Samstag, 31. März 2018

Fantasie und Realität

Die Macht eines Schriftstellers zeigt sich in seiner Fähigkeit, die Fäden der Realität mit denen der Fantasie zu verknüpfen. Am stärksten zeigt sich diese Fähigkeit wohl bei Autoren fantastischer Literatur, man denke an Kai Meyer, Joanne K. Rowling, Cornelia Funke, Jens Schuhmacher, Suzanne Collins, Stephenie Meyer, Veronica Roth, J. R. R. Tolkien und George R. R. Martin.

Dass komplexe moralische Themen und darauf basierende Entscheidungen sowie das Anerkennen von Verantwortungsbewusstsein, die Konfrontation mit Gewalt, Tod und der eigenen Fehlbarkeit, aber auch die Suche nach der eigenen Identität in fantastischen Erzählungen immer wieder Thema sind, zeigt das Paradebeispiel der Harry Potter-Reihe von J. K. Rowling. 




„Der Reiz der Harry-Potter-Romane liegt wohl in der Verbindung von archetypischen Handlungsmustern mit einer ungemein vielfältigen, detailliert geschilderten Phantasiewelt, die gleichwohl in satirischer Verfremdung auch die alltägliche Erfahrungswirklichkeit widerspiegelt“, schreibt Dieter Petzold in seinem Aufsatz Joanne K. Rowling im Kindler Kompakt: Märchen und spielt dabei natürlich auf die Verknüpfung von „gedacht und gelebt“ an und zeigt uns die Verbindung zwischen Fantasie und Realität sehr deutlich.

Fantasie und Realität gehen bei Rowling Hand in Hand, da realweltliche Institutionen wie die Schule oder auch verschiedene Gepflogenheiten durch den magischen Kontext zwar verfremdet werden, dabei aber gleichwohl der Schulalltag mit seinen Problemen und Konflikten dem eines jugendlichen Lesers gleicht. Obwohl der Leser ein neues Abenteuer erleben kann, bleibt ihm die Möglichkeit, die Geschehnisse im Buch auf seine eigene Lebenswelt zu übertragen. Der Grad an Abstraktion, den das Gehirn dabei erreicht, kann zugleich fantastisch und angsteinflößend sein.

Kaspar H. Spinner geht in seinen Erklärungen noch einen Schritt weiter und erläutert anhand verschiedener Textbeispiele in seinem Text Phantastische Abenteuer als Weg in die Wirklichkeit mehrere Funktionen, die fantastische Erzählungen für den Leser haben können. Er appelliert dafür, „[…] daß [sic] die phantastischen Abenteuer durchaus auch zur Wirklichkeit und ihrer Bewältigung hinführen können“ (1993, S. 86) und weist dazu noch auf die Möglichkeit der Gesellschaftskritik, „der Spiegelung entwicklungs- und tiefenpsychologischer Prozesse“ (ebd.) und der Überwindung von kindlicher Egozentrik und Selbstbefangenheit hin. Dies kann unter anderem durch den Gegensatz von Wunderbarem und Wirklichem innerhalb der fantastischen Geschichte unterstützt werden. Den Gedanken, Gefühlen und Werten eines Kindes oder Jugendlichen wird, innerhalb der Erzählung, ein fast objektiver Status zugesprochen. Etwas, dass wir in der Realität eher selten erleben. Kinder sind eben „nur“ Kinder. Sie haben nicht die Lebenserfahrung, um eine Situation angemessen zu bewerten, könnte man argumentieren. Fantastische Kinder und Jugendlektüre lässt ihren Lesern was die eigene Sicht angeht, einen größeren Spielraum diese zu entfalten und weiter aufzubauen.

Die Hauptfiguren der Geschichten besitzen oder benötigen Eigenschaften und Fähigkeiten, welche auch in der wirklichen Welt gebraucht werden. Durch diese Verflechtung von Fiktion und Fantasie mit Realweltlichem kann eine Wirklichkeitsbewältigung stattfinden. Der selbstbewusste Umgang mit der realen Lebenswelt kann dabei durchaus in Form einer Regression in kindliche Allmachtsgefühle/Egozentrik erfolgen und macht in dieser Form das Verhältnis von Nähe und Distanz nicht als grundsätzlich getrennt erlebbar, sondern bildet es realitätsgetreu ab. Ein Kind oder Jugendlicher hat auf einmal die Möglichkeit etwas, dass in der Realität nicht veränderbar ist, zu verändern und dieses, sei es eine Situation oder eine Handlung, anders wahrzunehmen. Hier findet sich ein grundlegender Unterschied zu den „alten“ Märchen, bei denen die Typisierung der Charaktere in Gut und Böse radikaler erfolgt.

„Es geht nicht um eine Lehre als Ergebnis, sondern um den Weg, den die Lesenden mit den Helden gehen, um den Mitvollzug der Abenteuer in der Imagination.“ (ebd., S.97), schreibt Spinner und verweist damit auf die, von Wissenschaftlern oft angestrebten, Suche nach Lehren in den einzelnen Texten. Bei vielen Texten finden sich gleichbleibende Muster, so zum Beispiel das der Heldenreise. Die Hauptfigur wird vor eine Aufgabe, ein Problem oder ein Rätsel gestellt und muss nach und nach verschiedene Teilaufgaben erfüllen, um sein Ziel zu erreichen. Während dieser Reise muss der Charakter des Helden /der Heldin mit den Teilaufgaben wachsen, um sie erfüllen zu können.

Die Vielfältigkeit einzelner Figuren, das Erleben von Nähe und Distanz in einem Nebeneinander sowie der Bezug zu realweltlichen Eigenschaften ermöglicht nicht zuletzt eine differenziertere Auseinandersetzung mit schwierigen Themen wie dem Tod, der Angst, dem Leid und dem Schmerz. Die generelle Herabwürdigung der fantastischen Erzählung als eskapistisch und inhaltsleer kann in diesem Zusammenhang ganz klar widerlegt werden. Obwohl wir Bücher teilweise wirklich lesen, um „der Wirklichkeit zu entfliehen“ und uns an einen anderen Ort begeben wollen, der fern unserer Realität liegt, macht eine fantastische Erzählung nicht weniger wert als eine realistische. Es gibt immer und überall, in jeder Erzählung; Anknüpfungspunkte mit denen Leser (bewusst oder unbewusst) „arbeiten“ können.

Jetzt das Wichtigste: Wie stellt ihr diese Verknüpfung von Fantasie und Realität her? Welche Angebote unterbreitet ihr euren Lesern und wie tut ihr das? Gibt es Möglichkeiten der Identifikation mit der eigenen, realen Lebenswelt? Kann man z.B. moralische Einstellung auf sein eigenes Leben übertragen? Arbeitet ihr auf einer ganz bewussten Ebene, oder wollt ihr lieber unterbewusst etwas erreichen? Welche Formen von Bezügen lasst ihr in eure Erzählungen mit einfließen? Freundschaft, Liebe, Intrigen, Familie? Vielleicht eine Mischung aus allem und viel mehr?

Vergessen sollte man nie: Fantastische Lektüre bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, Themen und Arten der Verwirklichung derselben. Will man nah an der Realität bleiben oder lieber Luftschlösser bauen? Will man Fantasie und Realität z.B. auf der Ebene der Lebenswelt verknüpfen oder eine neue, fantastische und in sich abgeschlossene, ganz neue Welt erschaffen?

Kai Meyer, J. R. R. Tolkien und George R. R. Martin sind wohl die Weltenbauer schlechthin. Architekten der Fantasie, könnte man so sagen. Auch Suzanne Collins (Tribute von Panem) und Veronica Roth (Die Bestimmung) haben sich eigene Welten erschaffen, auch wenn diese teilweise wie überspitzte Zukunftsversionen unserer Realität wirken (Dystopie). Suzanne Collins (Gregor) hat aber auch den Reiz der Verknüpfung von der realen Lebenswelt des Lesers und einer fantastischen Parallel-/Untergrundwelt erkannt. Auch Joanne K. Rowling (Harry Potter), Cornelia Funke (Tintenherz), Jens Schuhmacher (Ambigua) und Stephenie Meyer (Twilight) sind diesem Reiz in verschiedenen Formen erlegen.

Um die oben genannten Ideen nochmal zu verdeutlichen, folgt nun ein Interview-Ausschnitt mit Cornelia Funke zum Thema Weltflucht.

Journalist: Ist Fantasy eine Flucht aus der Welt? Oder hilft sie uns, die Welt besser zu verstehen?

Cornelia Funke: Begreift man sie als Flucht, dann als eine sehr notwendige – um Atem zu holen und die Realität, die einen umgibt, infrage zu stellen, Gegenwelten zu denken. Fantasy erschließt unsere Welt aber auf viele Arten neu: Ähnlich wie Mythen und Märchen zieht sie die Grenze zwischen Mensch, Pflanze und Tier nicht und erinnert uns, wie sehr jede Gestalt Ausdruck desselben Lebensprinzips ist. Und wie überlebensnotwendig der Respekt voreinander ist. Eine andere Grenze, die Fantasy ebenso wie Mythen und Märchen nicht ernst nimmt, ist die zwischen Leben und Tod. Ein Glaube, den ich nicht unrealistisch, sondern im Gegenteil für wesentlich realistischer halte als den Glauben, dass irgendetwas in diesem Universum wirklich ein Ende hat. 


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Zum Weiterlesen:

 


Jenny bloggt außerdem auf www.jennifergreve.wordpress.com/

 


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