Samstag, 21. April 2018

Charakterbögen – Pressen in Vorgaben oder hilfreiches Tool?

Sucht man im Internet nach Charakterbögen, findet man unzählige Vorlagen. Egal, ob wenige Punkte oder zutiefst detaillierte Listen, was auch immer man braucht, der Autor wird fündig.[1]

Es gibt Befürworter und Gegner. „Ich will plastische Figuren erschaffen, die sich organisch entwickeln“, ist eine häufige Aussage derer, die von erwähnten Charakterbögen nicht allzu begeistert sind. Und ganz unberechtigt ist dieser Einwurf auch nicht. 



Wenn man einen solchen Bogen einfach nur von oben nach unten ausfüllt und überall irgendetwas einträgt, damit keine Lücken bleiben, kann dabei eine Figur entstehen, die nicht sehr glaubwürdig ist. Schnell gibt es Widersprüche, weil unbedingt Wunden existieren müssen, die aus der Vergangenheit der Figur resultieren, doch sie passen überhaupt nicht zum jetzigen Verhalten der Figur. Oft liegt es daran, dass man zu Beginn der Geschichte seine Figur noch nicht gut genug kennt und sie daher auch noch gar nicht vollständig im Charakterbogen notieren kann.

Dem kann man aber entgehen. Ich nutze solche Charakterbögen beispielsweise seit Jahren sehr gern. Niemand sagt, dass man stur ausfüllen muss und dann nichts mehr ändern darf. Im Gegenteil. Die Option, die Eintragungen anzupassen, ist sogar wichtig. Zumindest dann, wenn man zu Beginn den Charakterbogen gleich vollständig ausfüllt.

Meine Herangehensweise ist etwas anders.

Ich fange damit auch recht früh im Plotprozess an, doch ich trage nur ein, was ich bereits über meine Figur weiß. Oft sind das überwiegend äußerliche Aspekte, aber vielleicht auch schon eine Angst, die die Figur in sich trägt und auch ein Ziel. Im Laufe meines sehr umfangreichen Plotprozesses ergänze ich dann den Bogen und vermerke dadurch Details, die mir sonst vielleicht entfallen würden. Für mich ist dieser Charakterbogen also eher eine Gedankenstütze zu meiner Figur/ den wichtigsten Figuren. Diejenigen, die nicht viel Zeit auf die Planung verwenden, sondern lieber entdeckend schreiben, können den Charakterbogen auf dieselbe Weise nutzen, indem sie sich während des Schreibens Informationen über ihre Figuren in den Charakterbögen vermerken oder auch im Anschluss beim ersten Lesedurchgang. Sind die Informationen gebündelt, fallen einem Ungereimtheiten auch viel besser auf, was m. E. ein weiterer Vorteil dieser Bögen ist.



Wie seht ihr das? Nutzt ihr Charakterbögen oder findet ihr sie überflüssig?

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[1] Charakterbogenbeispiele
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Zum Weiterlesen:

Mel lebt als bislang unveröffentlichte Autorin in Berlin und arbeitet seit ein paar Jahren regelmäßig an Romanprojekten, in denen sie mit jedem neuen ihre Fähigkeiten des Schreibhandwerks zu verbessern lernt. Wer sich mit ihr austauschen möchte, kann sie hier finden.