Mittwoch, 18. Mai 2016

Wie viel Nähe darf man zu seinen Lesern haben?

In den drei Jahren, in denen ich meine Geschichten nun schon veröffentliche, habe ich den Austausch mit den Lesern immer sehr genossen. Da ich keine Bücher, sondern Fanfictions schreibe, habe ich zudem die Möglichkeit, die Reviews der Leser zu beantworten – eine Gelegenheit, der ich mit großer Freude nachkomme. Von dem Austausch über die Geschichte und ihre Vorlage profitieren sowohl ich als auch die Leser. Andere Ansichten bringen oft neue Perspektiven ein, machen auf Dinge aufmerksam, die man vielleicht noch ausbessern sollte und bringen einen auf neue Ideen. Denn auch gute Beta-Leser und mehrere Überarbeitungszyklen können nicht alles.
 

Ich finde den Austausch mit meinen Lesern daher sehr inspirierend. Bleibt er aus, ist das zuweilen frustrierend und verunsichernd und hat mich schon in die eine oder andere ausgedehnte Sinnkrise gestürzt. 


Der Autor als nicht-abstraktes Wesen

Durch die Diskussionen sind mit der Zeit auch einige Mail-Bekanntschaften entstanden. Manchmal verlieren diese sich nach einiger Zeit wieder, die längste pflege ich inzwischen seit zwei Jahren und ich habe mich mit jener Leserin sogar einmal persönlich getroffen. Ich finde es spannend, über meine Geschichten neue Leute kennenzulernen, mit ihnen über das zu sprechen, was wir lieben und zugleich mehr über die Menschen zu erfahren, die meine Geschichten lesen. Umgekehrt dürfen Leser über mich die Dinge erfahren, die zu teilen ich bereit bin.
 

Soziale Medien wie Facebook, Twitter & Co, sowie das Betreiben eines Blogs helfen nicht nur, Leser zu finden und Kontakte zu knüpfen, sondern auch eine gewisse Nähe herzustellen. Natürlich sollte man generell vorsichtig sein, was man im Internet von sich preisgibt, denn dieses vergisst bekanntlich nie. Nichtsdestotrotz wird man durch die Nutzung dieser Medien für den Leser zu einem weniger abstrakten Wesen. Bevor ich unter meinem Pseudonym in sozialen Medien aktiv war, habe ich des Öfteren schüchterne Mails erhalten, in denen Leser mir gestanden haben, dass sie sich lange nicht getraut hätten, mir zu schreiben und sich zu meinen Geschichten zu äußern. Wenn man dem Beantworten von Reviews mit viel Freude und Hingabe nachkommt, ist eine solche Offenbarung ein klein wenig bestürzend.
 

Mit sozialen Medien hat sich das allmählich verbessert. Nicht alle Leser folgen mir dort, aber der Kontakt zu jenen, die es tun, profitiert davon. Auch ist es eine gute Werbung, weil andere auf einen aufmerksam werden, selbst wenn man keine Werbung á là „Lies meine Geschichte, die ist der absoluter Knaller!“ macht. Dadurch und über meinen Blog habe ich zudem Leser hinzugewonnen.
 

Häufig wird geraten, dass man neben Informationen übers Schreiben und subtiler Werbung für seine Werke ca. 75% andere Inhalte postet. Das können Dinge sein, die einen bewegen, Absurditäten des Alltags, das aktuelle Projekt oder die Alltagsleiden des Autorendaseins, aber auch ein Foto des Mittagessens – kurz: Alles, was einen umtreibt und was man ohne Bedenken der Menschheit von sich mitteilen kann und will. Seit ich zwei Katzen habe, twittere ich auch gerne, was die beiden gerade so treiben oder poste süße Fotos. Auf diese Weise wird man als Autor authentisch. Es kann den Lesern helfen, ihre Scheu zu überwinden und einen zu kontaktieren, wodurch ein wundervoller Austausch entstehen kann. 

Die dunkle Seite der Lesernähe

Leider haben das Pflegen von Kontakten und die Nähe zu den Lesern auch seine Schattenseiten. Manchmal werden Erwartungen geweckt, die nicht gehalten werden können. Von beiden Seiten. Häufig passiert das dann, wenn man in diesen Kontakt schon emotional zu sehr involviert ist. Und sei es nur, weil der Austausch über das eigene Werk so intensiv ist, dass Hoffnungen geweckt werden. Wenn man das bemerkt, ist es meistens schon zu spät. Es kann helfen, dem Leser erst dann zu antworten, wenn die Begeisterung über dessen Mail/Review verflogen ist. Doch auch das schafft nur eine bedingte emotionale Distanz, wenn man mit seinem ganzen Herzblut in der Geschichte steckt.
 

Und dann gibt es die Leser, die sich in die Geschichte hineinsteigern und aufdringlich werden. Wenn Leser die spärlichen privaten Informationen, die es über einen im Netz gibt, nutzen, um den Arbeitsplatz herauszufinden und dort ungefragt per Post Sachen hinschicken, und einem auf Schritt und Tritt in den sozialen Medien folgen und alles kommentieren und liken hört der Spaß irgendwann auf.
 

Leider hatte ich diesbezüglich vor kurzem meine erste negative Erfahrung. Und ich muss zu meiner bodenlosen Schande gestehen, dass ich darauf hereingefallen bin. Weil er einer der wenigen männlichen Leser meiner Geschichten war und wir eine etwas anders geartete Diskussionsbasis hatten. Und weil mir schlichtweg das Bewusstsein für eine solche Situation gefehlt hat. In meiner Begeisterung habe ich die Sache mit dem Gedanken ’der ist ja eigentlich ganz vernünftig’ abgetan und mit ihm gemailt. Darüber habe ich die Warnsignale übersehen. Neben seiner investigativen Forschung nach meiner Adresse hätte mich stutzig machen sollen, dass er sich ausgerechnet nach der Figur benennt, die unglücklich in meine Heldin verliebt ist. Zudem schien er, auch wenn er das abgestritten hat, mehr in diesen Kontakt zu interpretieren, und äußerte schließlich den Wunsch, mich zu treffen.
 

Als er eines Abends mit meinem Blog ungefragt Schindluder betrieb, bin ich aufgewacht und habe den Kontakt mit einer deutlichen Mail abgebrochen. Es folgte die Löschung seines Twitter-Profils, die Reaktivierung, das Blockieren meinerseits, nachdem er auch noch anfing, sich auf unangemessene Weise in meine Konversationen einzumischen, und seine komplette Löschung auf Twitter und in dem Archiv, in dem ich meine Geschichten veröffentliche.
 

Ich dachte, es wäre vorbei. Aber das war es nicht. Nur um wenige Tage später kehrte unter dem Namen meines Antagonisten zurück – einer Figur, die meiner Heldin sehr zusetzt. Für mich war das ein eindeutiger Akt der Provokation. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits so weit, dass ich das Büro nicht mehr verlassen konnte, ohne Angst zu haben, dass er mir dort auflauert. Ich erhielt Mails von Facebook und meinem Bloganbieter, in denen jemand die Zurücksetzung meines Passworts (nachdem ich es geändert hatte), erbat und an einem Abend hatte ich eine zehnminütige Panikattacke, weil ich mich nicht mehr auf meinen Blog einloggen konnte. Im Nachhinein stellte sich zum Glück heraus, dass ich nur zu nervös gewesen war, um das neue Passwort einzugeben. Schön war es trotzdem nicht und hat mir gezeigt, wie sehr mich diese Sache bereits in Mitleidenschaft gezogen hat.
 

Auf diese Aktion hin machte ich ihm noch einmal deutlich, dass er mich in Ruhe lassen soll, und deutete an, dass ich im anderen Fall entsprechende rechtliche Schritte einleiten würde. Seitdem ist Ruhe, auch wenn ihn das nicht davon abhält, auf Twitter denjenigen zu folgen, mit denen ich am meisten in Kontakt stehe.
 

Ich bezweifle, dass das passiert ist, weil ich zu offen war. Denn es fing schon viel früher an. Mein Fehler war es, mich diesem Typen zu öffnen, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Denn ich hatte bei seinem allerersten Review, das eine ziemlich persönliche Frage enthielt, schon kein gutes Gefühl. Auch wenn ich im weiteren Verlauf dieses Kontaktes keine zu persönlichen Dinge von mir preisgegeben und an den sensiblen Stellen rechtzeitig abgeblockt habe, fühle ich mich auf eine unangenehme Weise entblößt. Denn, was er über mich erfahren hat, reicht vermutlich, um sich den Rest zu denken.
 

Wahrscheinlich kann ich von Glück sagen, dass es so glimpflich abgelaufen ist. Ich war dumm und naiv und habe mich von schmeichelnden Worten um den Finger wickeln lassen. Aber vielleicht hilft diese Geschichte euch, die Anzeichen rechtzeitig zu erkennen, solltet ihr jemals in eine solche Situation geraten. Letztendlich seid ihr vor besessenen Fans und Stalkern nicht gefeit, egal wie offen oder verschlossen ihr euch gegenüber euren Lesern und anderen Menschen im Allgemeinen gebt. Ich weiß jedenfalls, dass ich in Zukunft noch vorsichtiger sein werde und Lesern, die ich nur über das Internet kenne, nicht mehr so schnell mein Vertrauen schenke.

Fazit

Ich halte es für gut und richtig, eine gewisse Nähe zu seinen Lesern zu wahren. Man wirkt authentischer und auf diese Weise können wertvolle Kontakte entstehen. Ihr selbst als Autor und eure Geschichten können davon sehr profitieren. Allerdings macht man sich durch diese Öffnung auch verletzlich. Es ist wichtig zu hinterfragen, wie viel man von sich preisgeben möchte und welche Konsequenzen das haben könnte. Gerade bei Menschen, bei denen man von Anfang an kein gutes Bauchgefühl hat, sollte man vorsichtig sein. Dennoch wird euch das nicht vor wahnhaften Lesern schützen. Es kann jedoch helfen, dass das Gefühl des Entblößtseins nach einer solchen Situation gering ist oder ganz ausbleibt. 




Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.