicht kümmern. Oder wir geben uns für etwas die Schuld (und übertragen so die Verantwortung auf uns), für das wir nichts können. Jeder hat schon einmal ein Buch gelesen und hatte an spezifischen Stellen den Gedanken: Wieso tut er/sie das? Es ist seine/ihre Schuld, dass das und das passiert ist! Hätte er/sie nur genauer aufgepasst. Wieso lastet er/sie sich etwas an, dass er/sie nicht verschuldet hast? Das war nicht seine/ihre Verantwortung.

Neben diesen Grundwerten werden noch viele weitere Themen in den Büchern eingebaut und verarbeitet. Besondere Relevanz erhält hierbei die Konfrontation der Protagonisten mit einer Fülle an negativen Lebensumständen, Situationen und Gefühlen, die dem Wunsch nach Sicherheit entgegenstehen. Tod, Krankheit und Gewalt sowie Angst, Leid, Schmerz und die eigene Fehlbarkeit sind nur ein paar Beispiele dafür, was Jugendliche und Erwachsene in ihrem Leben erfahren müssen. Ebendiese Themen werden auch in phantastischen Büchern behandelt. Auch wenn die Welt um die Figur herum vielleicht erfunden ist, bleiben Gefühle doch ein Punkt, mit dem wir uns als Leser identifizieren können.

Egal was wir selbst für Bücher lesen oder was für Bücher wir schreiben, wir tun es nicht um eine Lehre (Tu dies nicht. Tu das nicht.) zu verbreiten. Obwohl immer wieder Geistesblitze und moralische Regeln eingebaut werden, gibt es nicht die eine Lehre, die aus den Büchern mitgenommen werden kann. Es sind stattdessen viele, kleine Wahrheiten, die sich zwischen den Zeilen verstecken. Es geht um das Miterleben der einzelnen Abenteuer. Das kann eine fast banale, oder eine extreme Situation sein. Erlebnisse die nebensächlich und banal wirken, können im richtigen Rahmen zu lebensverändernden Ereignissen mutieren. Auch wir als Autoren sollten das NIEMALS vergessen. Man liest viel lieber eine mitreißende Geschichte, die zum Nachdenken anregt als eine, die einem ins Gesicht brüllt, was man möglicherweise in seinem Leben alles falsch macht! Vielleicht ist Lesen ab und an eine Flucht aus der Wirklichkeit, aber ganz verlassen können wir diese nie. Dafür gibt es viel zu viele Parallelen zu unserer eigenen Lebenswelt!

„Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heißt, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.“
Eugène Ionesco 
 
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Jenny bloggt außerdem auf www.jennifergreve.wordpress.com/

 

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