Mittwoch, 9. August 2017

Wie ich es schaffte, meine Manuskripte zu beenden

Ein Erfahrungsbericht


Schon seit ich ein kleines Kind war, trug ich einen Wunsch im Herzen: Ich wollte Bücher schreiben, wollte eine Autorin werden und Menschen mit meinen Geschichten verzaubern. Früh begann ich damit, erste Kurzgeschichten zu schreiben, aber irgendwann war mir das nicht mehr genug und ich wollte mich an Romane heranwagen. Ich startete den ersten Versuch – und versagte! Auch die nächsten geschätzten fünfzig Versuche scheiterten. Ich schrieb einen Anfang, kam aber nie über die ersten zehn Kapitel hinaus. Es war jedes Mal das gleiche Schauspiel: Mich verließ der Mut, ich fand alles einfach nur noch schlecht und schmiss das Ganze hin. Oder – was noch tückischer war – mir kam eine neue, vermeintlich viel bessere Idee, der ich mich lieber widmen wollte, als dem aktuellen Projekt. Auf diese Weise begann ich zig Romanprojekte, brachte aber kein einziges davon zu Ende. Ich wurde zunehmend verzweifelter und entfernte mich immer mehr von meinen Ziel, Bücher zu schreiben. So sehr ich mich auch anstrengte, es wollte mir einfach nicht gelingen, meine Manuskripte zu beenden. 


Mittlerweile kann ich über mein Ich von damals nur müde lächeln. Ich habe inzwischen mehrere Romanmanuskripte fertig geschrieben und scheine den Dreh raus zu haben. Doch, wie habe ich das geschafft? Das möchte ich euch in diesem Artikel verraten, in der Hoffnung all denen da draußen helfen zu können, die vor dem gleichen Problem stehen, vor dem ich jahrelang stand. 

Am Anfang stand das Camp

Es war Juni 2015 und ich hatte mich kurzerhand entschlossen, im Juli zum ersten Mal in meinem Leben an einem Camp NaNoWriMo teilzunehmen. Ich wollte es einmal ausprobieren, wollte sehen, ob ich davon profitieren konnte. Die Tatsache, dass man beim Camp das Wortziel selbst festlegen konnte, ermutigte mich.

Mein erster Schritt in die richtige Richtung war, mir ein nicht ganz so langes Projekt vorzunehmen. Es sollte lediglich ein Kurzroman von 25.000 Wörtern werden. Das überstieg alles, was ich bisher zustande gebracht hatte, aber es war eben nicht gleich ein dicker Wälzer. Das Ziel war eine Herausforderung, doch es war machbar. Ein bisschen peinlich war mir zwar schon, dass ich das niedrigste Ziel in meiner Cabin hatte, aber ich wollte mich langsam an die Sache herantasten.

Ich hatte bereits gehört, dass es sowohl Plotter als auch Discovery Writer gab und wusste nie so recht, zu welcher Gruppe ich eigentlich gehörte. Da ich allerdings schon mehrere Romane ohne Plot angefangen hatte und diese nie zu Ende brachte, weil ich mich früher oder später in eine Ecke schrieb, beschloss ich, meinen Kurzroman mit einem Plot anzugehen. Ich legte mir also eine Tabelle an und listete darin jedes einzelne Kapitel auf. Dann füllte ich die einzelnen Felder aus und schrieb hinter jede Kapitelüberschrift, was in dem jeweiligen Kapitel passieren sollte. Ich notierte mir auch eine ungefähre Wortzahl, die ich pro Kapitel schreiben wollte und rechnete mir so aus, wie viele Kapitel ich bräuchte, um auf meine 25.000 Wörter zu kommen. Das ich mich nicht ganz hundertprozentig daran halten würde, war mir schon klar. Aber ich wollte einen ungefähren Plan in der Hand halten, an dem ich mich orientieren konnte.

Was mir extrem dabei geholfen hat, mein Projekt tatsächlich zu beenden, war das tägliche Schreiben im Camp. Der ständige Wettbewerb mit meinen Cabin-Kolleginnen spornte mich extrem an und ich schrieb so viel, wie zuvor noch nie. Innerhalb von fünfzehn Tagen hatte ich meine 25.000 Wörter geschrieben und beendete meinen Kurzroman. Ich war überglücklich über das Erreichen meines Ziels. Endlich hatte ich mir bewiesen, dass ich es konnte.

Wie ich das Geheimnis lüftete

In den darauffolgenden Monaten versuchte ich es wieder, mit neuen Romanen, doch es klappte nicht mehr. Ich schaffte es einfach nicht, an meinen Geschichten dranzubleiben. Ich begann zwei, drei Romane, ohne sie zu Ende zu schreiben. Ich brach sie bereits nach wenigen Kapiteln wieder ab und widmete mich neuen Projekten, die mir vielversprechender vorkamen – kurzum: Ich verfiel wieder in mein altes Muster.

Erst beim NaNoWriMo im November witterte ich meine Chance, wieder einen Roman zu beenden. Während dieses Schreibmonats hatte ich plötzlich wieder die Motivation, mich täglich auf den Hosenboden zu setzen und eine Geschichte zu spinnen. Kapitel für Kapitel reihte sich daran und am Ende schloss ich meinen Roman mit ca. 52.000 Wörtern ab.

Jetzt, dachte ich, muss es doch funktionieren. Auch außerhalb des NaNoWriMos. Ich setzte mich an neue Projekte – bei einem schaffte ich sogar um die 30.000 Wörter, doch dann verlor ich die Lust an dem Projekt. Wieder musste ich Rückschläge einstecken und wieder zweifelte ich an mir. Warum funktionierte das Fertigschreiben nur beim NaNoWriMo und während der Camps? Warum brachte ich sonst nicht die nötige Motivation auf, meine Manuskripte zu Ende zu schreiben?

Es vergingen weitere Monate. Während des Camp NaNoWriMo im April 2016 schrieb ich meinen bisher längsten Roman. Im Juli-Camp folgten ein weiterer Roman und ein Kurzroman. Dann kam die lange Pause zwischen Juli und November (dem nächsten NaNoWriMo). Ich wollte die Zeit unbedingt nutzen, wollte neue Geschichten schreiben. Aber ich hatte Angst vor Rückschlägen. Bisher war es mir nur während offizieller Schreibmonate gelungen, Manuskripte zu beenden. Wieso war das so?

Ich tüftelte lange darüber nach, was das Geheimnis war und was die Magie dieser Schreibmonate ausmachte. Wie konnte ich es schaffen, auch außerhalb von Schreibmonaten Projekte zu beenden?

Schließlich kam ich auf die Lösung. Sie bestand aus drei Punkten, die bewirkten, dass ich während des NaNoWriMos und der Camps mehr Disziplin hatte, als sonst:
  1. Ich schrieb täglich.
  2. Ich hatte ein Schreibziel.
  3. Ich tauschte mich mit anderen über meine Erfolge und Misserfolge aus. 

Ich ging die Punkte im Kopf durch. Täglich schreiben – okay, das konnte man auch außerhalb des NaNoWriMos umsetzen. Es würden zwar mehrere Tage dabei sein, an denen ich mir selbst in den Hintern treten müsste, aber das würde ich überstehen. Ein Schreibziel konnte ich mir ebenfalls stecken. Am besten so, dass es eine Herausforderung ist, aber mich nicht überfordert. Ich beschloss, als erstes Projekt wieder einen Kurzroman zu nehmen, diesmal mit 30.000 Wörtern. Davon wollte ich täglich etwa 1000 Worte schreiben.

Der tägliche Austausch war mein größtes Problem, doch auch dafür sollte es Abhilfe geben. Ob ich mich nun in Schreibforen oder Facebook-Gruppen für Autoren tummelte, mich auf Twitter mit anderen austauschte oder über meinen Blog – mir standen sämtliche Türen offen. Schließlich fand ich aber den für mich effektivsten Weg: Ich reanimierte meinen YouTube-Kanal und begann damit, wöchentliche Vlogs zu meinen Schreibfortschritten zu drehen. Darin erzählte ich meinen Zuschauern von meinen Erfolgen, aber auch von Rückschlägen und Frust. Die Vlogs sollten mir nicht nur helfen, mich mit anderen Autoren auszutauschen, sondern mir auch selbst die nötige Disziplin verschaffen, mich täglich an mein Projekt zu setzen und zu schreiben – und es funktionierte!

Innerhalb von drei Wochen schloss ich meinen Kurzroman ab. Er wurde sogar etwas länger als geplant.

Als nächstes versuchte ich mich an einem Roman von 65.000 Wörtern Länge und auch das klappte. Ich hatte den Fluch gebrochen, hatte endlich einen Weg gefunden, meine Manuskripte zu beenden.


Zusammenfassung

Wenn du unter dem gleichen Problem, wie übrigens sehr viele junge Autoren, leidest, und deine Manuskripte bisher nie zu Ende geschrieben hast, dann versuche einmal folgende Punkte für dich umzusetzen:

  • Denke dir ein kürzeres Projekt aus. Je nachdem, wie lang deine bisherigen (unbeendeten) Werke waren, sollte es dich herausfordern, aber nicht überfordern. Kleine Schritte führen zum Ziel, also plane nicht gleich einen Wälzer von 500 Seiten. Es sei denn, du bist von Haus aus ein Vielschreiber.
  • Finde für dich heraus, ob du ein Plotter oder ein Discovery Writer bist. Am besten gehst du dieser Frage auf den Grund, indem du einfach einmal beides ausprobierst oder darüber nachdenkst, was dir in der Vergangenheit geholfen hat. Hast du bisher immer versucht, frei nach Schnauze zu schreiben? Dann probiere es einmal mit einem Plot. Vielleicht läuft es da besser. Bemerkst du, dass Plotten dir den Spaß am Schreiben nimmt? Dann schreibe deine Geschichte ohne Plan und entwickle sie beim Schreiben.
  • Schreibe täglich! Komme was wolle! Du könntest z. B. immer zur selben Uhrzeit schreiben. Nach ein paar Wochen wird sich eine Routine einstellen und dann brauchst du dir nicht mehr täglich in den Arsch zu treten. Am Anfang könnte das schon des öfteren vorkommen. Motivieren kannst du dich, indem du dich anschließend für das Schreiben belohnst, z. B. mit einem guten Buch, einer Folge deiner Lieblingsserie oder Schokolade.
  • Setze dir ein festes Wortziel, sowohl für das komplette Projekt, als auch ein tägliches Ziel, das du erreichen möchtest. Für den Anfang eignen sich hier 500 Wörter pro Tag, wenn du dich aber ein bisschen mehr herausfordern möchtest, darfst du dir auch gerne 1000 oder mehr Wörter vornehmen.
  • Suche den Austausch mit anderen, um dich zu motivieren. Es gibt zahlreiche Schreibforen, wo man mit anderen Autoren diskutieren kann. Auch Facebook bietet viele Gruppen für Schriftsteller an. Alternativ kannst du auch selbst einen Social Media Kanal, Blog oder Vlog starten, in dem du über deine Schreibfortschritte berichtest und dich mit anderen vernetzt. 

Denke daran: Deine Geschichte kannst nur du schreiben und die Welt damit bereichern. Wenn du sie nicht beendest, wird sie uns für immer vorenthalten bleiben und das wäre doch schade, oder? Also, setze dich auf deinen Hosenboden und lege los. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Ausprobieren und dass du es bald schaffst, das magische Wörtchen „Ende“ unter deine Projekte zu setzen.

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Zum Weiterlesen:


Mimi bloggt auf www.myna-kaltschnee.com über Bücher und das Schreiben. Ihre Geschichten sind in den Genres Horror, Fantasy und Science Fiction zu Hause.


Kommentare:

  1. Leider hilft mir der Artikel nicht, aber er vermittelt zwischen den Zeilen eins: Man muss seine eigene, passende Arbeitsweise finden und dazu noch das richtige Projekt erwischen.
    Ich gehöre zu den Entdeckern und für uns gibt es so gut wie keine Ratgeber, keine Artikel, keine Hilfen. Das liegt vielleicht daran, dass Entdecker eher in der Unterzahl sein könnten oder daran, dass sie - wenn sie denn eine Geschichte einmal gepackt hat - nichts anderes mehr tun können als diese zu schreiben. Für uns Entdecker gilt: Sobald wir in Foren oder Gruppen zu finden sind, ist uns die Geschichte egal, die Spannung ist flöten. Man könnte auch sagen, der Autor zündet mitten beim Sex die Zigarette an. Er wird dir sagen, dass er gerade nur eine Pause macht, um länger durchhalten zu können. Du wirst aber merken, wie seine Gedanken sich nur noch um Fußball drehen.

    Wenn ich eines gelernt habe, dann dieses:
    Lerne dich selbst kennen, lege deine Messlatte nur so hoch an, wie du selbst groß bist und gib dir viel Zeit, dich und dein Schreiben kennen zu lernen. Schreiben lernen ist ein jahrelanger Prozess, eine Lebensaufgabe. Und es ist wohl eine der schönsten Herausforderungen, die sich ein Mensch denken kann. Kein Projekt ist wie das andere und du musst keines zu Ende bringen. Du darfst.

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    1. Hallo Darielle,

      schade, dass dir der Artikel nicht weiterhilft. Aber ja, es ist wirklich so, dass man im Grunde genommen seinen eigenen Weg finden muss, wie man seine Manuskripte beendet. Das war jetzt nur meine Erfahrung und mein Weg, aber das heißt nicht, dass er jedem weiterhilft.

      Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute und dass du deinen Weg findest.

      Liebste Grüße
      Mimi

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  2. Ich denke, dass es für Discovery Writing keine Ratgeber und Artikel gibt liegt einfach daran, da man es nicht erklären kann. Es gibt keine vorzeigbaren Modelle oder Strategien, wie man es denn angehen könne, so wie es sie für das Plotten gibt.
    Discovery Writing ist eher vergleichbar mit einer Reise in das ungewisse. Man geht vor die Tür. Man schlägt eine beliebige Richtung ein. Und dann geht man los. Man weiß nicht wohin man kommen wird, und auch weiß man nicht, wie lange die Reise dauern wird. Und wenn man irgendwann am Ende der Reise ankommt, blickt man zurück, und fangt mit er Überarbeitung des Textes an.

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    1. Das hast du sehr schön gesagt, Günther. Du hast recht, für das Discovery Writing gibt es keinen Plan, dem man folgen kann. Man schreibt einfach so ins Blaue hinein und entdeckt erst beim Schreiben die Geschichte.

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  3. Hallo Myna,

    Ich finde deinen Artikel sehr interessant, weil wir scheinbar polare Gegenteile sind. Ich habe vor einigen Monaten mein erstes Manuskript fertiggestellt. Es war die erste gute Idee, die ich je für eine Geschichte hatte, hat fast 4 Jahre gedauert (da ich nebenbei auch noch studieren muss) und ist 190.000 Wörter lang. Nun war ich einige Monate lang ratlos, was ich als nächstes schreiben könnte und hatte erst vor kurzem wieder eine Idee.
    Auf den Gedanken, dass man auch "zu viele" Ideen haben kann, bin ich noch nie gekommen. Das ist wohl ein Fluch und ein Segen zugleich.

    Was ich deinen Tips noch hinzufügen würde wäre, sich als "Anfänger" erstmal an ein Projekt mit einer einfach Struktur zu wagen. Nicht mehr als zwei Blickpunktcharaktere, am besten nur einer. Gerade wenn man Fantasy oder Thriller schreiben möchte, ist die Gefahr groß, zu viele Handlungsstränge anzufangen und die dann nie wieder unter einen Hut zu bekommen.

    Viele Grüße, Simon

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    1. Hallo Simon,

      190.000 Wörter sind eine stolze Zahl und für ein Erstlingswerk schon erst recht. Ja, es soll Leute geben, die sich vor Ideen kaum retten können, aber zu denen gehöre ich auch nicht. Ich leide auch eher unter Ideenarmut.

      Das mit der einfachen Sturktur ist ein guter Tipp. Danke für die Ergänzung.

      Liebste Grüße
      Myna

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