Samstag, 15. Juli 2017

Erzähltempo und Erzählzeit

Eines der grundlegendsten Handwerksmittel eines Schriftstellers ist sicherlich die Gestaltung von Erzähltempo und Erzählzeit, spielen sie doch eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei, wie der Leser die Geschichte erlebt: Ist sie rasant, abgehetzt, atemlos oder doch langsam, ruhig dahinplätschernd, oft verweilend? Aber der Reihe nach.


Erzählzeit vs. erzählte Zeit

Zunächst gilt es, zwei wichtige Begriffe richtig voneinander zu unterscheiden: „Erzählzeit“ und „erzählte Zeit“. Klingen ähnlich, meinen aber völlig unterschiedliche Aspekte! Die „Erzählzeit“ bezeichnet die Zeitspanne, die benötigt wird, um die Geschichte vollständig zu erzählen – bzw. die Zeit, um die Geschichte als Buch zu lesen oder als Hörbuch anzuhören. Man kann die Erzählzeit daher recht eindeutig mit Seitenzahlen, Wortanzahlen oder Hörbuchminuten beziffern.
Die „erzählte Zeit“ hingegen bezeichnet die Zeitspanne, über die sich die Geschichte erstreckt. Wie lange dauert die Geschichte? Tage, Monate, Jahre? Im Fall der Harry-Potter-Bücher beträgt die erzählte Zeit pro Band etwa ein britisches Schuljahr.

Aus der Differenz von Erzählzeit und erzählter Zeit ergibt sich die dritte wichtige Größe: Die Erzählgeschwindigkeit oder auch das Erzähltempo. Denken wir an Harry Potter: Die erzählte Zeit beträgt ein Jahr, die Erzählzeit hingegen aber viel weniger: Ich kenne z.B. eine Dame, die Harry Potter Band 6 in zwei Tagen verschlungen hat!
Zu solchen Differenzen kommt es, weil J.K. Rowling eben nicht jede einzelne Sekunde dieses ganzen Schuljahres schildert, sondern sie macht – Wer hätt’s gedacht? – natürlich auch immer mal wieder Sprünge, lässt Tage und Wochen aus, gestaltet dafür einzelne Unterrichtsstunden zu ganzen Kapiteln aus … sie passt eben die Geschwindigkeit des Erzählens so an, wie sie es gerade braucht.


Dreierlei Geschwindigkeiten

Man kann hier dreierlei „Geschwindigkeiten“ unterscheiden:

„Zeitdeckung“ bedeutet, dass Erzählzeit und erzählte Zeit annähernd gleich sind. Dies ist in Romanen etwa bei Dialogen der Fall, wenn außer den wörtlichen Reden kaum noch Gedanken oder Beschreibungen der beteiligten Figuren dabei sind.

„Zeitdehnung“ bedeutet, dass die Erzählzeit weit mehr beträgt als die erzählte Zeit. Das ist etwa dann der Fall, wenn bei einem Dialog zusätzlich zu den wörtlichen Reden noch viele Beschreibungen und Gedanken beigefügt sind. Ein Beispiel:

Lena kaute gedankenverloren auf ihrem Bleistift. „Weißt du zufällig ein Tier mit sechs Buchstaben, in der Mitte ein A?“
Max kratzte sich am Kopf. In seinen Augen blitzte es, er liebte die Herausforderung eines guten Kreuzworträtsels. „Lass mal sehen!“, hätte er am liebsten gerufen und Lena das Blatt aus der Hand gerissen, doch er riss sich zusammen, rieb sich die Nase und lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück, während eine Fliege genüsslich über den Keks auf seinem Teller krabbelte – eigentlich hätte er ja gar keine Butterkekse essen dürfen wegen der Weizenallergie, aber Max war schon immer schwach gewesen, schon damals, als Kind, als er in den Topf gefallen war mit dem …

Das könnte jetzt noch ewig so weitergehen. Die erzählte Zeit ist nur die Frage und die Antwort von Lena und Max, aber die Erzählzeit wird durch den langen Infodump ausgedehnt – woran man übrigens schön sieht, dass eine solche Dehnung bei einem auktorialen Erzähler schnell passieren kann. Aber auch personale Erzähler sind davor nicht gefeit, wenn sie etwa die Innensicht ausbauen oder Bewusstseinsströme der Figuren wiedergeben.

„Zeitraffung“ wiederum bedeutet, dass die erzählte Zeit viel größer ist als die Erzählzeit. Ein Beispiel wären wieder die Harry-Potter-Bände, ein ebenso anschauliches aber auch dieses hier:

Vorgestern bin ich auf dem Heimweg von der Arbeit in den Regen gekommen. Am Morgen danach bin ich mit verstopfter Nase aufgewacht. Dieser Schnupfen quält mich auch heute noch.

Die erzählte Zeit umfasst hier drei Tage, wird aber auf drei Sätze komprimiert, denn alles, was nicht gerade zur Handlung beiträgt – es geht schließlich nur um den Schnupfen! – wird ausgelassen.


Das Spiel mit Raffung, Dehnung, Deckung

Die Banalität des Folgenden liegt auf der Hand: Ein Roman lebt vom Wechsel der Geschwindigkeiten. Niemand will eine Geschichte nur im Schnelldurchlauf erleben oder sich durch jede einzelne Sekunde eines Jahres in Hogwarts quälen.

Manchmal sind Zeitsprünge und Ellipsen (Auslassungen) einfach genauso nötig wie Zeitlupen, in denen der Handlungsverlauf verlangsamt wird. Dafür kann es kein Universalrezept geben, hier ist jeder Autor gefordert, sich dem Kontext seiner Szenen optimal anzupassen.
Was man aber kann, ist, diese Techniken studieren. Und dafür bieten sich am besten Bücher und Filme anderer Autoren an.

Wunderbare Beispiele für Zeitdehnungen gibt es beispielsweise in den alten Italo-Western – die Duellszenen, in denen sich zwei glorreiche Halunken zum Showdown gegenüberstehen unterliegen fast immer der Zeitdehnung. Filmemacher lenken ihren Blick hier oft von den beiden Kontrahenten auf die Umgebung: Es gibt immer Wind, der an den Mänteln zieht, immer Bewohner der Stadt, die sich als Schaulustige versammeln, ein Kind, das in Sicherheit gebracht werden muss, Großaufnahmen der über den Revolvern hängenden Hände, Schweißtropfen auf der Stirn des Helden … durch diese genauen Beschreibungen wird die Geschwindigkeit aus der an sich rasanten Szene herausgenommen. Es wird Spannung aufgebaut, ein Stück weit auch die Qual des Lesers („Wann ist es denn endlich so weit????“) und diese Qual verstärkt den erleichternden Höhepunkt der Szene natürlich ungemein.
Ähnliches ist auch in Liebesromanen denkbar, etwa als langsame Hinführung vor der entscheidenden Kussszene oder dem Heiratsantrag. Schlussendlich haben wir auch alle uns durch die endlosen Stunden gequält, in denen Frodo schwankte, ob er jetzt den Ring aufstecken soll oder nicht …

Zeitraffung kann einerseits den praktischen Vorteil haben, nicht alles erzählen zu müssen. In diesen Stunden passiert nichts? Lassen wir sie aus oder fassen wir sie zusammen mit „Die nächsten Stunden verbrachten sie damit …“. Tatsächlich kann aber Zeitraffung auch auf einer tieferen Ebene direkt im Text für Spannung und ein rasantes Tempo sorgen, etwa in Entscheidungskämpfen oder bei Unfällen, wenn alles so schnell geht, dass der Protagonist – und auch der Leser – keine Möglichkeit haben, zu folgen. Das große Ganze kann hier ausgelassen werden, stattdessen kommt es kurz Schlag auf Schlag und nur das, was direkt dem Protagonisten wiederfährt, wird wiedergegeben – was sonst noch passiert ist, wird erst später in einer Rückschau geklärt.

Zeitdeckung kann immer dann wertvoll sein, wenn Schlüsselszenen minutiös gestaltet werden wollen, weil es auf den exakten Ablauf ankommt. Denkbar wären hier etwa Kampfszenen, dialoglastige Abschnitte oder vielleicht auch Sexszenen, wenn die Erotik nicht bei „Langsam glitt ihr Kleid zu Boden“ mit einem Kapitelende abgewürgt werden soll.


Zum Schluss: Sprache als Steuerung der Lesegeschwindigkeit

Wir haben natürlich in diesem Artikel vieles ausgelassen – etwa Rückblenden, Vorausdeutungen oder anachronistische Erzählweisen, die das Zeitgefüge noch einmal komplizierter machen. Fokus dieses Artikels war aber vor allem das Tempo.

Zum Schluss noch ein letzter (vielleicht auch banaler Tipp): Die Sprache des Autors, vor allem die Satzlänge, kann die Lesegeschwindigkeit steuern. Es ist längst erwiesen, dass man für lange, ausufernde Sätze um ein Vielfaches länger braucht, sie zu lesen, als dies bei kurzen Sätzen der Fall ist. Kurze Sätze sind rasanter. Abgehakter. Schlag auf Schlag.

Kennt ihr Szenen aus Büchern oder Filmen, die Zeitraffung/-dehnung/-deckung ideal einsetzen? Schreibt sie in die Kommentare!

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Zum Weiterlesen:
 
Florian ist Kurzgeschichten-Autor, Weltenbauer, Story-Telling-Enthusiast und Latinist. Er veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten auf dem Tintenfleck und bloggt über fiktive Welten auf der Weltenschmiede


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