Mittwoch, 29. November 2017

Schreiben und Lesen im universitären Alltag – Teil 2

Wie die Universität unsere Schreibskills erweitert und/oder vermurkst.

„Lesen bereichert den Menschen, mündlicher Gedankenaustausch macht ihn gewandt. Niederschriften verhelfen zu genauerem Wissen.“
Sir Francis von Verulam Bacon


Schon im letzten Artikel hatte ich sie angesprochen, die ach so bekannten, ach so umstrittenen und doch so mysteriös bleibenden Lesekompetenzen. Man bemerke die Mehrzahl: Meiner Meinung nach gibt es nicht die EINE Lesekompetenz, sondern viele verschiedene Teilkompetenzen unter anderem Textverständnis, Vorwissen und Motivation die zusammenwirken und den Lesevorgang bestimmen. Sie beeinflussen unsere Fähigkeit Informationen von anderen (seien es Texte oder Gespräche) aufzunehmen und befähigen uns dazu, unser eigenes Wissen fixieren zu können. Ein Leser zu sein bedeutet in vielen Fällen auch Schreiber zu sein. Beispielhaft ist hier natürlich ein Chatgespräch; aber auch wir als Autoren sind immer beides: Leser und Schreiber. Was heißt das aber für uns? Oder genauer, was machen wir mit diesem Wissen? 
Meine These besagt nun folgendes: Das Selbstkonzept des Lesers steht in Wechselwirkung mit demjenigen, welches man von sich selbst als Schreiber aufgebaut hat.

Dem Ansatz des Selbstkonzepts als Schreiber bin ich zurzeit im universitären Rahmen noch auf der Spur, deshalb beschäftige ich mich heute eher mit dem Anteil des Lesers in uns.
Das oben abgebildete Selbstkonzept als Leser umfasst für mich sowohl alle drei Ebenen von Rosebrock und Nix [1] und ihre Kernkompetenzen (grau), als auch die von mir zugeführten Untersuchungsschwerpunkte (bunt). Die Lesepraxis ist für mich die Selbsterfahrung als Leser, aus der man sein Selbstkonzept entwickelt. Während die Selbsterfahrungen nicht aktiv steuerbar, sondern nur erlebbar und wahrnehmbar sind, kann das Selbstkonzept als Leser individuell gestaltet werden. Je nach Situation kann es angepasst, sprich erweitert oder verändert werden.

Für uns als Autoren bedeutet das nun folgendes: 


Unser Selbstkonzept als Leser hat verschiedene Inhalte, aus denen es sich aufbaut. All diese Inhalte (Prozess, Subjekt, Soziales) sind kategorisiert als Notwendigkeiten. Keine ist relevanter als eine der anderen und auch zeitlich sind sie nicht nebeneinander zu stellen. Die ablaufenden Prozesse greifen ineinander über, sind aber als eigenständige Dimensionen des Lesens zu verstehen. Vor allem am Anfang einer Verbesserungsphase sollte man immer alle drei Kernkompetenzen im Auge behalten, während man liest und schreibt.
Man sollte immer bereit sein, sich selbst zu fragen …
… wie beeinflusst mein „Arbeitsplatz“ (ganz klassisch der Schreibtisch/Esstisch, oder auch mal die Couch/das Bett) mein Lesen und Schreiben? Wie beeinflusst er meine Motivation, meine Emotionen und auch meine Konzentration?
… wie kann ich meinen Alltag stressfreier gestalten? Wie kann ich Arbeit und Pause ordentlich trennen und wie viel Zeit sollte ich für beides einplanen?
… wann, wo und wie besorge ich mir Informationen? Sollte ich statt immer in die Bibliothek zu gehen auch mal das Internet durchsuchen oder anders herum? Sollte ich statt Bücher auch mal wieder Menschen befragen?
… wie belohne ich mich für getane Arbeit und wie bestrafe ich mich für Liegengelassenes? Muss ich mich überhaupt bestrafen oder sollte ich lieber mit positiver Bestätigung arbeiten?
… welche Methoden und Techniken beherrsche ich schon und sind sie für mein Vorhaben angemessen? Sollte ich mich noch ein wenig weiterbilden oder kann ich mit meinem jetzigen Stand arbeiten?
… sollte ich immer nur mit mir selbst diskutieren oder auch mal wieder andere Leute nach ihrer Meinung fragen?

Mit diesem theoretischen Hintergrund empfehle ich euch nun noch die weiteren Artikel des Schreibmeers, die sich detaillierter mit den unterschiedlichen Untersuchungsschwerpunkten befassen:
Basics
Motivation
Planung
Recherche
Überarbeitung
Inspiration
Stilistik

[1]  Rosebrock, Cornelia/Nix, Daniel: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 4., korrigierte und ergänzte Auflage 2011.

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Zum Weiterlesen:



Jenny bloggt außerdem auf https://jennifergreve.wordpress.com/


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