Samstag, 1. Juli 2017

Autorenklüngel – Von Gefälligkeitsrezensionen und anderen Dreistigkeiten

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.


Verfolgt man eine Weile das Geschehen in Autorenkreisen, dann wird ziemlich schnell klar: Autoren klüngeln. Und das häufig und ausdauernd. Was da teilweise abläuft, insbesondere in Selfpublisher- und Kleinverlagskreisen, ist erschreckend, traurig und irgendwie abstoßend. Denn letztendlich geht es immer um eines: das Heischen nach Aufmerksamkeit und möglichst guten Bewertungen, egal um welchen Preis.




Es läuft immer nach demselben Schema ab: Jemand bringt ein neues Buch heraus. Die Freunde – private Freunde und befreundete Autoren – kaufen das Buch. Wenig später findet man auf Amazon und einschlägigen Plattformen wie Lovelybooks oder Goodreads fast ausschließlich 5-Sterne-Rezensionen, die das neue Buch in den höchsten Tönen loben. Die Verfasser lassen sich anhand ihrer Namen oft als befreundete Autoren oder bekannte Buchblogger identifizieren. Wenn in diesen Rezensionen überhaupt auf Schwächen eingegangen wird, dann nur oberflächlich und natürlich tun diese dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Denn das Erstlingswerk ist immer perfekt, ohne Logikfehler, mit perfekt entwickelten Charakteren und einer super fesselnden Handlung und auch sonst über jeden Zweifel erhaben.

Diese Gefälligkeitsrezensionen genügen einem einfachen Prinzip: Rezensierst du mein Buch, rezensiere ich auch deines. Oder man rezensiert das Buch eines anderen Autors in der Erwartung, dass dieser den Gefallen zurückgibt. Und tut dieser das dann nicht, gibt es dicke Luft. Wie viel Wahrheit in dieser Art von Rezension steckt, ist fraglich. Freunde, die das Buch eines Autors rezensieren, wollen selbstverständlich kein negatives Wort über dessen Werk fallenlassen. Oder sind von allem begeistert, was ihr Autorenfreund schreibt, ohne großartig über das Gelesene zu reflektieren – ein Grund, warum immer wieder davon abgeraten wird, Freunde als Testleser einzuspannen. Andere schreiben vielleicht nur eine Rezension, weil sie sich aus Gründen der Höflichkeit genötigt fühlen und tun dies dann mit einer halbherzigen und nichtssagenden Kritik, die nur darauf abzielt, den Autor zufriedenzustellen und selbst Ruhe zu haben. Schwierig sind in diesem Zusammenhang auch die ganzen Autorenklübchen, die anscheinend nichts Besseres zu tun haben, als sich gegenseitig zu hypen und für die anderen in ihrem kleinen, erlesenen Kreis Werbung zu machen. Einerseits löblich, dass man einander so unterstützt, andererseits entsteht dabei auch neben den obengenannten Punkten ein gewisses Scheuklappendenken und eine Abgrenzung gegenüber Autoren außerhalb ihres Clubs.

Natürlich ist es auch etwas Gutes, junge, aufstrebende Autoren bei der Promotion ihres Werkes zu unterstützen. Dagegen ist nichts auszusetzen. Allein um überhaupt eine Chance in den Amazon-Suchergebnissen zu haben, braucht man eine gewisse Zahl von Bewertungen. Und in dieser Hinsicht sind Selfpublisher und Autoren von Kleinverlagen benachteiligt. Schwierig wird es jedoch, wenn die Rezensenten darüber, dass sie den Autor kennen, ihre Fähigkeit zu ehrlicher Kritik verlieren. Denn damit ist potentiellen Lesern nicht geholfen, die ihr Geld in etwas investieren, das nicht hält, was begeisterte Rezensionen versprechen. Nicht zuletzt schadet man damit am Ende den Autoren, die aus ehrlichen Kritiken nur lernen können.

Doch die Gefälligkeitsreviews sind nicht Ende der Fahnenstange. Manche Autoren bedrängen sogar ihre Lektoren, eine möglichst positive Rezension zu verfassen, sobald das Buch draußen ist. Und natürlich bringt das den Lektor in Bedrängnis: was, wenn ihm das Buch insgeheim nicht gefallen hat? Was, wenn eine Weigerung dazu führt, dass man in Zukunft weniger Aufträge bekommt? Auch hier schadet sich der Lektor selbst und er schadet dem Autor, indem er die erwünschte Rezension schreibt und dabei über den Inhalt des Buches nicht ehrlich bleibt. Denn auch das fällt letztendlich auf den Lektor zurück, dessen berufliche Kompetenz angezweifelt werden könnte. Allerdings gilt Selbiges auch für eine ehrliche negative Kritik, denn schließlich hätte der Lektor seine Arbeit besser machen können, auch wenn er nicht dafür verantwortlich ist, was die Autoren von seinen Kommentaren umsetzen. Als Lektor sollte man sich daher gar nicht erst darauf einlassen.

Und auch vor Buchbloggern wird kein Halt gemacht, als seien sie nur Mittel zum Zweck. Immer wieder werden Buchblogger von Autoren angeschrieben, doch ihr neues Buch in ihren Blog zu rezensieren – teilweise sogar unter falschem Namen oder der Bitte nur bei mehr als einer bestimmten Anzahl von Sternen zu rezensieren. Und wenn dies nicht passiert, herrscht auch hier dicke Luft. Eine unehrliche Rezension kann durchaus auf den Buchblogger zurückfallen, wenn die Leser es merken. Und das werden sie. 

Verständlich, wenn manche Buchblogger daher die Zusammenarbeit mit Selfpublishern verweigern. Doch vor allem ist das für den Selfpublisher auch ein Schuss ins eigene Knie, da sein Verhalten unter den Bloggern die Runde machen wird.

Ich frage mich ernsthaft: Warum haben manche Autoren es nötig, sich so sehr zu erniedrigen, dass sie von anderen Rezensionen verlangen oder ihre Freunde dazu einspannen? Sind ihnen viele lobende Rezensionen wichtiger, als kritische? Glauben sie ernsthaft, das würde sie langfristig weiterbringen? Und wieso meinen die Freunde von Autoren, sie müssten nur Positives über deren Bücher sagen, wo man doch gerade von seinen Freunden Ehrlichkeit erwarten sollte, wenn sie dem Autor in letzter Konsequenz damit schaden? Es gibt Autoren, die dankbar wären für so viel Ehrlichkeit, weil sie wirklich daran interessiert sind, sich zu verbessern, weiterzuentwickeln und eine gute Arbeit leisten wollen.

Ich würde mich schämen, würde ich andere dazu bringen, meine Bücher möglichst positiv zu bewerten, wo es in Wirklichkeit Fehler zu bemängeln gäbe. Sowohl vor mir selbst als auch vor meinen Lesern. Und ich würde mich schämen, mit meiner Kritik zu lügen oder mich in Euphemismen zu verlieren. Obwohl ich weiß, dass Klüngel auch in anderen Bereichen des Lebens existiert, schäme ich mich für meine Zunft. Sowohl für jene, die es nötig haben, derart um positive Aufmerksamkeit zu betteln, als auch für jene, denen das Rückgrat fehlt, eine ehrliche Rezension zu verfassen, die anderen Käufern ein authentisches Bild liefert oder sich damit gar selbst schaden, weil sie von Berufs wegen Dienstleistungen für Autoren erbringen. Daran möchte ich keinen Anteil haben. Und es bestärkt mich darin, dass wenn mein Buch eines Tages fertig ist, es abseits dieses Sumpfes von Gefälligkeiten herauszubringen und zu promoten.

Ich würde mir mehr Ehrlichkeit und Respekt wünschen. Sowohl gegenüber den Autoren als auch gegenüber potentiellen Lesern, Buchbloggern, Lektoren und sich selbst.


Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

Kommentare:

  1. Ich hab schon von Autoren gehört, die erst gar keine öffentliche Meinung über Bücher anderer Autoren äußern, weil sie nicht bereit sind, bei diesem Geklüngel mitzumachen und eine ehrliche Meinung beim Autor nicht geschätzt wird. Das finde ich unsagbar schade, denn gerade als Leser, der gleichzeitig auch selbst Autor ist, hat man nochmal einen ganz anderen - wertvollen und aussagekräftigen - Blick auf das Buch.

    Als Leser entlarve ich diese Gefälligkeitsurteile sehr schnell. Mit der Zeit entwickelt man einen Blick dafür und spätestens wenn man mehr als einmal ein Buch gelesen hat, das so gar nicht mit dem hochgelobten Werk übereinstimmen will, weiß man Bescheid. Wer sich da als Gefälligkeitsrezensent beteiligt, der sägt an seinem eigenen Ruf und Image und verspielt zumindest bei mir komplett seine Glaubwürdigkeit.

    Es ist ja nicht so, dass negative Aspekte in einem Buch mich davon abhalten würden, es zu kaufen und zu lesen. Wenn Rechtschreib- und Grammatikfehler bemägelt werden und die Ausgabe ist überarbeitet, dann ist das Problem doch beseitigt. Wenn ein Erstlingswerk Längen hat oder es hat Logikfehler, ist aber super spannend, dann lese ich es trotzdem, weil offensichtlich das Potential da ist und ich sehr gerne die Entwicklung eines Autors mitverfolge.

    Bei diesen Gefälligkeitsrezensionen komme ich mir als Leser für dumm verkauft vor und die kurzfristige positive Aufmerksamkeit steht auf so tönernen Füßen, dass für meine Begriffe unterm Strich mehr Schaden als Nutzen dabei herauskommt, wenn sie entlarvt wird.

    Ich bin froh über jeden Autor, der genau wie jeder Leser oder Blogger ein Buch offen und ehrlich, aber natürlich immer sachlich bewertet. Deshalb freue ich mich auch sehr über diesen Blogrtikel.

    LG Gabi

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  2. Grundsätzlich lese ich bei A. Rezensionen nur ab 3 Sterne abwärts, weil man dort eher ehrliche Rezis findet als bei 4 oder 5 Sternen. Dann lese ich Klappentext und Blick ins Buch. Cover spielt auch noch nebenher eine gewisse Rolle. Wenn der Autor es da schafft, mich zu packen, bin ich dabei als Verifizierter Käufer und hinterlasse dann auch eine ehrliche Rezi.
    Als Autor weiss ich, wie schwer es ist, überhaupt Rezis zu bekommen. Nicht einmal Freunde finden die Zeit, eine Rezi zu hinterlassen. Sie sind sich meistens auch der Tragweite von Rezis gar nicht bewusst (Wen interessierts? uä.). Ihnen reicht es, das Buch zu besitzen und es zu lesen. Das ist sehr schade, aber damit muss man als Autor leben.

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  3. Ja, das ist sicher ein Problem und das Verhalten einer ganzen Reihe von SP-Kollegen nicht in Ordnung, schädigt es doch den Ruf der gesamten Gruppe an SP/Kleinverlagen. Allerdings würde ich die Gr0ßverlage nicht ausnehmen. Da sieht es doch exakt genauso aus. Wer z.B. die britische A-Seite von Ragdoll (Daniel Cole) aufschlägt (https://www.amazon.co.uk/Ragdoll-Daniel-Cole/dp/8830447285/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1499932259&sr=1-3&keywords=ragdoll+daniel+cole) was sieht man da? Lauter total begeisterte Meinungen von einem Bestselling-Autor neben dem anderen. Die Liste ist beeindruckend. Und für mich vor allem abstoßend. Weil ich weiß, wie diese Liste zustande gekommen ist. Nämlich exakt durch die gleichen Mechanismen, die hier im Artikel bemängelt werden. Also: Ja, du hast Recht mit deiner Kritik, aber nur SP anzuklagen, verengt m.E. zu sehr den Blick auf die wahre Größe des Problems. Just my 2 Cents.

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