Dienstag, 2. Januar 2018

Und jährlich grüßt das Murmeltier

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

Ist es schon wieder so weit?
Neujahr?
Den Kopf noch voll mit zu viel Alkohol der vergangenen Nacht beginne ich die Suche nach der Liste mit den guten Vorsätzen.
Dreißig Minuten sinnloser Wühlerei sind vergangen, als ein Bild in der Erinnerung aufploppt: ein Fetzen Papier, der sich im Aschenbecher der sengenden Hitze ergibt. Auf ein Neues. Noch einmal die Gedanken sortieren, die Vorsätze zusammenkratzen.
Die obligatorische Diät. Aber der Beginn wird auf nächste Woche vertagt. Da sind noch die Reste der Weihnachtsbäckerei und außerdem der Knabberkram von Silvester. Beides muss erst weg. Und die Diät deswegen warten.
Regelmäßiger Sport. Er soll die Diät unterstützen und darf deswegen   erst gemeinsam mit der Diät beginnen.
Viel mehr lesen. Es heißt immer, Autoren sollen viel lesen. Jeden Tag eine Stunde. Das stand auch auf der Liste.
Ausgeglichenheit trainieren. Regelmäßige Auszeiten, um dem Alltagsstress zu entkommen. Yoga soll gut sein. Unbedingt mal ausprobieren.
Täglich Schreiben. Wie beim Lesen:, jeden Tag eine Stunde. Dann wird das Buch auch endlich fertig.
Immer nur ein Schreibprojekt. Vorbei die Zeiten des Projekt-Hoppings. Andere Autoren sagen, das funktioniert besser.





Voll motiviert und mit einem breiten Lächeln im Gesicht startet das neue Jahr, der letzte Alkoholrest ist aus dem Kopf verdrängt. Morgen geht es los mit der ersten Stunde Schreiben.
Aber nein, das geht nicht. Morgen muss ich ja gleich früh wieder im Büro sitzen. Und der Chef hat die Besprechung erst auf 17:00 Uhr verlegt, da bin ich erst spät zu Haus. Dann wird der Beginn also um einen Tag verschoben.

Eine Woche ist vergangen.
Ab heute steht die Diät auf dem Plan. Es ist früher Morgen, mein Blick fällt auf die Tüte mit den Haferflocken für das Müsli. Am anderen Ende der Arbeitsfläche liegt das Toastbrot und grinst mich breit an.
Egal, es ist ohnehin schon viel zu spät, für das Müsli fehlt die Zeit. Innerhalb von zwei Minuten sind zwei Scheiben des Toasts mit Nutella bestrichen und wandern in meinen Mund, während ich mich anziehe und nach kurzer Zeit aus der Wohnung ins Büro stürme. Natürlich habe ich gestern nichts vorgekocht, das ich heute Abend essen könnte, also wird es doch auf die Pizza hinauslaufen. Ein oder zwei Tage Verzug spielen doch auch keine Rolle.

Februar.
Spätestens jetzt sind alle guten Vorsätze über den Haufen geworfen, wenn sie denn je aufgegriffen wurden. Das Lesen hielt am längsten an, denn es war am wenigsten aufwändig. Gemütlich in eine Decke gehüllt, waren vier Lesestunden an jedem Wochenendtag drin. Das ergibt acht Stunden: Wochenziel erreicht!  S tand da etwas von täglich auf der Liste? Muss man denn so pingelig sein?

Was bringen die tollsten Vorsätze zu Neujahr, wenn der Wille fehlt, sie umzusetzen?   U  nd wenn einen der Wunsch nach Veränderung erreicht, hilft es nicht, bis zum Jahreswechsel zu warten. Bis dahin sind sie meist schon wieder vergessen. Oder erleiden das traurige Schicksal des Ssich-in-Luft-Auflösens noch bevor der Monat endet  . 
Wenn ihr also eine Veränderung wollt, legt jetzt los und nicht erst am 1. Januar. 

In diesem Sinne

Und jährlich grüßt das Murmeltier.


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