Mittwoch, 25. Oktober 2017

Fanfiction and Me, Teil 2 – eine Bilanz

Willkommen zurück zum zweiten Teil meines Artikels über meine persönliche Fanfiction-Erfahrungen. Wie ich im ersten Teil bereits erwähnt habe, bin ich seit einigen Jahren nicht mehr Teil der Community, schaue aber immer noch gerne auf diese Zeit zurück. Es ist mir auch nicht peinlich – im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass Fanfiction und die Gemeinschaft dahinter mein Schreiben und meine Art, mich in der Autoren-Community zu bewegen, maßgeblich mitgeformt haben.


Wenn du dir schon länger überlegst, Fanfiction zu schreiben, dann kann ich nur sagen: Trau dich! Versuch es einfach! Es kann dir enorm viel bringen. Allerdings gibt es da auch Grenzen, deren man sich bewusst sein muss. Das Folgende ist meine Bilanz nach fünf Jahren Fanfiction, ein kleiner Überblick über das, was sie einem angehenden Autor bringen kann, und was sie eher nicht zu leisten vermag.


Motivation – auf jeden Fall!

Das ist einer der Punkte, von denen man als Neueinsteiger meist sofort profitiert. Schon bevor ich den NaNoWriMo mit seinen Wortcount-Statistiken und der großen, begeisterten Community entdeckte, hat mir Fanfiction gezeigt, wie wichtig Motivation ist.

Es ist kein Geheimnis: Gemeinschaft und der Kontakt mit Gleichgesinnten können unglaublich motivieren. Bei Fanfiction spürt man oft direkt, wie eine ganze Gruppe von Lesern auf die nächste Geschichte oder das neueste Kapitel wartet. Hat man etwas hochgeladen, gibt es oft schon innerhalb von 24 Stunden erste Kommentare – und da hier Fans lesen, sind die auch meist positiv. Treue Anhänger, die die Geschichte gar abonniert haben, geben einem fast das Gefühl, ein bekannter Autor mit eigener Fangemeinde zu sein.

Zusätzlich bekommt man die Reaktionen der Leser durch Kommentare und Rezensionen sozusagen hautnah mit – alle Spekulationen, alle Gefühle, alle Erwartungen in Bezug auf die nächste Geschichte oder das folgende Kapitel. Wenn man möchte, kann man dieses Feedback sogar direkt nutzen und einbauen (kein Problem, wenn man kapitelweise schreibt oder hoch lädt) und somit den Fans das Gefühl geben, die Geschichte mitgestalten zu können – ein Mittel, dass auch bekannte Autoren nutzen (z.B. wenn sie die Lesercommunity einen Namen vorschlagen lassen oder bei einem Wettbewerb einen ‚Gastauftritt‘ in ihrem Roman verlosen). Ein guter Einblick in das Denken von Lesern ist es auf jeden Fall.


Übung, Übung, Übung …

Ein weiterer Vorteil ist, dass man beim Verfassen von Fanfiction und der aktiven Teilnahme an der Community so ziemlich alles trainieren kann, was von einem Schriftsteller erwartet wird. Zwar bewegt man sich in einem kleinen, überschaubaren Raum (von manchen daher liebevoll „Sandkasten“ oder „Spielwiese“ genannt), erwirbt aber ganz nebenbei Fähigkeiten, die einem in der großen weiten Autorenwelt nützen.

Es heißt ja, man brauche 10 000 Trainingsstunden bis man etwas gemeistert hat; und getreu dem Motto „Schreiben lernt man nur durch Schreiben“ verbessern sich alle Schreibfähigkeiten – Plotten, Erzählen, Figurenzeichnung, Stil und vieles mehr - automatisch, je mehr Übung man bekommt. Ich konnte zum Schluss massive Unterschiede zwischen meiner ersten Geschichte und dem aktuellen Kapitel erkennen, die deutlich zeigten, wie weit ich in den fünf Jahren gekommen war. Und ich hatte es zum größten Teil nicht einmal gemerkt. Schreibt man noch dazu auf Englisch, wie ich es getan habe, verbessern sich die Sprachkenntnisse und die Ausdrucksfähigkeit in der anderen Sprache mit – leider ein bisschen zu Lasten der Muttersprache. Zugegeben, es war für mich zunächst eine ziemliche Umstellung, wieder auf Deutsch zu schreiben, da ich dauernd die perfekten englischen Sätze und Ausdrücke im Kopf hatte.

Doch nicht nur Schreibfertigkeiten lassen sich mit Fanfiction trainieren. Auch das Durchhaltevermögen wird verbessert – schließlich will man es ja nicht bei einem einzigen Kapitel oder einer kurzen Geschichte belassen. Hier spielt die oben schon erwähnte Motivation eine entscheidende Rolle und trägt einen oft sehr weit, doch selbst mit einer treuen Fangemeinde hat man manchmal Momente, wo man sich als Autor einfach durchkämpfen muss. Man lernt dabei, wie man größere Projekte richtig einschätzt und angeht.

Und nebenbei sind die meisten Fanfiction-Autoren auch eifrige Leser. Als solche verfassen sie Kritiken für andere – eine Tätigkeit, die beim späteren Rezensieren oder Buchbloggen enorm helfen kann. Daneben lernt man zusätzlich, selbst mit Kritik umzugehen und Feedback entsprechend einzuordnen, d.h. zu entscheiden, was man ernstnehmen sollte („Der Plan von A ist viel zu durchschaubar.“, „Ich verstehe die Motivation von B überhaupt nicht.“) und was eher nicht („Ich hasse x – die Geschichte wäre viel besser, wenn y vorkäme.“). Wenn man sich zusätzlich als Betaleser betätigt, hilft einem dies nicht nur, wenn man später jüngere oder weniger erfahrene Autoren coachen oder Blogartikel zum Thema Schreiben und Schreibtechniken verfassen will, sondern auch, wenn man als Testleser anderen Autoren bei der Entstehung ihrer Werke beistehen möchte.

Zusätzlich trainiert das Verfassen von Fanfiction die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten, sich auszutauschen – kurz: man lernt netzwerken, wie in jeder anderen Autorencommunity auch.


Feedback – es kommt drauf an …

Wie oben schon erwähnt ist Feedback eine tolle Motivationsquelle. Allerdings hilft es bei der konkreten Weiterentwicklung des eigenen Schreibens nur bedingt weiter. Kommentare wie „OMG best story ever!“ oder „Das war so toll! Ich liebe deine Geschichte! Bitte mehr!“ motivieren zwar zum Weiterschreiben, zeigen aber nicht, wo Entwicklungspotential ist. Zudem sind „Deine Geschichte ist blöd!“-Kommentare oft nicht auf die Qualität bezogen, sondern darauf, dass man ein Pairing oder eine Figur schreibt, die der betreffende Leser nicht mag. Wenn man das klare Ziel verfolgt, sich als Schreiber zu entwickeln und man wirkliches Feedback wie in einer Autorengruppe will, dann muss man sich andere Personen suchen, die denselben Wunsch haben. Oder mit einem guten Beta-Leser arbeiten.

Daneben muss ich auch anmerken, dass die Menge an Feedback sehr stark davon abhängt, in welchem Fandom und für welche Figuren (bzw. für welches Pairing) man schreibt. Bewegt man sich in einem großen, populären Fandom wie Harry Potter oder Twilight, und kommen in der Geschichte dann auch noch beliebte Charaktere vor, erhält man schnell viele Kommentare – unabhängig von der Qualität der Geschichte. Eine tolle Story mit überraschenden Wendungen und hoher stilistischer Qualität wird dagegen fast übersehen, nur weil sie in einem kleinen Fandom angesiedelt ist oder Nebenfiguren beinhaltet. Es ist nicht fair – aber oft ziemlich berechenbar.


Hilfe beim Veröffentlichen des eigenen Buches – da wird es schwierig …

Der große Traum fast jedes Fanfiction Autors ist es ohne Frage, eines Tages aus der Fanfiction eine eigene Geschichte zu machen und diese als Buch verkaufen zu können. Seit 50 Shades of Grey und der bekannten Reihe von Anna Todd – die beide als Fanfictions begannen - scheint dieser Traum auch gar nicht mehr so unmöglich. Trotzdem muss man betonen, dass es sich bei den extremen Erfolgen der genannten Werke um ziemliche Ausnahmen handelt. Was jedoch nicht heißt, dass man es gar nicht erst versuchen sollte. Die Umwandlung in eine „eigene Geschichte“ kann funktionieren, wie man zum Beispiel bei Anki sieht. Hier spielt meiner Meinung nach die Eigenleistung eine wichtige Rolle – je mehr ‚Selbsterdachtes‘ ohnehin schon in einer Fanfiction steckt, desto eher und leichter lässt sich diese vom Fandom lösen und zu etwas Eigenständigem formen.

Ich persönlich habe das Glück, dass meine Fanfiction schon immer sehr unabhängig war, da ich quasi eine „Vorgeschichte zur Vorgeschichte“ schrieb und meine Protagonisten im Original wenig ausgestaltete Nebenfiguren waren. Daher arbeite ich auch immer noch an einer stark abgewandelten Version, die hoffentlich irgendwann als Roman erscheinen wird.

Übrigens funktioniert auch die Idee, mit Fanfiction eine Leserschaft für eigene Bücher aufzubauen, meist nur bedingt. Ich kannte eine Autorin, deren Fanfictions Tausende von Lesern anzogen. Als sie dann jedoch ihr eigenes Buch bewarb, kauften es nur wenige. Es geht eben bei Fanfiction schon sehr um das geliebte Fandom und die bekannten Figuren, ein Erfolg auf dieser Ebene lässt sich nicht so leicht auf eigene Kreationen übertragen.

Abschließend kann ich persönlich sagen, dass ich von meinem Ausflug in die Fanfiction-Welt wenig erwartet habe und dafür viel mitnehmen konnte. Wenn ich heute Bücher rezensiere oder als Testleser bei deren Entstehung mithelfe, profitiere ich dabei von meiner langen Betalesererfahrung. Das Feedback meiner damaligen Leser hat mir nicht nur gezeigt, wie wichtig Motivation für das Schreiben ist, sondern auch ein erstes Gefühl dafür vermittelt, was eine gute Figur und einen guten Plot ausmacht.


Wie ist das ganze bei dir? Hat dir das Schreiben von Fanfiction geholfen, dich als Autor zu entwickeln, oder siehst du es eher als Spielerei? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, oder ganz andere?




Stella Delaney – Autorin, Bloggerin und Geschichtenerzählerin aus Winterthur in der Schweiz. Süchtig nach Kaffee, Tee und allem Süssen. Liebt Katzen, gute Gespräche und Geschichten in jeder Form.


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