Mittwoch, 7. Juni 2017

Starke Frauenfiguren – Das Waisenkind

Der Ein oder Andere kennt die Geschichte von Anne Shirley vielleicht. Geschrieben wurde sie von Lucy Maud Montgomery und spielt ca. Juni 1877 bis September 1919. Veröffentlicht wurde Annes Geschichte das erst mal 1908 in dem ersten Band der Reihe „Anne of Green Gables“. Warum ich euch das erzähle? Netflix hat mit der ersten Staffel „Anne with an E“ in sieben Folgen einen Großteil des ersten Buches verfilmt und das auf eine fantastische Art und Weise.



Es gibt bereits aus dem Jahr 1974 eine Animeserie, die ich persönlich ebenfalls sehr mag. Das erste Mal wurde „Anne of Green Gables“ bereits 1919 als Stummfilm verfilmt. Ihr seht also, diese Geschichte hat beinahe Tradition.

In Kanada und Teilen Amerikas ist Annes Geschichte so bekannt, wie bei uns Pippi Langstrumpf, zu der Astrid Lindgren durch Anne inspiriert wurde.

Als Kind habe ich diese Geschichte geliebt und heute, als junge Frau, verstehe ich die vielen Feinheiten noch wesentlich besser.


Was ist so besonders an Anne?

Als Waisenkind kommt sie mit 11 Jahren zu den Cuthbert Geschwistern Matthew und Marilla. Diese wollten eigentlich einen Jungen adoptieren, entscheiden sich aber schließlich dazu, Anne zu behalten. Daraufhin blüht das junge Mädchen richtig auf. Gerade in der Serie wird natürlich alles etwas dramatischer dargestellt, als im Buch, doch ich finde das tut der Geschichte keinen Abbruch.

Anne ist von Beginn an eine äußerst fantasievolle Person. Sie gibt Dingen und Orten neue Namen und denkt sich allerlei Geschichten für sich und ihre Freunde aus. Gerade diese überschwängliche Fantasie hat mir immer besonders gefallen und auch im Buch wäre ich sehr gern eine gute Freundin von Anne gewesen.

In der Serie wird bereits in der ersten Folge Annes fortschrittliches Denken hervorgehoben, als sie fragt, warum sie nicht die Arbeit eines Jungen machen kann. Sie empfindet es als unfair, dass sie bei Marilla in der Küche bleiben muss.

Ganz so ausgeprägt ist der Feminismus im Buch nicht. Dabei sollte man bedenken, dass die Geschichte schon über 100 Jahre auf dem Buckel hat.

Im Allgemeinen finde ich, dass Lucy Maud Montgomery ein sehr fortschrittliches Denken besaß und dieses auch in ihren Büchern vermittelt. Anne erhält eine sehr gute Schulbildung und geht mehrere Jahre aufs College um Lehrerin zu werden, was für diese Zeit noch nicht sehr üblich war, wenn man bedenkt, dass sie das College ca. im Sommer 1888 beendet.

Im Laufe der Bücher entwickelt sich das intelligente Mädchen zu einer sehr klugen Frau. Sie ist liebenswürdig und kümmert sich gerne um ihre Mitmenschen. Anne ist für mich eine sehr facettenreiche Figur. Auch jetzt noch lese ich die Bücher sehr gerne.


Der Schreibstil aus dem vorletzten Jahrhundert

Ich selbst hab eine verhältnismäßig neue Übersetzung aus den 80ern gelesen, die im Loewe Verlag erschienen ist. Mittlerweile hab ich die ersten drei Bücher auch schon auf Englisch in einer Fassung gelesen, die der ursprünglichen sehr ähnlich ist.

Nicht nur ist der Schreibstil ganz anders, als wir es aus der Gegenwartsliteratur kennen, auch ist der Aufbau der Geschichte vielleicht etwas befremdlich. Viele der Bücher behandeln mehrere Jahre, sind dafür mit knapp 300 Seiten sehr dünn. Das liegt daran, dass die Autorin immer wieder kleine Ereignisse beschreiben, die nur einen kleinen Einblick in Annes Leben erlauben. Sie erzählt immer wieder kleine Episoden, trotzdem hängt alles im Großen und Ganzen zusammen. Man könnte auch sagen, sie beschränkt sich auf das Wesentliche. In der heutigen Zeit, würde so etwas kaum noch veröffentlicht werden. Der Stil mag für viele doch sehr befremdlich sein. Die langen Zeitspannen zwischen den einzelnen Episoden müssten gefüllt und ausgeschmückt werden.

Wie man auch an der Serie sieht, müsste die ganze Geschichte viel dramatischer sein. Die kurzen Kapitel müssten wesentlich länger und ausführlicher sein. Es gäbe für jedes von Annes Jahren am Redmond College ein eigenes Buch und das Drama um ihre erste Verlobung wäre viel, viel größer.


Was macht Anne so besonders?

Für mich ist die größte Besonderheit die fortschrittliche Art zu denken und die Selbstbestimmtheit der Figur. Anne fügt sich nicht in bestehende Rollenbilder, sie entdeckt die Welt auf ihre Art und Weise neu, zieht Menschen mit ihrer Fantasie in ihren Bann und begeistert diese. Sie hat beinahe unerschöpflichen Mut und Frohsinn. Ihre durchweg positive Lebenseinstellung ist bewundernswert und hat auch mir als Leserin einen anderen Blickwinkel auf die Welt geschenkt.

Ich wünsche mir für unsere Literatur mehr starke Frauenfiguren wie Anne. Mehr Figuren, die mutig und selbstlos sind. Es ist toll, etwas selbstständige Frauen zu lesen, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten und für ihre Rechte kämpfen. Anne hatte nichts und konnte sich dank der Cuthberts eine Zukunft erarbeiten. Mit ihrem Ehrgeiz hat sie sehr viel erreicht und das finde ich bewundernswert.

Meiner Meinung nach sollte es mehr Figuren wie Anne Shirley geben.

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Valarauco bloggt außerdem auf: Valaraucos Buchstabenmeer





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