Samstag, 18. November 2017

Warum sollten Romanautoren ihren ersten Entwurf im Drehbuch-Stil schreiben?

Vielleicht kennst du das auch: Du hängst in einer Szene fest, weil du nicht weißt, wie das Setting genau aussieht, was die Figur gerade macht oder dir unschlüssig über die Gefühls- und Gedankenlage der Figur bist. Dann überlegst du minutenlang, welche Farbe das Sitzkissen auf der Holzbank (oder ist es doch ein Plastikstuhl?) hat und wie deine Protagonistin genau darauf reagiert, wenn sie erfährt, dass ihr Mann sich in eine andere Frau verliebt hat. Vom Dialog ganz zu schweigen, der die Handlung bekanntermaßen vorantreiben und gleichzeitig Subtext vermitteln soll.



In einer einzigen Szene gibt es gefühlt 100 Dinge, die man beachten sollte und dabei kommt man oft überhaupt nicht mehr aus dem Grübeln heraus. Wenn du dann auch noch, so wie ich, eher ein Discovery Writer bist, hast du manchmal bestimmt das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Du hast das Gefühl, es geht nichts weiter und das frustriert auf Dauer. Was kannst du also tun, damit du in deiner Geschichte trotzdem vorankommst?

Als erstes musst du dich von der Vorstellung verabschieden, dass der erste Entwurf deiner Geschichte eine Geniestreich ist, der für den Literaturnobelpreis nominiert werden sollte. Im ersten Entwurf geht es nicht um Perfektion, nicht einmal um Vollständigkeit. Das einzige Ziel ist, dass die Handlung von Anfang bis Ende aufgeschrieben wird. Hierfür eignet sich der Drehbuch-Stil sehr gut.

Wie der Name schon sagt, schreibst du deine Geschichte im Stil eines Drehbuches auf. Also eine Beschreibung des Settings, der darin vorkommenden Figuren, den Dialog und eventuell stichwortartig, was die Figur tut. In diesem ersten Entwurf beschränkst du dich auf die äußeren, sichtbaren Dinge deiner Geschichte. Stell dir das Ganze ruhig als ein Filmset vor. Wo spielt die Szene? Wie spät ist es? Welche Requisiten sind vorhanden? Welche Kleidung tragen die Figuren? Wie ist ihre Körperhaltung? Was sagen sie und wie sagen sie es?

Der Vorteil: Du schreibst nur das Sichtbare auf, die Gefühlslage der Figuren und ihre Gedanken sind in diesem Schritt nebensächlich. Dadurch kommst du in der Handlung viel schneller voran und erhältst gleichzeitig eine plastische Vorstellung von jeder einzelnen Szene, was im zweiten Entwurf sehr hilfreich sein wird. Außerdem kannst du dich auf diese Weise auf die Dialoge konzentrieren. Als Discovery-Writer überlistest du dich mit dieser Methode sozusagen selbst, denn du kannst deine Geschichte aus dem Bauch heraus schreiben, ohne dich in Details zu verzetteln und hast am Ende einen tollen Plan deiner Szenen.

Damit du besser verstehst, was ich meine, hier eine gestrichene Szene aus einem meiner vergangenen Projekte:


Draußen: Urban Café, Freitag 14:00 Uhr, es ist sonnig und warm, Anna trägt ein leichtes Sommerkleid, vor dem Café stehen Tische und Stühle
Anna steht vor dem Café und sieht sich um. George (32 Jahre, trägt Jeans und ein T-Shirt mit einem Katzenbild, das um mindestens zwei Nummern zu groß ist, zerzauste Haare, Brille) springt von seinem Platz auf und winkt ihr mit beiden Händen zu.
George Ruft über die Tische hinweg: “Hallo! Du musst Anna sein!”
Anna schaut sich verlegen um, zum Glück sind nur wenige Menschen im Café, die die peinliche Szene beobachtet haben. Streicht sich die Haare aus dem Gesicht und geht auf George zu. Reicht ihm die Hand.
Anna: “Hi.” (setzt sich schnell und bestellt einen Espresso, damit sie das Treffen schnell hinter sich bringen kann)
George (sitzt ihr gegenüber, schlürft mit einem Strohhalm an seiner Cola, starrt Anna bewundernd an): “Deine Mutter hat mir schon viel über dich erzählt.”
Anna (sitzt mit geradem Rücken am Rand des Stuhls, die Handtasche auf ihrem Schoß): “Aha … woher kennt ihr euch denn?”
George verschluckt sich: “Na ja … über die Zeitungsannonce.”
Anna (platzt heraus, bevor sie nachdenken kann): “Sie hat eine Zeitungsannonce geschalten?”
George: “Nein, nicht sie, sondern ich.” (schaut konzentriert an ihr vorbei) “Junger gut aussehender Psychotherapeut sucht Frau fürs Leben zum gemeinsamen Kuscheln und mehr ... So lautete die Anzeige. Klingt gut, oder? Sagt schon einiges aus, ohne zu viel zu verraten.”
Der Kellner bringt den Espresso. Anna nimmt die Tasse, noch bevor das Tablett richtig am Tisch steht und leert sie mit einem Zug.
Anna (mit leichtem Keuchen, da der Kaffee noch heiß war): “Du bist also Therapeut? Interessant.”
George: “Allerdings. Es ist immer wieder spannend, mich in die Psyche meiner Patienten hineinzuversetzen, um ihnen besser helfen zu können.”
Anna entwickelt leichte Sympathie für George, obwohl er ein Katzen-T-Shirt trägt: “Hast du dich auf eine bestimmte Gruppe spezialisiert? Kinder oder Burn-Out Patienten?”
George lacht als hätte sie einen guten Witz gemacht: “Sehr witzig, Anna. Ich mag Frauen mit Humor.”
Anna legt den Kopf schief, versteht nicht, was so lustig an ihrer Frage sein soll.
George: “Ich therapiere Katzen.”
Anna lässt die Tasse scheppernd aufs Tablett fallen: “Ah … ich verstehe.”
George beginnt zu schnurren und ihren Unterschenkel mit seinem Fuß zu streicheln.
Anna springt auf und rennt weg.


Da du nun weißt, was grundsätzlich in deiner Geschichte passiert und wo sich die Szenen abspielen, kannst du dich im zweiten Entwurf auf das Innere konzentrieren. Gehe hierzu die einzelnen Szenen durch, übernehme die vorhandenen Beschreibungen, baue sie aus und ergänze alles mit dem Gefühls- und Gedankenleben deiner Figuren. Du wirst sehen, dass du die Szenen wiederum sehr schnell abschließen kannst, da du die Dialoge mehr oder weniger übernehmen kannst.


Hier dieselbe Szene im zweiten Entwurf:

Anna ging an der St. Philip´s Cathedral vorbei und bog mit klopfendem Herzen in die Church Street ein. Das Café war in Sicht. Da es an diesem Tag ausnahmsweise nicht regnete, waren die Tische vor dem Urban Café bereits gut besetzt. Wenige Meter vor dem Eingang blieb Anna stehen und verschaffte sich einen Überblick. Welcher der Männer, die alleine an einem Tisch saßen, war wohl George? Ihr Blick blieb kurz an einem geschäftig wirkenden Mann im Anzug hängen, da er allerdings mit Laptop und Handy einen Espresso schlürfte, war er vermutlich nicht der ausgewählte Kandidat. Außerdem wirkte dieser Mann fast zu normal, als dass Annas Mutter ihn ausgesucht hätte. Anna seufzte enttäuscht. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Einer der Gäste sprang von seinem Platz auf und winkte ihr mit weit ausholenden Gesten zu.
“Hallo! Du musst Anna sein!”
Ach herrje, dachte Anna und ging widerwillig zu ihm. Auf den ersten Blick machte er ja keinen schlechten Eindruck. Er trug Jeans, schwarze Sneakers, war groß und etwas schlaksig, jedoch verliehen ihm die zerzausten Haare und die schwarze Hornbrille eine gewisse Sympathie. Wäre da nicht das weiße T-Shirt gewesen, auf dem das Foto eines jungen Kätzchens aufgedruckt war. Anna vermied es, sich umzusehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde sie nur die abschätzigen Blicke der anderen Gäste ernten und die Situation war ihr auch so schon peinlich genug.
Bevor sie das Gespräch weiterführen konnten, kam auch schon ein eifriger Kellner herbei und fragte sie nach ihren Wünschen. Annas Blick huschte ein letztes Mal zu dem Geschäftsmann im Anzug, der soeben seinen Laptop in eine Tasche packte. Dann bestellte sie einen Espresso, um das Date so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
George hatte anscheinend schon eine Weile auf sie gewartet, da sein Cola-Glas bereits halb leer war. Er schlürfte es durch einen Strohhalm und sah Anna dabei bewundernd an. Da sie nichts sagte, nahm er wohl an, dass sie schüchtern sei und ergriff daher die Initiative.
“Deine Mutter hat mir schon viel von dir erzählt.”
Meine Mutter … Was für ein grandioses Gesprächsthema. Anna saß mit geradem Rücken am Rand des Stuhls, die Handtasche behielt sie auf ihrem Schoß.
“Aha … Und woher kennt ihr euch?”
George verschluckte sich an seiner Cola und hustete, bevor er antwortete.
“Na … über die Zeitungsannonce.”
“Sie hat eine Zeitungsannonce geschalten? Spinnt sie jetzt völlig?” Anna war so entsetzt, dass sie nicht groß darüber nachdachte, was sie eigentlich von sich gab.
George schüttelte den Kopf.
“Nein, nicht sie, sondern ich.” Er trank einen weiteren Schluck von seiner Cola, bevor er weitersprach. “‘Junger gutaussehender Psychotherapeut sucht Frau fürs Leben zum gemeinsamen Kuscheln und mehr‘ ... So lautete die Anzeige. Klingt doch gut, oder? Sagt schon einiges aus, ohne zu viel zu verraten.”
Der Kellner kam mit dem bestellten Espresso wieder und verschaffte ihr so eine kurze Verschnaufpause. Sie nahm die Tasse, noch bevor er das Tablett richtig auf den Tisch gestellt hatte und trank den heißen Kaffee in einem Zug aus.
“Du bist also Therapeut? Interessant.”
“Allerdings. Es ist immer wieder spannend, mich in die Psyche meiner Patienten hineinzuversetzen, um ihnen besser helfen zu können.”
Vielleicht lag es am Kaffee, dass sich Annas Nerven ein wenig beruhigten. Vielleicht war George doch kein so schlechter Kandidat. Das Katzen-T-Shirt konnte man zu einem späteren Zeitpunkt immer noch verbrennen.
“Hast du dich auf eine bestimmte Gruppe spezialisiert? Kinder oder Burn-Out Patienten?”
George lachte, als hätte sie einen guten Witz gemacht.
“Einfach köstlich, Anna. Ich mag Frauen mit Humor.”
Anna legte den Kopf schief. Was war so witzig an ihrer Frage?
“Ich therapiere Katzen.”
“Ah … ich verstehe.” Sie ließ die Tasse mit einem lauten Scheppern zurück auf den Untersatz fallen. Dann spürte sie etwas an ihrem Bein, das sie nicht sofort zuordnen konnte. Es dauerte einige Sekunden, bis ihr klar wurde, dass es George Fuß war, der ihren Unterschenkel streichelte. Sie brauchte einen weiteren Augenblick, um zu begreifen, dass das summende Schnurren nicht von einer versteckten Katze kam, sondern direkt von George.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sprang Anna auf und lief so schnell sie konnte in Richtung Straßenbahn.


Zugegeben, anfangs ist es ungewohnt, sich nur auf das Äußere der Geschichte zu konzentrieren, aber nach zwei, drei Szenen entwickelt man ein gutes Gefühl dafür. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass ich mit dieser Methode besser in die Geschichte reinkomme und inhaltlich viel mehr in die Tiefe gehen kann. Wenn ich jedoch versuche, die äußeren und inneren Aspekte auf einmal in eine Szene zu packen, habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen.

Zusammenfassend bietet der Drehbuch-Stil für Romanautoren also folgende Vorteile (nicht zuletzt für Discovery-Writer):
  • Schnelles Vorankommen in der Geschichte 
  • Eine detaillierte Vorstellung von den einzelnen Szenen und wie diese aufgebaut sind 
  • Ein Plot, an dem man sich in der zweiten Fassung orientieren kann 
  • Schwerpunkt auf Dialoge und Setting in der ersten Fassung 
  • Schwerpunkt auf das Innere in der zweiten Fassung

Probiert den Drehbuch-Stil einfach mal bei eurem nächsten Projekt aus und teilt eure Erfahrungen mit uns. Oder habt ihr den Drehbuch-Stil bereits getestet? Könnt ihr diese Schreibweise weiterempfehlen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen.

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Zum Weiterlesen:


Caro schreibt Fantasy- und Liebesromane und was ihr sonst noch so einfällt. Da sie ein unverbesserlicher Stubenhocker ist, arbeitet sie von Zuhause aus als Ghostwriter und Lektorin. Unter @Caro_Stein zwitschert sie über ihr Autorenleben.


Kommentare:

  1. Hm.... werde es nachher mal ausprobieren. Kann ja nicht schaden! :)

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    1. Es schadet bestimmt nicht. ;-) Hast du´s schon ausprobiert?

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  2. Ich finde das ist eine wahnsinnig gute Idee. Ich habe vorher noch nicht daran gedacht, das erst einmal auf diese Weise zu schreiben. Eigentlich bin ich auch jemand, der sehr gerne das Innere und die Gedanken seiner Charaktere beleuchtet. Wahrcheinlich gehe ich immer gleich zu sehr in die Tiefe und komme deswegen nur schleppend voran.
    Ich werde es auf jeden Fall mal ausprobieren. :D
    Danke für den tollen Atikel!

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    1. Freut mich sehr, dass dir der Artikel gefällt. :-) Ich hab den Tipp auch vor einiger Zeit von einer Autorin bekommen und es war für mich eine richtige Offenbarung. :-D
      Gib gerne Bescheid, wie es dir mit der Methode ergangen ist.

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