Mittwoch, 17. Januar 2018

Novelle – Überflüssige Kunstform oder praktische Kurzform?

Wie die Überschrift schon verrät, möchte ich hier und heute der Frage nachgehen, ob „kleine Neuigkeiten“, wie „Novellen“ übersetzt heißen, eigentlich noch zeitgemäß sind, man sie dementsprechend auch ab und zu nutzen sollte oder ob sie doch eher antiquiert sind und wir sie gleich getrost wieder aus unserem Kopf verbannen können.


Ein Blick zurück zu den Anfängen

Sehen wir uns dafür zunächst einmal an, wie diese Textart entstanden ist.

Die Ursprünge der Novelle sind im Mittelalter (13. Jahrhundert) zu finden, als Troubadure ihre Lebensgeschichte anonym verfasst haben. Sie haben etwas Neues, Außergewöhnliches mit tragischen Verwicklungen erzählt. Kurz darauf – aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen 1349 und 1353 – verfasste Giovanni Boccaccio seinen „Decamerone“, der noch heute als Urbild der Novelle gilt. Als zur damaligen Zeit die Pest in Florenz wütete, haben sich Adeligen, denen in ihrem Exil auf dem Land langweilig wurde, an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten erzählt. So besagt es zumindest Boccaccios Rahmenerzählung und daher nimmt dieser auch den Namen „Decamerone“ (10-Tage-Werk). Durch die verschiedenen Epochen hinweg hat sich diese Literaturform gehalten, bis sie schließlich im poetischen Realismus (1850 – 1899), z.B. bei Theodor Storm, und der Neuzeit, z.B. bei Stefan Zweig oder Günther Grass, ihren Höhepunkt findet.


Der Versuch einer Begriffsbestimmung

Genauso alt wie sie ist, genauso viele (leider teilweise recht verschiedene) Definitionsversuche gibt es zur Novelle. Obwohl der Begriff in Deutschland erst recht spät auftauchte, befassten sich natürlich auch viele bekannte deutsche Autoren mit dieser Gattung, allen voran Goethe oder auch Storm. Während Johann Wolfgang von Goethe es beispielsweise dabei belässt, die Novelle als „sich ereignete, unerhörte Begebenheit“ (1827 im Gespräch mit Eckermann) zu bezeichnen, also sehr frei in seiner Begriffsbestimmung bleibt, gibt Theodor Storm wesentlich mehr vor. Er spricht von einem im Mittelpunkt stehenden Konflikt, von welchem aus sich das Ganze organisiert. Die Novelle – so Storm – sei die Schwester des Dramas und strengste Form der Prosadichtung (Storm in einem Brief an Brinkmann, 1851). Dementsprechend besitzt die Novellen normalerweise auch bekanntes 5-Akt-Schema (Exposition, Steigerung, Höhepunkt, fallende Handlung mit retardierendem Moment, Katastrophe).


Wesentliche Merkmale in Abgrenzung zu zwei anderen Prosaformen (Roman und Kurzgeschichte)

Doch was macht nun eigentlich eine Novelle aus? Bei allen verschiedenen Ansätzen bleiben folgende Punkte im Wesentlichen immer gleich und können deshalb als Merkmale herangezogen werden:
  1. Sie ist „klein“ (wie der Name ja schon sagt). Jedoch ist auch die KURZgeschichte nicht allzu lang, weshalb dieses Kennzeichen alleine nicht ausreicht, um eine Novelle zu beschreiben. Aber zumindest unterscheidet sie sich hierin vom Roman.
  2. Es gibt nur einen Handlungsstrang, teilweise aber mit Erzählrahmen (vgl. Theodor Storms „Schimmelreiter“ oder eben Boccaccios „Decamerone“). Während im Roman nicht selten mehrere Erzählstränge möglichst kunstvoll miteinander verwoben werden, beschränken sich die Kurzgeschichte sowie die Novelle auf einen.
  3. Es geht um etwas Kurioses. Nun ja, auch in der Kurzgeschichte und im Roman kann man über etwas Eigenartiges/ Skurriles schreiben. Also ist auch das kein Alleinstellungsmerkmal der Novelle.
  4. Es gibt einen Wendepunkt. Dieser ist jedoch auch typisch für Kurzgeschichten und selbst in Romanen findet man einen solchen häufig.
  5. Die Novelle besitzt einen „Falken“ (geht zurück auf Boccaccios „Falkennovelle“ im Decamerone: Einem verarmten Ritter, der sich verliebt hat, ist nichts geblieben, außer einem Falken, der nun seinen wertvollsten Besitz darstellt. Als seine Angebetete eines Tages zum Essen zu ihm kommt, opfert er das Tier und serviert es. Allerdings hat die Dame den Falken des Ritters erbitten wollen, um einem kranken Jungen zu helfen. Der Junge stirbt daraufhin und vererbt besagter Dame aber sein Vermögen, woraufhin diese den armen Ritter ehelicht), also ein zentrales Element, ein Dingsymbol, eine Art roter Faden. Dies ist nun das wichtigste Alleinstellungsmerkmal. Während im Roman und in der Kurzgeschichte schon auch einmal rote Fäden zu finden sind, wird die Novelle von diesem bestimmt. Meist findet man dieses Dingsymbol bereits im Titel, so beispielsweise bei „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff, und alles Handeln wird darauf konzentriert.
  6. Zur Kurzgeschichte grenzt sich die Novelle zudem durch ihre geschlossene Form ab (zur Erinnerung: Kurzgeschichten haben ein offenes Ende). 

Das Formale alleine reicht also nie zur Kennzeichnung aus, sondern v.a. die inhaltlichen Merkmale müssen zutreffen, damit von einer Novelle gesprochen werden kann.*


Novellen schreiben oder nicht – das ist hier die Frage

Kommen wir nun zu der eingangs gestellten Frage, ob die Novelle noch zeitgemäß ist. Georg Lukács, ungarischer Philosoph und Literaturwissenschaftler, hatte dazu eine eindeutige Meinung. Er sagte, während ein Roman ein ganzes Leben abdecke, zeige die Novelle nur eine Episode aus diesem und mache den Rest überflüssig. Da wir aber mittlerweile keine Episoden mehr fänden, die das schafften, sei die Novelle tot.

Hier muss ich jedoch vehement widersprechen. Ich finde, eine Novelle zu schreiben, erfordert zwar etwas Geschick, z.B. eben um die geeignete Episode zu finden, um es mit Lucács zu sagen, ist aber durchaus – auch heute noch – reizvoll und zeitgemäß. Kurzgeschichten schreiben sich vielleicht recht schnell und viele Autoren mögen sie gern, allerdings wird heutzutage auch viel als Kurzgeschichte bezeichnet, was eigentlich keine ist. Oft ist hier schon die Verwandtschaft zur Novelle gegeben (beispielsweise wenn eine Kurzgeschichte kein offenes Ende hat). Warum also nicht einfach einmal etwas mehr wagen?

Durch den strikten Aufbau und den Erzählrahmen hat man als Schreiberling zudem etwas, an dem man sich „entlanghangeln“ kann, was einem Struktur vorgibt, ohne dass man sich in zu vielen Handlungen verstrickt. Während einige neue Autoren einen Roman vielleicht nicht beenden können, weil er zu lang und zu verworren geraten ist oder einfach neben dem normalen Alltagswahnsinn zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde, kommt eine Novelle, aufgrund der Kürze, mit wenig Handlung und wenig Personen aus, was sich zeitlich und strukturmäßig positiv bemerkbar macht.

Außerdem kann man sich so in verschiedenen Genres probieren. Eine Science-Fiction-Novelle oder eine Gruselnovelle? Was darf es sein? Beides! Denn auch das lässt sich durch die relative Kürze viel schneller schaffen als im Roman.

In Bezug aufs Self-Publishing ist eine Novelle zudem sicherlich schneller und leichter zu veröffentlichen als ein Roman. Hinzu kommt, dass eine Novelle ja durchaus auch so kurz sein kann, dass sie in einer Anthologie Platz findet, was einen zusätzlichen Vorteil bietet.

In meinen Augen spricht wirklich nichts gegen das Schreiben einer Novelle, im Gegenteil. Man muss sich nur aus seiner Komfortzone (z.B. Kurzgeschichte) herauswagen und einen Blick über den Tellerrand riskieren. Deswegen: Auf die Novelle, fertig, los!


* „Novelle“-Seminar an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg bei Prof. Dr. Heinz Gockel 

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Zum Weiterlesen:


Vanessa Felber wurde in den 1982 im wunderschönen Städtchen Bamberg geboren und schreibt – seit sie schreiben kann – immer wieder (Kurz-)Geschichten, Märchen, Gedichte und Artikel, bisher aber hauptsächlich für ihre Schüler. Das soll sich nun langsam aber sicher ändern, da sie gemerkt hat, dass Schreiben einfach ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Außerdem gehört sie jener seltsamen Gattung Menschen an, die gerne lektorieren.