Samstag, 16. September 2017

Autobiografisches Schreiben: Wie es auch für andere spannend wird

„Viele kleine Mädchen sind Pferdenärrinen – in den Neunzigern bedeutete das, die Mädchenzeitschrift „Wendy“ zu abonnieren, auf einem Reiterhof zu jobben und Pferdebücher zu lesen beziehungsweise sich vorlesen zu lassen.
Ich war als Kind eine Hasennärrin. Zu meinen liebsten Märchen gehörte die russische Kindergeschichte vom „Sack mit Äpfeln“, dessen Protagonist ein Hasenpapa war.“


(aus meiner Kurzgeschichte „Hasenpfeffer“, veröffentlicht in „Ist ja tierisch!“)



Zunächst einmal: Es gibt mehrere Arten, autobiografisch zu schreiben. Ich möchte in diesem Artikel auf zwei davon eingehen, weil sie mir am häufigsten begegnen und ich sie für die Leser*innen des Schreibmeers als besonders relevant betrachte. Damit meine ich allerdings nicht die Menschen, die sich hinsetzen und ihr tatsächliches Leben, exakt so wie es war, in einer Autobiografie verarbeiten – auch wenn die Tipps aus diesem Artikel ebenso für sie anwendbar sind.

Der Artikel fokussiert sich stattdessen auf diese Sorten:
  • autobiografisches Erzählen in einer fiktiven Umgebung
  • autobiografische Episoden in einem ansonsten von der eigenen Biografie losgelösten Erzähltext.


Autobiografisches Erzählen in einer fiktiven Umgebung – was ist das?

Es klingt wesentlich komplizierter, als es tatsächlich ist.

Mal angenommen, Finn ist 47 Jahre alt und erfolgreicher Geschäftsmann. Aber es gibt etwas aus seiner Vergangenheit, das ihn schon immer bedrückt hat. Er möchte darüber schreiben und es veröffentlichen, merkt beim Schreiben jedoch eins:
Er kann das, was ihm passiert ist, nicht wirklich erzählen.
Die traumatischen Momente seiner Vergangenheit sind zu schwer, zu bedrückend, um sie so nackt aufs Papier zu bringen. Es tut zu sehr weh.

Also bedient Finn sich – bewusst oder unbewusst – Metaphern und Hilfsmitteln, um seine Geschichte zu erzählen und gleichzeitig eine fiktive Geschichte zu erzählen.

Als Fünfzehnjähriger hatte Finn einen schlimmen Fahrradunfall und musste danach das Laufen neu lernen. Für ihn war das ein einschneidendes Ereignis und kam dem Weltuntergang gleich. Also erzählt er die Geschichte eines Teenagerjungen, der in einer Welt wie der unsrigen lebt – doch dann geht besagte Welt unter, Maschinen erobern die Erde und schließen den Protagonisten an eine Maschine an, um ihm Träume vorzugaukeln und ihm seine Lebensenergie zu rauben (ja, ich weiß, das ist der Plot von „Matrix“, aber der eignet sich wirklich gut als Beispiel für das, was ich zeigen will).

Die merkwürdigen Träume, die der Protagonist hat, sind die Komaträume, die Finn hatte, während er nach dem Unfall an Maschinen angeschlossen war. Und seine Rettung und das Lernen, wieder ein selbstständiger Mensch zu sein, erzählt gleichzeitig die Geschichte seiner Genesung.

Oft sieht man solchen Geschichten nicht an, dass sie autobiografisch sind, so gut sind Fantasie und Wirklichkeit miteinander verwoben. Doch immer wieder schimmert etwas durch, das dafür sorgt, dass die Leser*innen ganz besonders berührt werden. Oder weicht von dem Schema ab, das ein Genre vorzugeben scheint. Weil es genau so passiert ist – nur auf metaphorischer Ebene.

Ein Beispiel für einen solchen Text wäre beispielsweise
„Lucy & Mirko“ von Claudia Gogolin.


Und was sind autobiografische Episoden in einem ansonsten von der eigenen Biografie losgelöstem Erzähltext?

Das ist eigentlich ganz einfach, als Beispiel zeige ich einen nicht spoilernden Schnipsel aus meinem Roman „Zarin Saltan“:
„Annas Mutter umarmte ihn und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange, nannte ihn Sohn und verstrubbelte seine Haare. Sie roch nach »Eden« und die Pailletten an den Ärmeln ihrer Bluse kratzten ihn, aber er war so lange nicht mehr mütterlich festgehalten worden, dass er es ignorierte und die kleine Frau in seine Arme schloss.“

Das ist das Parfüm, das Verhalten und das Oberteil meiner verstorbenen Großmutter. Annas Mutter ist ihr im Groben nachempfunden, auch wenn sie nicht mit meiner Großmutter identisch ist und als eigenständige Figur betrachtet werden muss.

Das Kapitel, aus dem dieser Abschnitt stammt, enthält noch weitere Andeutungen auf Dinge, die ich während meiner Kindheit tatsächlich besessen habe oder die ich in meiner Kindheit so wahrgenommen habe.

Ansonsten spielt eine Fernsehsendung, die ich häufig mit meiner Familie geschaut habe, eine Rolle. Die einzige im Roman erwähnte Russischvorlesung ist eine, die ich selbst besucht habe. Und ein Dialog ist aus dem Leben gegriffen – zwar nicht aus meinem eigenen, aber frei nach den Erzählungen meiner anderen Großmutter hat er nahezu wortwörtlich so zwischen ihr und der Ehefrau ihres Bruders stattgefunden.

Man kann also jeden fiktiven Text mit Schnipseln und Episoden, Gegenständen und Menschen aus der eigenen Vergangenheit anreichern, wenn man möchte.

Aber an dem Roman „Zarin Saltan“ ist abgesehen von diesen Episoden nichts autobiografisch.


Sobald der Text veröffentlicht werden soll, gibt es zwei Hürden

Und beide gilt es zu vermeiden. Es spielt im Übrigen keine Rolle, ob man einen fiktiv-autobiografischen Roman schreibt oder ob man eigene Erlebnisse in einen Roman einbaut – diese Fehler passieren in beiden Fällen oft genug.


Hürde Nummer 1: Man hat die Bilder vor Augen und vergisst, sie hinzuschreiben

Klingt banal und könnte natürlich auch passieren, wenn man völlig losgelöst von der eigenen Biografie schreibt, aber beim biografischen Schreiben sind die Gefahren noch mal viel größer. Denn beim Schreiben haben die Autor*innen die Bilder oft sehr lebendig vor Augen – und brauchen nur wenige Worte, um die Bilder jederzeit wieder erstehen zu lassen.

Aber Leser*innen haben diese Bilder nicht und sie brauchen mehr Informationen, um ein Kopfkino zu entwickeln. Es wird nie das Gleiche sein wie das der Autor*innen (da jede*r Leser*in einen Text beim Lesen anders interpretiert, ist das nicht möglich) – aber es sollte immerhin überhaupt anspringen.

Das Problem hierbei ist, dass jedes beschreibende Wort den Autor*innen zu viel vorkommt und es daher zusätzlich schwer fällt, diese Informationen einzufügen.

Mir persönlich hilft dagegen, die Passage jemandem vorzulesen und zu fragen: „Kannst du dir alles vorstellen? Brauchst du noch Informationen?“
Dafür muss das Gegenüber kein*e Leser*in und auch kein*e Autor*in sein. Zur Not kann man die Passage auch an vertraute Menschen per E-Mail oder Messenger schicken. Hauptsache, man bekommt Feedback, ob ein anderer Mensch etwas damit anfangen kann.


Hürde Nummer 2: Man hat die Bilder vor Augen – und beschreibt jedes Staubkorn

Bei Nummer 1 fehlt es an Beschreibungen in Maßen. Bei Nummer 2 dagegen kommen sie in Massen. Denn wenn man ganz genau weiß, wie ein Ort aussieht und wie es gewesen ist, ist die Versuchung oft groß, wirklich alles bis ins kleinste Detail zu beschreiben.

Wer alles in der Straße wohnt, in der Finn aus dem oberen Beispiel seinen Unfall hatte. Welche Marke das Auto hatte, das ihn getroffen hat und ob ein Duftbäumchen am Spiegel baumelte.

Warum die Straße so heißt wie sie heißt, inklusive der kompletten Biografie des Menschen, nach der sie benannt ist. Und zwar egal, ob es sich dabei um eine bekannte Person wie Anne Frank oder um einen nur lokal bekannten Botaniker handelt.

Was Finn zum Frühstück gegessen hat und jedes Wort, das seine Mutter zu ihm gesagt hat, bis hin zum „Bis bald!“ oder „Komm nicht zu spät zur Schule“.

Oft kommt – das kenne ich aus eigener Erfahrung – noch hinzu, dass man gerade zu diesen Details eine emotionale Bindung hat und sie bei der Überarbeitung nicht rauswerfen will, auch wenn irgendwo tief im Inneren das Autor*innenherz weint und man genau weiß, dass die Passagen weg müssen.

Da hilft leider nur weinen und anschließend auf dieses Herz hören und rigoros löschen. Oder auf die Betaleser*innen. Und nein, davon, dass ihr euren Betas Schokolade anbietet, damit die Stelle doch drin bleiben darf, wird euer Buch nicht besser.

Für euch getestet.


Die Folge?

Beide Extreme sind für die Menschen, die das Buch kaufen und lesen, auf ihre Art und Weise unbefriedigend. Fehlen an der richtigen Stelle nötige Beschreibungen, ist es fad. Wird jedoch alles endlos beschrieben, statt die Handlung voranzutreiben (weil es genauso gewesen ist und genauso ausgesehen hat und man das alles wissen muss, um die Handlung zu verstehen), dann hat das die gleiche Folge: Die Leser*innen langweilen sich.

Im schlimmsten Falle brechen sie das Buch ab.

Im allerschlimmsten Falle brechen sie das Buch ab und schreiben eine negative Bewertung auf Amazon und anderen Portalen. Denn wem etwas nicht gefallen hat, rezensiert erfahrungsgemäß viel häufiger.


Aber das sind doch normale Fehler?

An und für sich schon. Sie können in jedem Roman passieren, ob mit autobiografischen Elementen oder ohne. Meiner Erfahrung nach jedoch passieren sie dort noch einmal wesentlich häufiger, weil die eigenen Erlebnisse dazu verleiten, entweder zu viel oder zu wenig zu schreiben. Man tappt viel schneller in die Falle, alles beschreiben zu wollen, wenn man wirklich jeden andersfarbigen Ziegel an einer Mauer und jeden Löwenzahn im Bordstein kennt. Und man schreibt viel eher zu wenig, wenn einem selbst die Bilder im Kopf genug sind – weil man sie sich nicht mal ausdenken muss.

Dass jede Erinnerung an einen Ort vom Gehirn konstruiert ist, tut hier nichts zur Sache – es wird trotzdem oft genauer sein, als ein Fantasiebild. Und diese Genauigkeit findet sich schneller in einem Text wieder, als einem lieb ist.

Und: Beide Fehler können in ein- und demselben Text auftreten.


Wie macht man es spannend?

Die Antwort darauf ist banal.

Indem man etwas Reales genau so schreibt, als wäre es nie passiert.

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Zum Weiterlesen:

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Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte. Sie bloggt über das Autorendasein, Bücher und den Weltenbau.



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