Mittwoch, 31. Mai 2017

Spannung erzeugen

Vor einer Weile wurde ich gefragt, ob ich nicht einmal etwas zu diesem Thema schreiben könnte. Ich war erst skeptisch. Offengestanden habe ich weder eine Ahnung, wie ich beim Schreiben Spannung erzeuge, noch ob meine Geschichten tatsächlich spannend sind. Ich finde meine Geschichten langweilig und vorhersehbar. Ich kann nicht einmal von mir behaupten, jemals einen Plottwist geschrieben zu haben, weil ich immer weiß, was passiert. Zudem hat mich die Kommunikation mit meinen Lesern gelehrt, dass es einen ziemlichen Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Leserwahrnehmung gibt. Was ich für spannend halte, finden sie vorhersehbar. Und wo ich davon ausgehe, wieder einen Kommentar á là „war ja abzusehen“ zu bekommen, haben sie mit dieser Entwicklung nicht gerechnet.



Wenn ich dagegen die Bücher meiner Lieblingsautoren lese, so erstarre ich regelmäßig in Ehrfurcht davor, wie es ihnen gelingt, die Leser an die Geschichte zu fesseln. Meine eigenen Versuche kommen mir dagegen … nun, reden wir nicht darüber. Trotzdem hat mich das Thema nicht losgelassen und ich habe für euch ein wenig analysiert, wie die großen Autoren für Spannung sorgen.


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Spannung erzeugt werden kann. Einige davon sind Klassiker, andere von subtilerer Natur. Im Folgenden werde ich euch mehrere Methoden vorstellen und Tipps geben, wie man sie geschickt einsetzen kann.

 

Der Cliffhanger


Der Cliffhanger (engl. für Klippenhänger) ist das wohl bekannteste und am häufigsten eingesetzte Stilmittel, wenn es um das Erzeugen von Spannung geht. Er wird gerne bei Fernsehserien und Seifenopern als Ende einer Episode auf ihrem Spannungshöhepunkt verwendet. Dieses Stilmittel funktioniert jedoch ebenso am Ende eines Films oder Romans, der Bestandteil einer Fortsetzungsreihe ist. Oder am Ende einer Szene oder eines Kapitels. In jedem Fall erfüllt er dabei seine Mission: Den Leser/Zuschauer zum Weiterlesen/Weiterschauen zu animieren.


Klassische Einsatzmöglichkeiten sind Situationen, die für den erzählenden Charakter einen Schockmoment erzeugen: Er gerät in Lebensgefahr, enthält eine schlechte Nachricht, gerät in eine Situation, auf die er nicht vorbereitet ist, oder findet sich plötzlich einem Charakter gegenüber, mit dem weder er noch die Leser gerechnet haben. Aber auch die Androhung eines Ereignisses am Ende einer Szene genügt oft, um beim Leser den gewünschten Effekt hervorzurufen.


Der Cliffhanger ist also nichts anderes als das geschickte Beenden einer Szene an genau der Stelle, an welcher der Verlauf der weiteren Handlung nicht ungewisser sein könnte. Dies macht ihn zum kleinen, aber umso gemeineren Bruder des offenen Endes, bei welchem der Ausgang ebenfalls ungewiss, das Spannungslevel jedoch niedriger angesetzt ist.

 

Der Plottwist


Überraschende Wendungen oder Enthüllungen, die dramatische Auswirkungen auf eine oder mehrere Figuren haben, verändern den erwarteten Verlauf als würde man das Setting neu auswürfeln. Was Leser und Figuren als gültig angenommen haben, wird über den Haufen geworfen. Es ist ungewiss, wie es von hier an weitergeht, wo der Verlauf davor klar schien. Die Figuren müssen einen Weg finden, wie sie mit der Veränderung zurechtkommen. Es ist völlig egal, ob ein Konzept innerhalb der Geschichte in Frage gestellt wird, ein plötzlicher Eingriff in die Handlung durch die Figuren selbst geschieht, oder ob das finstere Geheimnis des Hauptcharakters diesen in ein ganz neues Licht rückt. Hauptsache, es hat das Potential, alles zu verändern.


Plottwists sind neben Cliffhangern das wohl häufigste Stilmittel, um Spannung zu erzeugen und in den Lesern das Verlangen zu erwecken, den weiteren Verlauf in Erfahrung zu bringen. Leser sind neugierig. Sie wollen wissen, wie sich ihre liebgewonnen Figuren mit der plötzlichen Veränderung arrangieren. Und sie wollen die Gründe einer gerade gemachten Enthüllung erforschen und verstehen.


Mit einem Plottwist könnt ihr mehr erreichen, als nur die Leser an die Geschichte zu fesseln. Er kann helfen, eine Schreibblockade zu überwinden und euch die Freude am Schreiben zurückzugeben. Fragt euch, was das Schlimmste ist, das euren Charakteren an einer bestimmten Stelle passieren könnte. Und schreibt das auf. Der Plottwist wird das Ziel eurer Charaktere in weite Ferne rücken. Lasst euch davon nicht frustrieren, sondern nutzt dies als Chance, um Leben in die Geschichte zu bringen und damit eure Charaktere ihr Ziel auf anderem Weg erreichen. Vielleicht ist der Weg, mit dem sie zu ihrem Ziel gelangen sogar besser als eure ursprüngliche Intention.


Plottwists lassen sich übrigens hervorragend mit Cliffhangern kombinieren. Und ihr könnt sie auch als falsche Plottwists verwenden. Lasst Leser und Figuren in dem Glauben, dass sich die Geschichte in eine völlig andere Richtung entwickelt, lasst sie damit kämpfen, sich mit der Situation zu arrangieren – und dann, wenn ihnen das gelungen ist, löst den falschen Plottwist auf.

 

Geheimnisse, Intrigen und andere Schweinereien


Hier geht es um alles, was die Komplexität der Handlung vergrößert. Auch dies wird, wenn gut und ansprechend umgesetzt, als spannend empfunden und das Bedürfnis der Leser geweckt, diese (gemeinsam mit den Charakteren) zu durchschauen. Sie wollen das finstere Geheimnis des Hauptcharakters ergründen. Sie wollen wissen, wer die Fäden zieht und welche Auswirkungen das hat. Sie wollen die verwickelten Beziehungen der Figuren untereinander durchschauen. Und vielleicht bewundern sie dabei still und leise das Geflecht, das sich damit vor ihrem geistigen Auge auftut.

Habt ihr bereits eine detailliertere Vorstellung davon, wie ihr das in euren Roman einbauen wollt, dann macht euch einen Plan, wann ihr was enthüllt. Damit könnt ihr verhindern, etwas vor seiner Zeit ans Licht zu bringen. Das ist wichtig, da ihr der Geschichte sonst ihre Spannung nehmt. Wenn ihr noch keinen Plan habt, könnt ihr stattdessen das Geheimnis gemeinsam mit euren Charakteren enthüllen. Ich wähle meist den zweiten Weg, weil mir Discovery Writing mehr liegt. Die besten Ideen für Intrigen und Geheimnisse kommen mir beim Schreiben. Dadurch, dass man selbst ein wenig im Dunkeln tappt, stellt man sicher, dass die Leser es ebenfalls tun. Die Auflösung ergibt sich häufig beim Schreiben. Doch auch diese Methode birgt eine Gefahr: sich zu verzetteln oder die Intrige so verworren zu entwickeln, dass es den Leser (und einen selbst) frustriert. Wenn ich merke, dass ich in diese Richtung steuere, spiele ich im Kopf verschiedene Szenarien durch, wie ich die Intrige auflösen könnte. Aber auch Plottwists funktionieren hier gut, um die Handlung aus einer verzwickten Intrige herauszumanövrieren.

 

Charakterentwicklung


Dieser Punkt mag im ersten Moment nicht danach klingen, als könne man damit Spannung erzeugen, doch tatsächlich ist es ein sehr schöner, subtiler Weg, genau dies zu tun. Denn spannende Charaktere erhalten die Handlung am Leben. Charaktere sollen überraschen, Details über ihre Ansichten, ihre Geschichte und ihre Motive sollen immer genau zum richtigen Zeitpunkt ans Licht kommen. Im Idealfall kann man damit eine gewisse Unberechenbarkeit erzeugen, die den Leser sich fragen lässt, was der Charakter als Nächstes anstellt. Auch hier funktioniert sowohl der sorgfältig geplante als auch der Discovery-Ansatz.


Dieser Punkt findet sich in den bereits genannten wieder, doch auch unabhängig davon, ob man das dunkle Geheimnis eines Charakters in einem Plottwist enthüllt oder seine Entwicklung für eine Intrige nutzt, kann und soll ein Charakter durch seine Gestaltung für Spannung sorgen.


Und damit wären wir auch schon bei dem wichtigsten und subtilsten Punkt:

 

Die Schreibweise


Kaum etwas ist für eine gute und spannende Geschichte wichtiger, als eine ansprechende Schreibweise. Erschlagt euren Leser nicht im ersten Kapitel mit der Lebensgeschichte eures Hauptcharakters. Und nein, tut es auch nicht im zweiten oder dritten, sondern nach und nach, immer da, wo es die Handlung weitertreibt. Bedient euch dabei des „Show, don’t tell“-Prinzips. Dasselbe gilt für euer Setting. Besonders bei Settings, die uns fremd sind, ist dies wichtig. Lasst die Leser die Welt eurer Geschichte entdecken, während die Charaktere sich in ihr bewegen und in ihr agieren. Macht Andeutungen, die eure Leser neugierig machen, und nutzt eure Geschichte als Entdeckungsreise, auf der ihre Fragen nach und nach beantwortet werden.

 

Zusammenfassung


Alles, was Spannung erzeugt, ist wichtig, um die Geschichte voranzutreiben. Generell empfiehlt es sich, keine der ersten drei vorgestellten Methoden (Cliffhanger, Plottwists, Intrigen & Geheimnisse etc.) im Übermaß zu verwenden. Zum einen sorgt das dafür, dass die Leser euer Schema irgendwann durchschauen, zum anderen wirkt die Handlung dadurch schnell unrealistisch. Nicht zuletzt sollte jede Geschichte eine gesunde Mischung aus Spannung und Pausen haben, in denen Leser und Charaktere sich erholen können. Folgen Spannungselemente zu dicht aufeinander, kann das zu Überforderung führen und den Lesespaß mindern. Besonders für sensiblere Leser ist es nicht sonderlich angenehm, permanent am Rande eines Herzinfarktes zu stehen, weil jedes Kapitel mit einem Cliffhanger endet.

Nicht zuletzt braucht eine Geschichte auch ruhige Phasen, die dazu genutzt werden sollten, um die Beziehungen der Charaktere untereinander zu stärken oder die Charaktere weiterzuentwickeln und mehr von ihrem Innenleben zu zeigen. Ganz besonders dann, wenn eure Charaktere sich zuvor permanent in actionreichen Situationen, in denen sie hauptsächlich instinktiv reagieren, befunden haben. Ein ruhiges Kapitel im Anschluss kann dabei auch dafür genutzt werden, dass die Charaktere jene Situation reflektieren und verarbeiten. Gut umgesetzt ist auch dies spannend, aber auf einem viel gemächlicheren und nervenschonenderen Niveau.

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Zum Weiterlesen:
 
Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.



Kommentare:

  1. Eine gute Liste! Ich kann auch oft schwer einschätzen, ob meine Geschichten spannend genug sind - ich kenne ja immer schon die Lösung :)

    Noch eine Buchempfehlung dazu: "Spannung - der Unterleib der Literatur" von Hans-Peter Roentgen. Da werden genau die Dinge, die auch aufzählst, anhand von Beispielen gezeigt und erklärt.

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  2. Vielen Dank für deinen Kommentar! Das erleichtert mich ziemlich, nicht allein mit diesem Los zu sein :
    Bei kleineren Sachen hilft es mir manchmal um einzuschätzen, wie überraschend/spannend es ist, wenn ich die Geschichte für ein paar Wochen/Monate beiseitelege, bevor ich überarbeite. Aber die ganz großen Ereignisse sind nicht so leicht zu vergessen.

    LG
    Sonea

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