Sonntag, 1. Oktober 2017

Von Spielwiese bis Herzblut – warum wir Fanfiction brauchen

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.


„Und was hast du so für Hobbies?“

„Schreiben.“

„Cool! Was schreibst du denn so?“

„Ich bin Fanfiction-Autorin.“

[Kinnlade fällt] „Ist das nicht etwas für gestörte Teenager und Nerds?“


Ein Teenager bin ich mit meinen 35 Jahren ganz sicher nicht mehr, aber den Nerd kann ich nicht abstreiten. Noch kann ich so tun, als wäre ich „normal“. Denn meine Hochsensibilität hat mir über die Jahre diverse Neurosen eingehandelt, die man für gestört oder zumindest seltsam erachten kann, wenn man mich nicht näher kennt. Aber das ist nicht der Grund, warum ich (und ganz viele andere Menschen auch) Fanfiction schreibe.

Der Grund ist meine ewige Liebe zu einer Buchreihe mitsamt ihrer Welt und ihren Charakteren. Und mein absolutes OTP (one true pair), das durch den unnötigen Tod meines Lieblingscharakters auf brutale Weise auseinandergerissen wurde. Mittlerweile schreibe ich seit acht Jahren an meiner eigenen Fortsetzung und die Ideen wollen, angespornt durch meine Fanliebe, einfach nicht aufhören. Ich schreibe, weil so unglaublich viel ungenutztes Potential in diesen Büchern steckt, das ich ausschöpfen will. Ich schreibe, weil es so unglaublich viel zu erzählen gibt. Ich schreibe, weil ich für diese eine Sache mehr brenne als für alles andere.


Aber ist das nicht für uns alle, die wir schreiben, der Grund, aus dem wir schreiben?

Wenn ich mich mit anderen Autoren über das Schreiben unterhalte, sehe ich da keinen Unterschied zwischen ihren Motiven und meinen. Und doch sind die Leute eher geneigt auf jemanden herabzusehen, der seine Geschichten auf denen anderer basiert. Mir ist es schon häufiger passiert, dass andere Autoren dann sehr schnell das Interesse an einer Unterhaltung verlieren – haben die sich nicht mein Social Media Profil angesehen, bevor sie auf den Follow-Button geklickt haben? Und basiert nicht jede Geschichte auf einer anderen oder einer realen Begebenheit? Und basiert nicht jede Figur auf einer anderen oder echten Person?

Jedes Genre ist Vorurteilen ausgesetzt. Bei Young Adult sind es Mary Sues und Dreiecksbeziehungen, bei Historie schlechte Recherche (z.B. Kartoffeln im Mittelalter) und nach Frauenroman klingende Titel, bei Gay Romance Sex zwischen zwei heißen Typen und ein bisschen Drama, bei Erotik der Milliardär und das graue Mäuschen, bei Fantasy Schwarz-Weiß-Malerei undsoweiterundsofort. Wohin man auch blickt, findet man mit Klischees gefüllte Vorurteile und auch wenn diese Klischees eine gewisse, in ihrer Entstehungsgeschichte liegende Berechtigung haben, ziehen sie damit das gesamte Genre in den Schmutz. Und all dies gipfelt in den Vorurteilen zu Fanfiction, denn Fanfiction kann man zu allem schreiben.

Und es wird noch schlimmer. Gerade im Fanfiction-Bereich tummeln sich sehr viele sehr junge Menschen, die gerade ihre ersten Schreiberfahrungen machen. Anders als bei Büchern gibt es kein Lektorat oder irgendeine Instanz, die die Geschichte vor der Veröffentlichung auf ihre Qualität kontrolliert. Sofern sie den Richtlinien des Archivs entspricht, die in der Regel mit Jugendschutz in Bezug auf Gewalt, Missbrauch und sexuelle Inhalte und dem Verbot von Plagiaten zu tun haben, darf sie veröffentlicht werden. Es gibt Beta-Leser, doch diese sind keine ausgebildeten Lektoren. Und nicht jeder Fanfiction-Autor hat Beta-Leser. Nicht selten werden Geschichten sogar gepostet, ohne sie zuvor zu überarbeiten oder noch während man daran schreibt, was eigene Gefahren birgt.

Schaut man in ein beliebiges Fandom, gelangt man sehr schnell zu den Abgründen des Genres: Mary Sues, Paare die niemals funktionieren können, von schlechter Rechtschreibung, Zeichensetzung und Logikfehlern nur so strotzende Geschichten, Mpreg (Männer, die schwanger werden) und Charaktere, die mit ihrer Vorlage nur noch den Namen gemein haben. Häufig auch an einschlägigen Kurzbeschreibungen zu erkennen wie „Die 16jährige Anna-Maria Chantal ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, das …“. Und trotzdem laufen diese Geschichten wie heiße Semmeln. Häufig zum Ärger jener Autoren, die sehr viel Arbeit und Herzblut in ihre Fanfictions stecken und sich penibel an die Vorlage halten, weil Wert auf Canontreue und Qualität legen.

Es wäre ein Fehler diese „dunkle“ Seite von Fanfiction zu verschweigen. Denn diese ist es, die dem gesamten Genre einen negativen Stempel aufdrückt und die typischen Vorurteile schürt. Daher ist es umso wichtiger, darauf aufmerksam zu machen, dass es auch zahlreiche Fanfictions gibt, die sich mit veröffentlichten Romanen messen können.

Aber es wäre auch ein Fehler, diese „dunkle“ Seite zu verteufeln. Stattdessen sollte man darauf aufmerksam machen, wie und warum diese „dunkle“ Seite zustande kommt, und warum sie wichtig ist. Man muss sie dafür nicht mögen. Ich persönlich mache um sie einen großen Bogen, seit sie mir das Harry Potter Universum verdorben hat, während es mir in meinem eigenen Fandom in meiner hochsensiblen Seele weh tut. Hin und wieder beklage ich mich auch darüber. Und doch hat diese „dunkle“ Seite ihre Berechtigung. Denn diese Geschichten werden in der Regel von blutigen und jungen Anfängern geschrieben. Für sie stellen Fanfiction-Archive eine Plattform dar, auf denen sie ihre Geschichten mit anderen teilen können und Feedback erhalten, um sich zu verbessern. Mein zwanzig Jahre jüngeres Ich hatte ähnliche Phantasien über meine damaligen Lieblingsbücher und -serien wie viele dieser Jungautoren, es war nur zu faul sie aufzuschreiben und damals gab es (glücklicherweise) noch kein Internet.

Wir alle haben klein angefangen. Wir alle haben uns mit Charakterentwicklung und Plotaufbau rumgeplagt. Wir alle waren einmal der Meinung, die größten Autoren zu sein, nur um dann von den Lesern auf den nackten Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden.

Fanfiction ist eine Spielwiese. Die einen schreiben aus Überzeugung, aus Liebe zum Original, oder weil die Figuren sie nicht mehr loslassen. Die anderen schreiben, um sich auszuprobieren. Fanfiction ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Egal ob unfreiwillig komische Absurditäten und Abgründe, die einem Jahre später zutiefst peinlich sind – all das ist Bestandteil der schriftstellerischen Entwicklung. Fanfictions erzählen Geschichten von Leidenschaft und Phantasie. Sie sind Hommage an und Werbung für das Original zugleich. Und damit stehen sie eigenen Werken in nichts nach.

Wir alle schreiben, weil die Ideen in unseren Köpfen uns keine Ruhe lassen. Was dabei rauskommt, sollte zweitrangig sein, bis wir ernsthafte Ambitionen hegen mit unseren Geschichten andere zu bewegen.

Wenn mir jemand in einem Gespräch mit diesem Thema blöd kommt, antworte ich übrigens immer mit einer Coolness, die mich für einen Moment glauben lässt, mein Lieblingscharakter zu sein: „Hast du dir bei einem Film oder einem Buch noch nie vorgestellt, wie es nach dem Ende weitergehen könnte oder wie die Geschichte ab einer gewissen Stelle anders verlaufen wäre, weil dich diese Entwicklung so sehr ärgert?“

Die meisten werden dann ganz still.

Und manche sagen dann: „Doch, das habe ich. Aber ich hätte nie die Ausdauer, das alles aufzuschreiben!“



Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.