Samstag, 14. Oktober 2017

Fanfiction and Me, Teil 1 – ein Rückblick

Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal von Fanfiction gehört hast? Und was genau das war? Man erzählt sich ja unter Autoren und Lesern so einiges, und kommt meist zu dem Schluss, dass diese Form der Literatur ziemlich polarisiert. „Es geht nur um Sex und die perversen Fantasien irgendwelcher Fangirls“ oder „Ist doch eh alles geklaut – null Eigenleistung“ so die eine Seite, „ein Paradies für Leser, die alternative Versionen bevorzugen“ und „eine große Chance für angehende Autoren“ die andere.




Ich muss zugeben, dass ich selbst von Fanfiction noch rein gar nichts gehört hatte, als ich im Herbst 2008 zufällig darüber stolperte. Was folgte, waren fünf Jahre meines Autorenlebens, die ich auf keinen Fall missen möchte. Fünf Jahre, die mich als Autor und Leser geformt haben, die mir heute noch ein Lächeln entlocken – und manchmal auch die eine oder andere heimliche Träne.

Von diesen fünf Jahren möchte ich hier erzählen. Es wird also in erster Linie persönlich, doch obwohl ich nicht für alle anderen Fanfiction-Begeisterten sprechen kann, werde ich auch erwähnen, wie ‚typisch‘ meine Erfahrungen waren. In einem zweiten, separaten Artikel wird es dann darum gehen, was genau Fanfiction angehenden Autoren bringen kann, und was sie eher nicht zu leisten vermag.


Der Anfang – „Wie kommt man eigentlich dazu, Fanfiction zu schreiben?“

Hinter meinen ersten Schritten in Richtung Fanfiction stand genau dieselbe Motivation wie hinter meinen allerersten Schreibversuchen: ich liebe gute Geschichten. Nichts ungewöhnliches, denn die allermeisten Fanfiction Autoren beginnen aus Liebe zu einer Geschichte, einer Welt oder bestimmten Figuren. Manche mit dem Wunsch, tiefer in diese Welt einzutauchen oder dort mehr Geschichten zu erleben, manche mit dem Anliegen, etwas ganz bestimmtes zu verändern. Wer wollte nicht schon einmal, dass die Lieblingsfigur überlebt oder am Ende einen anderen Partner bekommt, der viel besser passt? Was wäre, wenn Harry Potter im Mittelalter nach Hogwarts gegangen wäre, oder Game of Thrones an einer amerikanischen High-School spielen würde? Warum gibt es eigentlich keine Vorgeschichte zu Die Tribute von Panem, oder mehr Bände von Alice im Wunderland? Wenn du dir auch solche Fragen stellst, lautet die Antwort: Fanfiction.



In dem Herbst, als ich Fanfiction für mich entdeckte, saß ich gerade an meiner Abschlussarbeit für die Uni und musste dafür Unmengen von Büchern lesen. So entwickelte ich eine gewisse ‚Lesemüdigkeit‘ und begann in meinen Pausen vermehrt YouTube Videos anzuschauen; unter anderem Let’s Plays von Videospielen. Ich bin selbst kein Gamer, aber Cutscenes hatten es mir angetan (das sind die Szenen, in denen man nicht spielt, sondern in Filmsequenzen mehr über die Hintergründe erfährt) – genauer gesagt die Geschichten, die dort erzählt wurden.

Ich persönlich bin ein großer Fan von komplexen Handlungen, bei denen es nicht einfach schwarz und weiß, oder Gut und Böse gibt. Ein Spiel insbesondere faszinierte mich und ich wollte mehr darüber herausfinden. Bei meiner Recherche stieß ich nicht nur auf Fan Foren, wo alle Aspekte und Details eifrig diskutiert und interpretiert wurde, sondern auch auf Fanfiction.net, wo – zu meiner Überraschung – Fans ihre eigenen Geschichten schrieben. Diese Entdeckung lies mich nicht mehr los; vor allem, da ich schon als Kind in Gedanken ‚eigene Versionen‘ von gelesenen Büchern erfunden hatte. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sich irgendwer für diese Variationen interessierte – doch hier war eine ganze Community, die das Gegenteil bewies. Erst zögerte ich, doch schließlich überwog das ‚warum nicht?‘


Mittendrin – „Wie ist das so als Fanfiction Autor?“

Hauptsächlich arbeitet man an seinen Texten, lädt dann ein neues Kapitel oder eine Kurzgeschichte hoch und wartet auf die Reaktionen. Herzklopfen, bange Minuten und riesige Freude inklusive, wenn dann die ersten Bewertungen eintreffen.

Und auch sonst unterscheidet sich die Zugehörigkeit zur Fanfiction Community gar nicht so sehr von der zu einem Autorennetzwerk oder einer Schreibgruppe. Man tauscht sich aus, man unterstützt sich, schreibt Rezensionen oder empfiehlt die Geschichten seiner Lieblingsautoren weiter. Schnell kommt man kommt man mit vielen Gleichgesinnten ins Gespräch, und neben interessanten Diskussionen können auch Freundschaften entstehen.

Bei mir begann es oft mit einer Rezension zu einer meiner Geschichten, auf die ich natürlich geantwortet habe. Entstand daraus ein Gespräch, ging es oft zunächst um das Fandom oder die eigenen Fanfictions. Oft blieb es dabei, doch mit manchen Lesern wurde der Kontakt enger. Man tauschte sich übers Privatleben aus, und irgendwann kamen dann Skype Gespräche, Karten oder kleine Geschenke zum Geburtstag per Post, manchmal sogar ein Treffen im wahren Leben.

Auf Fanfiction.net ist die Gemeinschaft wie beim NaNoWriMo international; und gerade wenn man wie ich auf Englisch schreibt, ergeben sich Verbindungen mit Personen aus der ganzen Welt. An einem Punkt hatte ich Leser aus Neuseeland, Brasilien, Südafrika und sogar Katar, außerdem enge Autorenfreunde in Holland, Ungarn, Serbien, Polen, England und Amerika. Letztere durfte ich sogar persönlich besuchen (und sie mich). Manche dieser Freundschaften bestehen bis heute.

Daneben wurde ich sehr bald auch Beta-Leser – das ist im Fanfiction Bereich eine Mischung aus Lektor und Coach. Ich half jüngeren oder wenig erfahrenen Schreibern bei ihren ersten Schritten, oder unterstützte befreundete Autoren mit Ratschlägen oder Feedback. Unvergessen bleiben mir die kleinen, schönen und kuriosen Momente – die vielen dankbaren „to my wonderful Beta“ Widmungen, die koreanische Neuautorin, die darauf bestand, mich ‚Miss Stella‘ zu nennen, das erste reale Treffen mit der 16-jährigen Autorin aus England, die ich jahrelang online gecoacht hatte.

Da viele Autoren in mehreren Fandoms unterwegs sind, bekam ich einen Einblick in diverse Bücher, Filme, Mangas und Animes – auch wenn ich das Original gar nicht kannte. Gelesen habe ich in dieser Zeit vieles, geschrieben aber immer nur für ‚mein‘ Fandom.



Natürlich hat Fanfiction viele Facetten, und auch ihre dunklen Seiten. Die wurden aber bereits in unserer
Einstiegskolumne so perfekt beschrieben, dass ich nichts mehr hinzuzufügen habe. Genau so habe ich es auch erlebt.


Das Ende – „Warum hast du aufgehört?“

Leider war für mich einer der Punkte, der das Fandom für mich so anziehend machte – nämlich die Freundschaften – letztlich der Grund für meinen Ausstieg. Jahrelang hatte ich Erfahrungen mit sogenannten Fandom- oder Pairing Wars – bei denen heftig darüber gestritten wird, welche Interpretation oder welches Paar das einzig wahre ist – erfolgreich vermieden und über all das Drama, dass sich in manch anderen Fandoms abspielte, nur den Kopf geschüttelt. Doch dann holte es mich ein – in Form eines heftigen, sehr persönlichen Streits, an dem Freundschaften zerbrachen. Als Resultat musste ich mich für einige Zeit komplett zurückziehen, da ich die Arbeit an meiner Geschichte nicht von den verletzenden Ereignissen trennen konnte.

Das ist allerdings eine eher ungewöhnliche Entwicklung. Die meisten Fanfiction Autoren haben irgendwann das Gefühl, „alles erzählt“ zu haben, verlieren das Interesse an ihrem Fandom oder am Schreiben generell, hören aus Zeitgründen auf oder wollen sich lieber eigenen Texten widmen. Manchmal ist auch eine Kombination aus diesen Faktoren.

Ja, es hat sicher seine Vorteile, dass ich mich jetzt mehr auf meine eigenen Geschichten („original stories“, wie man in der Fanfiction Community sagt) konzentrieren kann. Trotzdem vermisse ich die Fanfiction Zeit oft, vor allem die enge Gemeinschaft und das Feedback.

Es waren auf jeden Fall fünf großartige Jahre, aus denen ich eine ganze Menge mitnehmen konnte. Was genau, und was Fanfiction angehenden Autoren bringen kann, erfährst du dann im zweiten Teil von
Fanfiction and Me.

Wenn du selber Fanfiction schreibst: Was sind deine Erfahrungen? Ähnlich, oder ganz anders?
Und falls du noch nie Fanfiction geschrieben hast: Könntest du dir das überhaupt vorstellen? Welches Fandom, welche Idee würdest du wählen? Ich bin gespannt auf deine Kommentare. 



Stella Delaney – Autorin, Bloggerin und Geschichtenerzählerin aus Winterthur in der Schweiz. Süchtig nach Kaffee, Tee und allem Süssen. Liebt Katzen, gute Gespräche und Geschichten in jeder Form.


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