Mittwoch, 20. Dezember 2017

In English please! – Vom Schreiben in anderen Sprachen

Habt ihr schon einmal eine Geschichte in einer anderen Sprache verfasst? Oder macht ihr das regelmäßig? Falls ihr beide Fragen mit Nein beantworten könnt, dann probiert es unbedingt einmal aus. Es ist eine sehr profitable Erfahrung.






Genau so erging es mir dieses Jahr bei einem Projekt, das mich den ganzen Sommer über begleitet hat. Bis dahin hatte ich nur wissenschaftliche Arbeiten auf Englisch geschrieben, als ich noch an der Uni angestellt war; in Sachen Prosa war ich in dieser Hinsicht jedoch ein noch unbeschriebenes Blatt. Doch schon, als mich im März die ersten Ideen für das neue Projekt ereilten, hatte ich die Textfetzen und Dialoge auf Englisch im Kopf. Auch bei meinen deutschsprachigen Projekten passiert das häufig, lese ich doch seit Jahren – aus verschiedenen Gründen (schönere Cover, geringerer Preis, kein Vermurksen von Begriffen durch schlechte Übersetzung etc. pp.) – Bücher von englischen Autoren nur noch im Original. Wie oft habe ich in deswegen mit dem Gedanken gespielt, meine Geschichten zu übersetzen, um sie auch der internationalen Fanfiction-Community zugänglich zu machen, und den Gedanken wieder verworfen? Übersetzen ist so viel mühsamer als direkt in der anderen Sprache zu schreiben; der Text wirkt schnell hölzern, sofern man nicht von Beruf Übersetzer ist. Ganz zu schweigen davon, dass ich schlichtweg zu faul bin, diese Unmengen von Text noch einmal zu schreiben. Aber ein neues Projekt? Da konnte ich nicht widerstehen. Es verlangte mich nach einer neuen Herausforderung und dieses Projekt schrie förmlich danach, auf Englisch geschrieben zu werden.

Aller Anfang ist immer schwer. So war es auch hier. Bevor ich mit dem ersten Kapitel anfangen konnte, erfolgte eine umfangreiche Vorbereitung in Form von (pseudo-)wissenschaftlichen Sachtexten, die das Setting beschrieben, sowie der Story-Outline. Natürlich alles auf Englisch. Die Sachverhalte werden schließlich später im Text erwähnt und müssen verständlich und logisch nachvollziehbar beschrieben werden. Ich habe kein einziges Dokument für dieses Projekt in meiner Muttersprache verfasst, nicht einmal einen einzigen Kommentar im Text selbst.

In jeder neuen Geschichte braucht es eine Weile, bis man sich in ihr heimisch fühlt und ein Gefühl für die Charaktere entwickelt. Bei diesem Projekt kam noch die Umstellung im Hinblick auf die Sprache hinzu. In einer fremden Sprache zu lesen und darin zu schreiben, sind – selbst mit sehr gutem Sprachgefühl – immer noch zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Besonders in den ersten Kapiteln habe ich noch viele Sätze im Kopf übersetzt, anstatt sie direkt auf Englisch zu formulieren. Für den Anfang ist das in Ordnung, um in die andere Sprache reinzukommen. Grundsätzlich würde ich davon jedoch abraten, weil es meistens sehr hölzern klingt. Je länger man in der anderen Sprache schreibt, desto weniger ist man auf diesen Zwischenschritt angewiesen. Das Gehirn und die Finger gewöhnen sich um und das nicht nur bei der Zeichensetzung, die sich vor allem bei der wörtlichen Rede vom Deutschen unterscheidet. Nach einer Weile dachte ich nicht mehr darüber nach, was ich da tue und die Sätze formten sich direkt in der richtigen Sprache – ein Effekt, der ebenfalls einsetzt, wenn ich mich eine Weile auf Englisch unterhalte oder lese. Der Schreibprozess wurde dadurch flüssiger und die Geschichte schrieb sich wie von selbst.

Klingt zunächst einmal ziemlich ineffektiv, nicht wahr? Ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Durch den Wechsel zu einer anderen Sprache trainiert man sein Gehirn, seinen Wortschatz und seine Ausdrucksweise. Schon nach kurzer Zeit ertappte ich mich dabei, wie ich immer zu Englisch wechselte, wenn ich über meine Geschichte nachdachte. Und ich hörte auf zu schwafeln. Im Englischen schien das gar nicht nötig, weil ich oft sofort das passende Wort im Kopf hatte, wo ich im Deutschen einen umständlichen Nebensatz formuliert hätte. Erst da fiel mir auf, wie sehr die deutsche Sprache mich zum Schwafeln verleitet. Es scheint, als musste ich erst meine Wohlfühlzone verlassen, um das zu erkennen.

Wir benutzen unsere Muttersprache, ohne wirklich darüber nachzudenken; Lesen, Sprechen und Schreiben in ihr sind so natürlich wie Atmen. Natürlich überarbeiten wir unsere Texte, streichen überflüssige Nebensätze und Füllwörter, sind aber doch die ganze Zeit im Inertialsystem unserer Muttersprache gefangen. Es scheint, als wäre man umso achtsamer, je mehr man sich in fremden Gefilden bewegt. Insofern trainiert der Sprachwechsel auch unsere linguistische Achtsamkeit.

Das veränderte Sprach-/ Schreibgefühl macht die Überarbeitung keineswegs überflüssig oder einfacher. Wie viel sprachliche Überarbeitung nötig ist, hängt unter anderem von Übung, Wortschatzgröße und Sprachgefühl ab – alles Dinge, die mit der Zeit und mit genügend Ehrgeiz besser werden. Jede Sprache hat ihre Eigenheiten und mit diesen muss man sich vertraut machen. Eine gute sprachliche Überarbeitung ist immer wichtig, egal ob man in seiner Muttersprache oder einer anderen Sprache schreibt. In dem einen Fall laufen wir Gefahr betriebsblind zu werden, nutzen eventuell unbewusst unseren regionalen Dialekt; in dem anderen tappen wir in Fallen, die einem Muttersprachler nicht passieren würden. Ad hoc könnte ich nicht sagen, bei welchem meiner beiden Projekte die sprachliche Überarbeitung umfangreicher wäre. Formulierungen gehören zu den Punkten, an denen ich bis in alle Ewigkeit feilen könnte. Ausdrucks- und grammatikalische Fehler, die im Eifer des Gefechts passieren, springen mir bei der Überarbeitung sofort ins Auge. Sätze, bei denen ich nicht mehr weiß, was sie bedeuten sollen, werden umgeschrieben oder gestrichen. Schreibt man in einer anderen Sprache, empfiehlt es sich jedoch, mindestens einen Muttersprachler unter den Testlesern zu haben – egal, wie gut man die Sprache beherrscht. Ein Korrektorat durch einen Muttersprachler ist hier ebenfalls empfehlenswert.

Man sollte sich gut überlegen, ob man in einer anderen Sprache veröffentlichen will. Allgemein wird davon abgeraten. Generell sehe ich solche Pauschalisierungen jedoch kritisch. Es kommt immer auf den Einzelfall an und in der Muttersprache zu schreiben ist keineswegs ein Garant für schöne Sprache und Formulierungen (Beispiele dafür findet man genug, man muss dafür nicht einmal zu Werken wie „50 Shades of Grey“ greifen, wenn auch das eines der prominenteren ist). Mit viel Erfahrung und guten muttersprachlichen Testlesern ist es einen Versuch wert. Einer Übersetzerin aus meinem Dunstkreis zufolge sind gerade Engländer und Amerikaner von solchen Unternehmungen beeindruckt und hier findet man oft tatkräftige Unterstützung. Eine Arbeitskollegin schreibt nur auf Englisch und ist seit Jahren Mitglied einer englischen Autoren-Community. Mittlerweile hat sie sogar ein paar Kurzgeschichten veröffentlicht. Doch auch ohne solche Ambitionen kann man vom Schreiben in einer anderen Sprache sehr profitieren.

Mir hat der Wechsel in eine andere Sprache viele neue Impulse gegeben – nicht nur für meine deutschsprachigen Projekte. Mit einem Mal war da ein ganz anderes Sprachbewusstsein. Mir fiel schneller auf, ob ich das richtige Wort getroffen hatte, und wo ich mich in Schwafeleien verlor. Wie lange dieser Effekt anhält, wird sich zeigen. Ich habe für mich beschlossen, das englischsprachige Projekt fortzusetzen und mit meinen deutschsprachigen Projekten abzuwechseln, so dass im Idealfall beide davon profitieren. Was ich damit mache, wird sich dann zeigen.
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Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.