Samstag, 27. Januar 2018

Writing Excuses – Master Class #07: Wer sind denn eigentlich all diese Leute?

Wir sind nun alle im neuen Jahr angekommen und es geht weiter mit den Writing Excuses. Der letzte Artikel zu diesem Thema handelte von den sogenannten „Magischen 1%“. Hier könnt ihr noch einmal nachlesen, warum ihr auch einen genaueren Blick auf eure Nebencharaktere werfen solltet.

In den heutigen Writing Excuses geht es darum, wie ihr mehrere Charaktere entwerfen und sie unverwechselbar gestalten könnt. Nun stellt euch einmal vor, ihr habt einen großen Cast für eure Story. Aus diesen Leute müsst ihr die Idealbesetzung für eure Geschichte finden. Welche Charaktere braucht ihr wirklich? Aber überlegt euch genau, ob die Figuren die Story vorantreiben oder ob sie überflüssig sind. Die Podcastautoren zeigen uns,wie wir dies erkennen lernen und welche unterschiedlichen Charakterkategorien es gibt.



Ein bisschen könnt ihr euch das Ganze wie in einem Gemälde vorstellen. Ein Bild lebt aufgrund seiner Räumlichkeit: Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Überträgt man das auf einen Text, erhält dieser mehr Tiefe/ Räumlichkeit.

Es gibt nicht nur die
Hauptcharaktere – die Helden in eurer Story. Sie aber bilden den Vordergrund eurer Geschichte. Neben den Nebencharakteren, die im Mittelgrund zu finden sind, gibt es in jeder Story auch die so genannten „spear carrier“. Diese Charaktere füllen den Hintergrund aus. Dazu später etwas mehr dazu.

Aber Vorsicht! Zu viele Charaktere können die Geschichte sehr in die Länge ziehen. Überlegt euch vorher genau, ob ihr sie wirklich braucht, oder ob sie für euch nur Hindernisse darstellen. Ihr müsst euch entscheiden, für welche Probleme und Rollen ihr Charaktere einsetzen wollt. Warum sind sie wichtig für den Plot? Was wollen sie eigentlich? Was ist ihre Motivation? Alle Charaktere (vor allem
Haupt- aber auch Nebencharaktere) brauchen Konflikte und Wünsche, die auch außerhalb des Plots liegen können. Aber achtet darauf, dass ein Nebencharakter nicht plötzlich die Geschichte übernimmt und sich nur auf den Protagonisten fixiert. Am besten eignen sich hierfür Figuren, die eine Kultur oder eine Gesellschaft repräsentieren, die eine bestimmte Rolle bedienen. Sie müssen einen Grund haben, warum gerade SIE in der Story dabei sind oder warum sie gerade das tun, was sie eben tun.

Zudem gäbe es auch noch die
Hintergrundcharaktere. Im Podcast werden sie „spear carrier“ - also Speerträger - genannt. Ihr müsst euch – zum besseren Verständnis – einfach einen Charakter vorstellen, der zum Beispiel in der Oper „Aida“ im Hintergrund steht und einen Speer trägt, aber nichts weiter zur Story beiträgt. Sie gehören einfach zur Szenerie. Würden diese im Abspann erwähnt werden, wären sie nur „der Mann mit Speer Nummer 1“. Sie haben keinen Namen und so gesehen keine Sprechrolle. Aber auch für diese Charaktere müsst ihr Zeit investieren. Sie gestalten quasi eure Szene. Sie können Hindernisse darstellen. Sie sind nicht der Antagonist, aber sie können Probleme verursachen oder sogar lösen, wenn sie zum Beispiel wichtige Hinweise liefern, die zur Lösung eines Mordfalls nötig sind.

Die richtige Anzahl an Charakteren zu finden, ist oft gar nicht so leicht, ebenso wenig wie die passenden Rollen für sie. Im Podcast wird der Film „Ocean's Eleven“ als typisches Heist-Movie vorgestellt. Diese beschäftigen sich zumeist mit einem lang geplanten, spektakulären Raub. Hier finden wir einen sehr großen Cast vor, schließlich kann Ocean das Casino
Bellagio nicht alleine überfallen. Nicht jeder dieser unterschiedlichsten Spezialisten fungiert auch als typsicher Nebencharakter. Für den Diebstahl wird zum Beispiel ein „Hacker“ angeheuert, weil er gut in solchen Dingen ist. Aber mehr auch nicht. Er steht mit niemandem im Konflikt und macht sein eigenes Ding, treibt aber aufgrund seiner Taten die Handlung voran und dadurch, dass er ein Teil von Oceans Team ist, steht er auch in einer Beziehung zum Hauptcharakter.

Ein wenig anders sieht es bei den Mechanikern aus. Die beiden Brüder haben wirkliche Persönlichkeiten und sind mit Konflikten konfrontiert, die ein Leben abseits des Plots betreffen. Dadurch bekommen sie deutlich mehr Tiefe, auch wenn ihr privates Leben keine größere Rolle für den Plot spielt. Ganz anders ist es beim Protagonisten Ocean. Seine Konflikte entstehen aufgrund seiner Exfrau Tess, die „zufälligerweise“ die Kuratorin der Gemäldegallerie des
Bellagio ist. Durch Tess erhalten wir nicht nur einen Einblick in die Vergangenheit Oceans, sondern sie ist zudem auch wichtig für den Fortgang der Geschichte und löst Konflikte aus. Denn Ocean möchte sie zurückhaben...

Ich hoffe, an diesem Beispiel wurde euch der Unterschied in der Charakterpyramide klar. Auch eure Nebencharaktere wollen etwas, haben Ziele und eine bestimmte Motivation (bei Ocean's Eleven wäre das der ultimative Coup und die Unterstützung Oceans). Doch diese dürfen die eigentliche Story nicht übernehmen. Es sollten sich daraus keine eigenen Seitenstränge entwickeln, die nichts mit dem Plot zu tun haben. Die Gefühle euerer Nebencharaktere müssen sich alle auf den Protagonisten richten. Sie müssen sich nicht alle in ihn verlieben, aber sie sollten in einer Beziehung zu ihm stehen und diese bringt Gefühle mit sich.

An erster Stelle sollte es euer Ziel sein, Nebencharaktere zu entwickeln, die auch wirklich euren Plot voranbringen, und keine schmückende Szenerie. Ansonsten lauft ihr schnell Gefahr, euren Protagonisten aus den Augen zu verlieren. Diese Speerträger schmücken eure Szenen aus, können Stereotypen darstellen und stehen nicht in irgendeiner Beziehung mit eurem Hauptcast. Sie sind schlichtweg Beiwerk.

Unsere Podcast-Crew hat natürlich wieder eine Schreibaufgabe im Gepäck. Allerdings möchte ich euch an dieser Stelle lieber eine Übung vorstellen, die eigentlich ein Bestandteil der
Schneeflocken-Methode ist, aber meiner Meinung nach hier sehr gut reinpasst. Ich habe sie mit meiner Schreibschwester Julia (ihr kennt sie aus unserem letzten Artikel) bereits in unserem aktuellen Schreibprojekt erprobt. Wir sind sehr angetan und es macht wahnsinnig viel Spaß. Es geht darum eure Haupt- und Nebencharaktere die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive erzählen zu lassen. Ihr lernt dabei sehr viel über die Geschichte, über eure Hauptcharaktere und könnt so testen, wie die Nebencharaktere in eure Story passen oder wie sie diese beeinflussen. Zudem könnt ihr auf diesem Weg herausfinden, wo ihr passive Figuren als Beiwerk benötigt. Uns hat es sehr geholfen und hat uns noch einmal deutlich gemacht, in welcher Beziehung unsere Nebencharaktere zum Hauptcharakter stehen, wo sich Nebenplots entwickeln dürfen und wo sie weniger der Story dienlich wären. Probiert es einfach mal aus. Es ist schließlich nicht eure Geschichte, sondern die eurer Charaktere. Und wer könnte die Story besser erzählen, als eure Figuren selbst?

Eure Aufgabe ist für dieses und nächstes Mal also:

Schreibt eure Geschichte aus der Sicht eurer Charaktere. Ihr werdet überrascht sein, was sie euch erzählen. (Für die Hauptcharaktere könnt ihr ruhig eine Seite schreiben, eure Nebencharaktere können sich natürlich kürzer fassen).


Lasst mich an euren Erfahrungen teilhaben und schreibt mir, wie euch diese Methode gefällt.

Bis zum nächsten Mal. Dann beantwortet die Podcastcrew Fragen zum Thema Charaktergestaltung.

Eure Anki
Hier geht’s zur Podcastfolge.

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Zum Weiterlesen:

Fasziniert von der Welt, mit zu vielen Hobbys im Gepäck, versucht Anki ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Worten, aber auch mit Foto und Design greift sie auch anderen gerne unter die Arme. Willkommen beim Zeitfänger!