Freitag, 1. Dezember 2017

Alle Jahre wieder – die Weihnachtsanthologie

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.


Und da ist er wieder, der erste Dezember. Beginn der Adventszeit, Start des finalen Countdowns bis zu den Festtagen. Und der Zeitpunkt, ab dem unsere Timeline auf Facebook (und unser Newsfeed in anderen sozialen Netzwerken) mit Weihnachtanthologien, Wintergeschichten und Christmas Specials geradezu überschwemmt wird. Klar, die ersten Vorboten sind schon Ende Oktober aufgetaucht – vergleichbar mit Lebkuchen, Spekulatius-Packungen und Schoko-Weihnachtsmännern im Supermarkt – aber jetzt ist die Saison endgültig eröffnet.



Verständlich, dass sich beim potenziellen Leser schnell ‚Übersättigung‘ breitmacht. Doch bei Autoren beginnt dieser Prozess noch viel früher. Man fühlt sich ähnlich wie der Schokoladenproduzent, der seit Ostern Weihnachtsartikel produziert und bereits weit vor Dezember keine saisonalen Süssigkeiten mehr sehen kann. Muss das sein? Ist der „Alle-Jahre-Wieder“ Frust wirklich so unvermeidbar? Schliesslich ist es doch auch so, dass es immer noch einen Markt für solche Anthologien gibt, und mehr als genug Leser, für die ein gutes saisonales Buch einfach zum Advent dazugehört. Nicht zu vergessen Autoren, die immer wieder begeistert solche Geschichten verfassen. Was ist deren Geheimnis? Und gibt es praktische Tipps, um nicht zur Autorenversion von Ebenezer Scrooge zu werden?


Wie schon im letzten Jahr

Das grosse Problem bei Weihnachtsanthologien und winterlichen Geschichtensammlungen ist die Tradition. Es gibt sie alle Jahre wieder – und das schon sehr, sehr lange. Von der Schneekönigin über die biblische Weihnachtsgeschichte bis zu Dickens „Christmas Carol“ sind die meisten klassischen Geschichten schon so oft nacherzählt worden, dass es keine grundlegend neuen Varianten mehr zu geben scheint. Und auch Variationen zu üblichen Themen wie „Teilen macht Freude“ und „einsam am Weihnachtsabend – nein, doch nicht“ fallen einem irgendwann nicht mehr ein.

Ja, wir Autoren haben den Ruf, mit unbegrenzter Phantasie ausgestattet zu sein, aber irgendwann geht auch diese zuneige. Und da helfen selbst ungewöhnliche Ansätze wie „Horrorweihnachten“ oder „Winter auf dem Mars“ nur bedingt – denn der Leser will nun mal eine Geschichte, die trotz aller Originalität noch das vertraute Weihnachtsgefühl erzeugt, wie jedes Jahr.


Weihnachtsgedanken im Sommer?

Es ist ja allen klar, dass Anthologien eine gewisse Vorlaufzeit brauchen. Autoren brauchen Zeit, um sich zwischen Ausschreibung und Deadline eine gute Geschichte zu überlegen. Danach kommen noch Lektorat, Druck und Marketing – wir wissen es alle. Aber für Weihnachtsanthologien bedeutet das oft, dass man gerade im Juli oder August an der Geschichte sitzt – bei strahlendem Sonnenschein und heissen Temperaturen. Selbst Schnee-Bildschirmschoner, warmer Tee und Weihnachtslieder in Endlosschleife helfen da nicht weiter.

So wird der Schreibprozess schnell zur Qual, man fühlt sich unfähig und wie der schlechteste Autor der Welt. Kommt dann der Winter, hat man von all den ‚erzwungenen‘ Weihnachtsgefühlen mehr als genug und kann sich selber gar nicht mehr richtig freuen. Und selbst eine Weihnachtsanthologie lesen? Bloss nicht!


Was also tun?

Grundsätzlich kommt es drauf an, ob man trotz allem an der saisonalen Schreiberei festhalten will oder nicht. Boykottieren jeglicher Weihnachts- oder Winterausschreibungen ist natürlich die einfachste und effektivste Lösung, aber sie macht nicht jeden glücklich.

Wer als Autor die Tradition schätzt und eigentlich gerne dabei wäre, könnte versuchen, im Dezember und Januar bereits die Geschichte fürs nächste Jahr zu verfassen. Erstens ist es dann ruhig – es laufen generell weniger Ausschreibungen und ganz sicher keine mehr für weihnachtliche Geschichten – zweitens erlebt man gerade die Stimmung hautnah, die man in der Geschichte zeigen möchte, und das ganz entspannt – für Inspiration ist also gesorgt. Unterbringen wird man die Geschichte im nächsten Jahr sicher, denn es gibt immer genug Ausschreibungen; und ansonsten kann man die Story ja immer noch als Weihnachtsgeschenk für die eigenen Leser verwenden.

Falls man so gar keine Lust auf Weihnachtliches hat, oder keine entsprechenden Ideen, gibt es auch noch Alternativen. Viele Verlage oder Autorengruppen bringen regelmässig neue ‚ungewöhnliche‘ Anthologien heraus. Horror- oder Krimiweihnachten sind z.B. schon lange etabliert, und zusätzlich scheint es immer wieder etwas Neues zu geben. Oder man weicht direkt auf Halloween- oder Neujahrsanthologien aus – immer noch saisonal, aber eben nicht Weihnachten.

Und falls man nur eine kleine Idee hat, die nicht einmal für eine Kurzgeschichte reicht, kann man sich zudem mit anderen Autoren zusammentun und einen Drabble-Adventskalender kreieren. Wird dieser nur Online veröffentlicht, braucht man auch viel weniger Vorbereitungszeit, und kann in Ruhe noch im November an seinem Drabble feilen (das klappt sogar neben der Teilnahme beim NaNoWriMo). Mit wenig Aufwand lässt sich so nicht nur das „Weihnachtssoll“ erfüllen, sondern auch ausgezeichnet Werbung für den eigenen Blog oder das eigene Projekt machen.

Am Ende gilt eben auch für Autoren: Weihnachten ist, was man daraus macht – alle Jahre wieder.


Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

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