Samstag, 22. Juli 2017

Diversity – Das kleine Umdenken – Ein Kommentar

Vielfalt ist natürlich gut und schön, da möchte ich unserer Autorin des Artikels „Diversity – Das kleine Umdenken“ gar nicht allzu sehr widersprechen. Aber sind wir mal ehrlich, auch in der Natur, dem großen, künstlerischen und uns all umfassenden Vorbild und Inspiration vieler großer Dichter und Denker, gibt es in der Vielfalt eine gewisse Begrenzung. Jeder kennt das Gesetz des Stärkeren. Und bei Büchern und anderen Medien ist es nicht anders. Es gewinnt immer das, was bei den Konsumenten gerade gut ankommt. Denkt doch nur mal an die letzten Jahre: Harry Potter, Eulen, und jetzt sogar Einhörner. Irgendwas ist doch immer. Okay, vielleicht kommt auch nur das bei den Konsumenten gut an, was neudeutsch Influencer gut finden und hypen oder in das die Werbeindustrie massenhaft Kohle steckt. Shades of Grey – vielleicht nur berühmt, weil es eben als Fanfiction zu Twilight bekannt wurde. Denkt mal drüber nach.




Vielleicht sollten wir uns als Autoren gar nicht so einen Kopf um Vielfalt machen, sondern die Geschichten einfach so schreiben, wie sie zu uns kommen. Ich als Leser habe meine eigene Vorstellung von den Charakteren. Ich bin kein Fan von Menschen auf dem Cover, die suggerieren sollen, wie die Protagonisten aussehen. Und auch die Beschreibungen vom Aussehen sind mir ziemlich wurscht, weil sie in meinem Kopf eben, wenn überhaupt, ein festes Aussehen haben. Mag sein, dass einige Leser sich daran orientieren, aber oft halten sich nicht mal Regisseure in Verfilmungen an die Vorgaben der Autoren. Ich weiß auch nicht, ob es so zielführend ist, einen „Quotenschwarzen“ oder die „Quotenlesbe“ einzuführen, nur damit sie eben da ist. Sollte man nicht eher natürlich mit diesen Themen umgehen, damit Leser nicht immer und immer wieder darauf gestoßen werden, dass es ja außergewöhnlich ist, dass der Charakter jetzt nicht auf Mädchen steht, sondern sich mehr zu seinem besten Kumpel hingezogen fühlt? Oder mal überhaupt kein Interesse an Sexualität zeigt, auch wenn er schon kein Teenager mehr ist?


Ein kurzer Kommentar zu den „älteren“ Jungfrauen in New/Young Adult Romanen. Prinzipiell finde ich es gut, denn so können sexuell unerfahrene Leser sich in den Figuren wiederfinden und das Gefühl vermittelt bekommen, dass es in Ordnung ist, noch keine oder wenig Erfahrung zu haben. Allerdings ist dieses „sich dem nächstbesten Typen an den Hals werfen, der seine Phantasien an einem naiven Ding ausleben will“ doch sehr unrealistisch. Gerade weil diese Menschen so etwas nicht tun, haben sie noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt. Denn es gibt sie durchaus, die Menschen, die mit zwanzig und darüber hinaus noch keinen Sex hatten.

Und um mal beim Thema (erste) Liebe zu bleiben. Ersteinmal glaube ich, dass Autoren gern ihre eigenen Vorlieben und geheimen Wünsche in Romane einfließen lassen. Jeder, der ehrlich das Gegenteil von sich behaupten kann, möge sich einmal bei mir melden.

Klar, wer möchte nicht von einem schönen Menschen begehrt werden? Und Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters. Und das ist jetzt auch schon der Punkt, auf den ich eigentlich hinaus will: Jeder Mensch ist schön. Die Sache mit den Hormonen, wenn man sich verliebt, ist ein wunderbares Ding. Ich habe es schon mehrmals erlebt und ich glaube auch, dass da nichts Verwerfliches dran ist, wenn man den LoveInterest als schönen Menschen darstellt. Eben weil man ihn in der Situation genau so sieht: als schönsten Menschen der Welt. Man hat nur Augen für ihn und nimmt alles andere gar nicht mehr wahr.


Gehen wir mal von den benannten Charakteren in den New/Young Adult Romanen aus. Die begehrenswerten Jungs sind schön, groß, schlank und sportlich. Genau das ist doch der Typ Kerl, der die Aufmerksamkeit der jungen Mädels erregt; weil er ein irres Selbstbewusstsein ausstrahlt. Ich erinnere mich an eine Gruppe freakiger Jungs in der Schule. Sie waren irgendwie die Außenseiter, aber auch sie sahen an sich nicht schlecht aus. Allerdings waren sie eher ruhig und bleiben lieber außen vor, weil sie nicht cool sein wollten. Sie schienen immer ein bisschen in ihrer eigenen Welt zu treiben.

Und die Mädels? Beliebt waren die, die schlank waren – oder die, die dann doch etwas mehr auf der Hüfte hatten und durch ihre Art aus der Masse herausstachen. Meist waren sie lustig (auch wenn sie sich vielleicht selbst auf die Schippe nahmen). Auch hier blieben die ruhigeren, zu denen vor allem auch ich gehörte, lieber unter sich, während sich die beliebteren mit den Jungs in Gruppen mischten und gefühlt jeder mal was mit jedem hatte.


Die Geschichten in Büchern zeigen eben nicht (immer) die Realität, sondern viel mehr die Träume und Möglichkeiten von Nerds und/oder den Unbeliebten, den Außenseitern und verschrobenen Menschen, die die meisten Autoren und Schriftsteller – so klischeehaft es auch klingt – nun mal sind. Es sind die Träumer, die nicht immer das bekamen, was sie wollten, die nun mit ihren Geschichten den Träumern eine Flucht aus der Realität ermöglichen wollen. Sie wollen sich mit den Protagonisten identifizieren, auch wenn sie ihnen nur in einem Punkt (den langen Haaren beispielsweise) ähneln. Sie können ein Leben leben und ganz sie selbst sein, einfach mal vergessen, dass sie nicht die beliebtesten sind. Dass lesen und auch schreiben heilsam sein kann, darüber haben wir schon einmal im Schreibmeer geschrieben. Beim Lesen und Schreiben möchte ich mich in andere Realitäten träumen, dem Alltag entfliehen, ein anderes Leben leben und nicht den erhobenen Finger vor der Nase haben, weil ich so vielfältig wie möglich schreiben muss. Wenn eine Frau in meinen Geschichten eine Frau liebt, dann ist es so, weil es die Natur meiner Charaktere ist und nicht, weil es sich heutzutage so gehört. Wenn jemand in meinen Geschichten dunkelhäutig ist, dann ist es nicht, weil ich besonders exotisch schreiben möchte, sondern einfach, weil der Charakter Wurzeln in einem anderen Land hat. Punkt.


Kommen wir zur angesprochenen Intelligenz. Wieder möchte ich behaupten, dass kein Mensch wirklich dumm ist. Der eine hat vielleicht einen hohen Intelligenzquotient, der andere hingegen „nur“ eine hoch emotionale Intelligenz. Ja, vielleicht ist es albern, ein Teenagermädchen zu begleiten, das in der Nähe ihres Schwarms total ungeschickt ist, aber genau so ist es doch. Ich selbst gebe nicht gern an, dazu bin ich zu bescheiden erzogen, aber exemplarisch mal hier ein kurzer Einblick: ein IQ-Test, den ich mal gemacht habe (wie viel auch immer der wert ist, steht im Kontext glaube ich nicht wirklich zur Debatte) hat einen IQ von 129 ergeben. Ich denke, das ist nicht schlecht. Mein Abitur und auch mein Studium habe ich mit links gemacht. Ich war nicht gut, eher so Mittelmaß und mit Fleiß hätte ich mehr erreichen können. Fakt ist aber, dass ich in der Nähe meines Freundes das Gefühl habe, es intellektuell nicht einmal mit einem Toastbrot aufnehmen zu können. (Hiermit entschuldige ich mich offiziell bei allen Toastbroten der Welt für diese unsensible Aussage) Und ich bin nicht die einzige, der es so geht. Schaut euch mal bei einigen OT-Posts der Facebookgruppe Zeilenspringer um.

Ich sage nicht, dass es immer so ist, aber ich glaube, Hormone können einen wirklich ganz schön aus der Bahn werfen ;-)


Die viel gepredigte Schreibregel, schreib nur über das, was du kennst, kommt hier meiner Meinung nach sehr schwer zum tragen. Man sollte sich wenigstens in ein Thema eingearbeitet haben, ordentlich recherchiert, wenn man es nicht aus persönlicher Erfahrung kennt.

Finde ich absolut nachvollziehbar. Aber ich selbst habe es noch nie erlebt, dass ich den Drang habe, eine Geschichte zu schreiben, dessen Thema mich nicht in irgendeiner Weise berührt. Allein dadurch werde ich vermutlich nur über Dinge schreiben, die mich beschäftigen. Schwerer wird es wirklich, wenn es einen Charakter gibt, der einen anderen als den „typischen“ weißen Hintergrund hat. Meiner Meinung nach spürt man das wirklich und „malt“ ihn nicht nur um der Vielfalt Willen an, dann bleibt das Problem, dass man dem Charakter nicht gerecht werden kann, weil man sich auch durch bloße Recherche nicht immer hundertprozentig in ihn einfühlen kann. Der Ausweg ist einfach wie mutig: Schreib so gut du kannst, du kannst nicht allen gerecht werden.


Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung aufgrund seiner Erfahrungen und seines Umfeldes. Drei Menschen sitzen in der gleichen Vorstellung im Kino, haben als sie den Saal verlassen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht den gleichen Film gesehen. Ihr versteht das Prinzip?


Mein Aufruf an die Autoren unter euch: Lasst es euch nicht nehmen, eure Geschichte aufzuschreiben, nur weil ihr Angst davor habt, sie könnte falsch ankommen. Wenn ihr euch unsicher seid, gibt es auch noch Testleser und Lektoren ;-)

Und gerade hier sehe ich für Selfpublisher und Kleinverlage ein sehr großes Potenzial. Ich wünschte mir, dass die „big five“ der Publikumsverlage auch wieder vielfältiger in ihrem Sortiment werden und sich trauen, besondere Geschichten und nicht nur „Kopien“ zu veröffentlichen, weil diese gut laufen.

Im gleichen Atemzug sind auch Leser gefragt, denn sie sind es, die den Markt mitbestimmen können, indem sie aufgeschlossen sind und die Vielfalt unter den Büchern durch ihren Kauf fördern.

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Zum Weiterlesen:




Tinka Beere liebt es, in andere Welten einzutauchen, und schreibt Geschichten mit einem fantastischen Touch. Darüber hinaus begeistert sie der Austausch mit anderen Autoren, denen sie mit hilfreichen Tipps gerne zur Seite steht.


Kommentare:

  1. 1. Vielfalt ist kein Trend. Diversity ist nichts anderes als eine Notwendigkeit, die aus verschiedenen Gründen in der Vergangenheit vernachlässigt wurde. Es geht nicht darum, was „gut ankommt“. Es geht darum, echte Menschen zu zeigen und die sind nunmal nicht alle weiß und hetero.

    2. Es gibt keine „Quotenlesben“. Manche Frauen sind lesbisch, auch in Büchern. Wer nicht versteht, weshalb es wichtig ist, dass auch lesbische Frauen sich in den Romanen, die sie lesen repräsentiert sehen, muss beim Thema Diversity nochmal ganz vorne anfangen, bevor er Kommentare zu sinnvollen Artikeln schreibt.

    3. Ja, wir wollen uns alle mit Geschichten in fremde Welten träumen. Das wollen lesbische Leser oder nichtweiße Leser aber genauso wie die „Nerds“, die im wahren Leben nie bekommen, was sie wollen mimimi. Bekommt man als Lesbe aber auch nicht. Gerade deshalb ist Vielfalt im Roman wichtig, um verschiedene Lesergruppen anzusprechen und eben nicht in jedem einzelnen Roman immer nur weiße heterosexuelle Leser, ob Nerd oder nicht.

    4. Wenn ein Schriftsteller nicht genug Phantasie, Einfühlungsvermögen und Willen zur Recherche mitbringt, um eine Figur mit einer anderen Hautfarbe als der eigenen zu schreiben, dann gute Nacht.

    Es tut mir Leid, dass der Kommentar jetzt so deutlich geworden ist, aber Artikel wie dieser hier... geht gar nicht, sorry. Wenn ihr nicht divers schreiben wollt, dann lasst es, aber schreibt doch nicht auch noch lange Kommentare darüber, wieso das voll okay ist. Egal wie viele dieser Argumente vorgebracht werden, am Ende steht so oder so ein Unvermögen oder Unwille sich in andere Menschen genug hineinzuversetzen um zu verstehen, wieso es wichtig ist, über Realitäten zu schreiben, die von der eigenen abweichen. Mehr ist das nicht und das ist traurig, ganz besonders, wenn man sich auch noch besonders fühlt, weil man den "Trend" ignoriert und sich zu nichts "zwingen" lässt.

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    1. Liebe Jennie,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

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