Samstag, 21. Mai 2016

Rezensionen – warum eine negative Bewertung oft alle positiven überschattet


„Aus Fehlern lernt man“

„Konstruktive Kritik bringt uns weiter“


Wir alle kennen diese schlauen Sätze und die meisten von uns dürften ihnen auch zustimmen. Denn im Großen und Ganzen sind sie wahr. Eigentlich müssten wir uns also über Kritik von Anderen freuen. Warum aber ziehen uns negative Rückmeldungen oft trotzdem so sehr runter, auch wenn sie vielleicht tatsächlich sachlich formuliert sind und uns die Gelegenheit geben, daraus zu lernen? Warum sticht diese eine negative Rezension zwischen den vielen positiven so stark heraus?






Auch hier gibt es natürlich große persönliche Unterschiede. Es gibt Menschen, die mit Kritik ganz gut umgehen können und andere, die sie sich sehr zu Herzen nehmen und nach einem negativen Feedback all das Positive „vergessen“, was sie rückgemeldet bekommen haben. Sie verfallen in schwere Selbstzweifel und fühlen sich als Mensch in Frage gestellt.

Warum trifft uns Kritik? 


Wenn man sich Kritik so sehr zu Herzen nimmt, hängt das häufig mit der eigenen Einstellung sich selbst und seiner Umwelt gegenüber zusammen:

Übersteigerte Leistungsansprüche („Ich muss perfekt sein“): Damit ist die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Wer von sich selbst überzeugt ist, perfekt sein zu müssen, wird bei einer negativen Kritik damit konfrontiert, dass er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann.

Negative Einstellungen anderen Menschen gegenüber: Wer von anderen Menschen eher denkt, dass sie einen betrügen, hintergehen oder verletzen wollen, wird auch in konstruktiver Kritik mit höherer Wahrscheinlichkeit einen persönlichen Angriff sehen und entsprechend reagieren.

Negative Einstellung uns selbst gegenüber: Wer ein schlechtes Bild von sich selber hat, bekommt oft schnell Angst, dass die anderen bemerken, wie schlecht er ist. Somit werden Aussagen viel schneller als Kritik oder Angriff gewertet.

Angst, ausgeschlossen zu werden: Dazu zu gehören, akzeptiert und respektiert zu sein, sind Bedürfnisse, die jeder von uns hat. Kritik könnte theoretisch bedeuten, „nicht gut genug zu sein“, „nicht reinzupassen“, „nicht mehr gefragt zu werden“. Man könnte seinen Status in der Gruppe verlieren. Auch wenn das in den meisten Leistungssituationen, in welchen wir Kritik bekommen, keine Rolle spielt, können damit diese Ängste angestoßen werden.


Was kann man dagegen tun?


Gerade als Autoren werden wir der Kritik anderer Menschen in Form von Rückmeldungen und Rezensionen nicht entgehen können. Doch wie können wir einen besseren Umgang mit Kritik lernen?

Auf jeden Fall gilt: Erstmal ruhig bleiben und tief durchatmen. Wenn man aufgewühlt ist, nicht direkt reagieren. Die Gefahr ist sonst hoch, dass Dinge gesagt oder geschrieben werden, die man hinterher bereut.

Die Meinung des Kritikers als genau das ansehen: „Das ist seine Meinung. Man könnte es auch anders sehen.“ Gerade, wenn die übrigen Rückmeldungen anders ausfallen, ist es doch vollkommen in Ordnung, die Meinung des Kritikers als solche zu sehen, anstatt sie sich zu Herzen zu nehmen. Er sieht es eben so. Nicht mehr und nicht weniger.

An seinem Selbstbild arbeiten: Ist es denn wirklich so, dass ich perfekt sein muss? Ist es möglich, perfekt zu sein? Werde ich wirklich mein ganzes Leben ohne Fehler bestreiten können? Vermutlich nicht. Wie schlimm finde ich es, wenn andere Fehler machen? Muss ich wirklich perfekt sein, oder genügt es auch, wenn ich mein Bestes gebe? Dann kann ich immer noch sehr gut sein, lasse mich aber von einem Fehler nicht gleich komplett runterziehen.

Die Kritik nicht aufbauschen: Angenommen, in einer Rezension wurde folgendes geschrieben: „Der Plot hat hin und wieder Passagen, in denen die Spannung kurz verloren geht. Hier hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht.“ Der Rest der Rezension ist ganz gut. Manche Menschen sind in der Lage, diesen einen Satz der Kritik aufzubauschen: „Ohje, da ist an manchen Stellen keine Spannung. Hoffentlich hat er sich beim Lesen nicht gelangweilt. Es stimmt schon, ich schreibe manchmal zu viel drumrum. Was ist denn schon ein Thriller ohne Spannung. Wenn ich nicht mal das hinkriege, wie soll das dann mit dem Schreiben je was werden …“ 
Hier kann es hilfreich sein, diese Gedanken zu unterbrechen und sich ganz genau anzuschauen, was denn wirklich Inhalt der Kritik war …

Gegenbeispiele suchen: Wenn man merkt, dass das Feedback einem die Stimmung vermiest, macht es Sinn, sich daran zu erinnern, was man alles gut kann. Dafür kann man im Kopf einfach mal allgemein alles Mögliche sammeln (kochen, Flöte spielen, Judo, reiten …) oder im Fall von Rezensionen die positiven Rückmeldungen lesen, die man schon bekommen hat, um sich bewusst zu machen, dass diese eine Meinung eben nur eine von vielen ist.


Kritik nutzen


Indem ich gelassener mit Kritik umgehe, kann ich sie für mich nutzen. Ich kann mir überlegen, ob ich dem Kritiker zustimme und in Zukunft etwas anders mache, oder eben nicht. Diese Entscheidungsfreiheit habe ich nicht, wenn Kritik mich persönlich trifft. Denn wer sich angegriffen fühlt, geht häufig erstmal auf Abwehr oder resigniert. Doch damit verpasst man die Chance, sich durch Rückmeldungen von außen weiterzuentwickeln. Die Veränderung der Einstellungen über sich selbst und andere kann hier helfen, um in Zukunft gelassener mit Kritik umzugehen und sie für sich zu nutzen.