Mittwoch, 12. April 2017

Social Media: Von Ehrlichkeit, Rechtfertigung und Selbstbetrug

Es gibt dutzende Bücher, Filme und Serien über das Schriftstellertum. Jeder weiß, wie das Leben eines Autors aussieht – oder glaubt es zu wissen. Der Schriftsteller setzt sich an den Schreibtisch, tippt, bis die Tastatur qualmt, und am Ende ist das Manuskript geboren, mit dem er sich an Verleger und Agenten wendet. Jubel hoch drei, wenn das Buch gedruckt wird – bei talentierten Autoren passiert das natürlich immer.




Es scheint so einfach. Prominente Autoren wie J. K. Rowling und Stephen King leben es vor. Der Weg ist nicht leicht, aber es scheint so einfach. Erfolgsgeschichten reihen sich aneinander. Stephenie Meyer kannte niemand – bis Twilight. Ihr großer Durchbruch. Jahrelanges Ackern trägt plötzlich Früchte und unsereins dampft im eigenen Sud vor sich hin, geplagt von Selbstzweifeln, weil andere vermeintlich schneller und besser erfolgreich werden. Dort will man selbst auch hin. Man tut auch so viel oder mehr, während es anderen nur zuzufallen scheint. Wir vergessen zu leicht, dass es harte Arbeit war, die diejenigen dort hingebracht hat. Leben an der Armutsgrenze in ungeliebten Brotjobs mit durchwachten Nächten. Wir wissen es, doch wir verdrängen es gleichermaßen. Sehen hinauf und wollen nicht wahr haben. Auch ein Fitzek hatte es nicht leicht. Glück und Zufall, sonst wäre er immer noch nicht veröffentlicht. Dümpelte genau wie wir im Niemandsland herum.

Zu leicht ist es, aufzugeben. Es kostet Kraft und Mut, weiterzumachen. Durch jedes Tal zu kriechen, wenn es mal nicht läuft, wenn die Zeit fehlt, die Inspiration, die Energie. Da tut es gut, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun. Wie habe ich noch vor Jahren Blogartikel inhaliert. Menschen wie ich, die zweifeln und doch die gleichen Träume haben, die gleichen Ziele. Ich wollte nicht allein sein. Wollte, dass es da noch andere gibt. Gleichzeitig aber auch viel erreichen, stark sein und ein Vorbild.

Es gibt dutzende Beiträge auf meinem Blog, in denen ich von Selbstzweifeln berichte. Von meinem Weg, eine "richtige" Autorin zu werden. Ich berichte von Höhen und Tiefen, in der Hoffnung, anderen einen Halt zu geben. Ganz transparent, meine Geschichte offenzulegen. Zu zeigen, dass es hart ist.

Aber ist das nicht alles nur Gejammer auf hohem Niveau? Sind wir Autoren nicht allesamt naiv, dass wir nur unserem Herzenswunsch folgen, unserer inneren Bestimmung? Wie können wir nur so egoistisch sein, während auf der Welt tagtäglich Menschen den Hungertod sterben? Während Krieg herrscht. Können wir nicht froh sein, einen Job zu haben, der unseren Lebensstandard hält? Und dann noch das Internet fluten mit "Mimimi, ich kann nicht schreiben". Ist es nicht anmaßend, wo es uns doch so gut geht, mit dem Schmerz der Welt im Hinterkopf?

Und auf der anderen Seite: Braucht die Menschheit noch viel mehr Negativität? Umgib dich mit positiven Dingen, heißt es so oft. Wir wollen doch eigentlich nur die Erfolgsgeschichten hören, oder? Lesen, wie jemand vom "Tellerwäscher zum Millionär" wird. Doch wie soll der geneigte Leser des Autorenblogs denn differenzieren zwischen "einem Autor, der es zu nichts bringt" und dem "Bestsellerautor" von morgen? Ist es der naturgegebene Voyerismus, der uns dazu bringt, eben jene "Jammerautoren" zu verfolgen? Auch als Autor selbst, das Gefühl zu kriegen, nicht allein zu sein mit seinen Zweifeln und Ängsten, wenn man selbst noch nicht so weit ist, indem man so etwas von anderen liest. Sich selbst mit dem "Rumgejammer" zu befruchten und gemeinsam in Mitleid zu baden? Ist es das, was einen wirklich weiterbringt?

Immer nur von gescheiterten Projekten zu berichten, ist nicht toll. Das macht auf Dauer keinen Spaß und frustriert. Doch irgendwas muss man ja in den Sozialen Netzwerken posten. Wie sonst, soll man auf sich aufmerksam machen, wenn nicht mit zukünftigen Bestsellern (hoffentlich)? Früh mit dem Marketing anfangen, Facebookseite, Twitter, Pipapo … und nichts zu sagen wissen. Irgendwann frustriert nichts mehr sagen. Mit ein bisschen Glück hat man die Sympathie (das Mitleid?) einiger Fans, die motivieren, zum Weitermachen drängen, die die Ideen kosten und verschlingen wollen.

Ist das die Lösung? Bleibt nur die Wahl zwischen hungrig machen – und damit die Gefahr, verhungern zu lassen und sich verteidigen, wenn es doch nichts wird – und dem Betteln nach Mitleid? Lieber doch: schreiben im Geheimen und ganz für sich ganz allein? Bloß niemandem auf die Füße treten. Oder eine Scheinwelt erschaffen, eine Illusion vom Schriftstellertum aufrechterhalten, wie es die Filmindustrie suggeriert? Ist „fake it, till you make it“ der Weg, um Menschen für sich zu begeistern? Belügt man sich damit am Ende nicht nur selbst? 


-------------------
Zum Weiterlesen:



Tinka Beere liebt es, in andere Welten einzutauchen, und schreibt Geschichten mit einem fantastischen Touch. Darüber hinaus begeistert sie der Austausch mit anderen Autoren, denen sie mit hilfreichen Tipps gerne zur Seite steht.