Mittwoch, 28. Juni 2017

Philosophie und das Schreiben – Charaktere

Bevor ich in eine kleine philosophische Reise der Charaktere einsteige, müssen wir uns erst einmal vor Augen führen, was wir meinen, wenn wir von „Charakter“ sprechen.


Der Duden (mein liebster Begleiter, wenn es darum geht einen ersten Bedeutungsüberblick zu gewinnen) versteht den Charakter als „individuelles Gepräge eines Menschen durch ererbte und erworbene Eigenschaften, wie es in seinem Wollen und Handeln zum Ausdruck kommt“¹. Theophrast (um 371 v. Chr.) war der erste, der den Begriff der Wesensprägung benutzte. Schon Aristoteles philosophierte über diese Phänomene und erklärte die Entstehung von Tugend und Laster durch das Zusammenwirken zwischen der menschlichen Natur, der Gewöhnung/Übung und der rationalen Einwirkung/Belehrung. 

Theophrasts, oft als kleines, goldenes Büchlein bezeichnetes Werk „Charaktere“ (ΧΑΡΑΚΤΗΡΕΣ ΗΘΙΚΟΙ) umfasst dreißig Skizzen verschiedener Wesenstypen. Oft zeichnen sich diese durch menschliche Schwächen und alltägliche Fehler aus. Es sind keine individuell ausgefeilten Charaktere, sondern eher Fehlerdarstellungen und objektive Erfassungen menschlichen Handelns.


Inhalt der „Charaktere“²:


  1. Der Unaufrichtige
  2. Der Schmeichler
  3. Der Redselige
  4. Der Bäurische
  5. Der Gefallsüchtige
  6. Der Bedenkenlose
  7. Der Schwätzer
  8. Der Gerüchtemacher
  9. Der Unverschämte
  10. Der Kleinliche 
...


Einen kleinen Einblick in Theophrasts „Charaktere“ möchte ich anhand des Übereifrigen³ geben.
Theophrasts dreizehnter Charakter zeichnet sich durch harmloses übereifriges, bis hin zu anmaßendem Verhalten aus. So beschreibt er ihn als einen, „der aufsteht und verspricht, was er nicht halten kann.“ Auch heutzutage empfinden wie ein solches Verhalten als verquer. Theophrasts Charaktere haben jedoch alle einen alten Touch, welcher sich nicht nur in der Wortwahl (Sklave, Feldherr, brave Leute) widerspiegelt, sondern auch in verschieden Charakterzügen. Der Übereifrige „[…] trennt Leute, die sich streiten, auch wenn er sie nicht kennt.“ Hier ist es zum Beispiel reine Interpretationssache, inwieweit wir diese Handlung als übereifrig oder anmaßend bewerten.

Die von Theophrast dargestellten Charakterskizzen spiegeln das Leben und Treiben der (männlichen) bürgerlichen Gesellschaft der Antike (Athens) wieder. Immer wieder wurden sie von verschiedensten Literaten aufgegriffen, unter anderem von Jean de La Bruyère⁴ (1645–1696), der sie übersetzte und durch eigene, zeitlich angemessenere Charakterstudien ergänzte und Elias Canetti⁵ (1905-1994), der eine ähnliche Gesinnung hatte und eine Sammlung von fünfzig neugeschöpften Charakteren veröffentlichte.


Welche Möglichkeiten bietet uns nun diese Ansammlung an Wesenszügen, außer als Quelle der Inspiration herhalten zu können? 

Nun zuerst einmal gibt es uns einen kleinen Einblick in die verschiedenen Typen von Charakteren. Es regt zum Nachdenken darüber an, was auf der positiven Seite dieser Liste stehen könnte. Neben den von Theophrast aufgezählten Lastern (oder auch Fehlern), gibt es schließlich immer noch die Tugenden, die schon Aristoteles erwähnte. Es zeigt uns außerdem, dass nicht jeder Wesenszug in sich stimmig sein muss, beziehungsweise auch nicht sein kann. Einen guten Charakter macht aus, dass er vielschichtig ist und nicht platt und plump. Wer Interesse an antiken Lebensweisen hat und darüber schreiben will, findet natürlich einige Anregungen für die eigene Charakterbildung. Durch die Jahrhunderte haben sich immer wieder Philosophen und Literaten mit Theophrast Charakteren beschäftigt, weil ihre Ansätze auch heute noch eine gewisse Relevanz /Realität beherbergen. 

„Prinzip der Kunst: mehr wiederfinden als verlorengegangen ist.“
Elias Canetti


---------------
² Theophrast. Charaktere. 1970, S.3 (Reclam) 
³ Theophrast. Charaktere. 1970, S.35 (Reclam) 
⁴ Les Caractères de Théophraste, traduits du grec, avec les caractères ou les mœurs de ce siècle. 1688. 
⁵ Der Ohrenzeuge. Fünfzig Charaktere. 1974. 

----------------
Zum Weiterlesen:



Jenny bloggt außerdem auf www.jennifergreve.wordpress.com/


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen