Montag, 1. Mai 2017

Saure-Gurken-Zeit


Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.





Ich liebe meinen Job. Ich liebe es zu schreiben, zu redigieren, an Worten zu feilen, mich über Veröffentlichungen und Feedbacks zu freuen. Ich liebe es, mein eigener Chef sein zu können, in meiner kleinen Dichterklause, die kein steriles Büro ist, sondern ein Wohlfühlort voller Dinge, die mich inspirieren und anspornen.

Wenn, ja wenn ... die Flaute nicht wäre. Tote Hose, Saure-Gurken-Zeit, Sommerloch (auch mal im Frühjahr), gar nix roger in Kambodscha. Man befindet sich im kreativen Leerlauf. Das kommt mal vor, wusste man ja schon vorher.

Die Worte wollen nicht rollen, so fühlt sich das an. Eher holpern die Buchstaben auf das Papier und knirschen dort mit den Zähnen, und sowieso, kaum hat man einen Absatz aus dem Kreativareal des Gehirns gepresst, merkt man, dass der Text irgendwie doof aussieht. Streichen, zerknüllen, weg damit und noch mal neu. Alles auf Anfang.

Passenderweise sieht es natürlich in solchen Zeiten auch auf dem Konto eher mau aus. Murphys Gesetz macht einfach vor niemandem halt. Da gibt es keinen Künstlerbonus – wäre ja auch irgendwie diskriminierend, und das ist Murphy nicht. Muss man ihm lassen.

Also, ich fasse zusammen: Kein Projekt, keine Ideen, kein Geld. Nix, aber davon ziemlich viel.

Damit die Langeweile und die Selbstzweifel mich nicht auffressen, gehe ich halt an die unangenehmen Aufgaben, die ich immer so schön vor mir hergeschoben habe. Hey, ich bin Künstler – da bin ich für so unkreativen Kram wie die Steuererklärung einfach nicht gemacht. Aber wo gerade nichts anderes anliegt, okay, sei es drum. Her mit den Belegen ...

Aber auf der Schulter habe ich immer wieder ein kleines Teufelchen sitzen, das mir einflüstert, ich hätte alles falsch gemacht. „Was hättest du nicht alles werden können? Schulabschluss stimmt, gute Noten und alles. Einfach eine Ausbildung, jede Angestellte hat mehr Geld und Sicherheit als du.“ Kurz lasse ich mich vom miesen, fiesen Teufelchen anstecken und schaue mir dabei zu, wie ich mich tatsächlich nach Minijobs umschaue, von Hundeausführern bis zu Wareneinräumern. Okay, dafür hab ich zwar nicht Kulturwissenschaften studiert ...

Mails checken: Immer noch nichts Neues. Okay, dann kann ich mir auch genauso gut einen Espresso machen und das Buch lesen, das immer noch angefangen auf dem Nachtkästchen liegt. Vielleicht eine Rezension dazu bloggen? Warum nicht.

Eigentlich fast schon ganz schön, diese unfreiwillige Ruhe. Beinahe ein bisschen wie Urlaub. Und wenn ich eh schon zum Nichtstun verdonnert bin, dann kann ich das doch auch genießen. Also, ab auf den Balkon in die Sonne mit dem Buch in der Hand, ich mach jetzt einen Tag frei.

Doch halt, da piept das Smartphone. Eine Mail. Eine Textanfrage. Eine Anfrage? Halt, stopp, ich wollte doch gerade einen Tag frei nehmen. Hatte mich doch jetzt schon so gefreut ... Aber schon sprudeln die Inspirationen wieder los und drängeln sich durch den Stift auf das Papier. Das Buch auf dem Balkon hat doch noch Pause, ich kann gerade nicht. Muss arbeiten. Und ich weiß genau, während ich jetzt an diesem Projekt schreibe, trudeln die nächsten Mails ein, um die ich mich kümmern muss. Die vielen Baustellen auf meinem Poetenschreibtisch waren ja nicht tot, sie lagen nur ein bisschen brach. Und jetzt geht es wieder los, als wäre alles aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Wie gut, dass ich genug Power hab!

Liebes Teufelchen, ich hätte es wissen müssen. Besser wissen müssen als du mit deinen blöden Selbstzweifel-Einflüsterungen. Durststrecken gehören in meinem Metier dazu. Das heißt längst noch nicht, dass ich auf dem Holzweg bin. Und um ehrlich zu sein – saure Gurken sind zwischendurch auch mal ganz lecker. Der nächste Kreativanfall mit passendem Künstlerchaos wird schon kommen. Und bis es dann so weit ist: Psssst, sei mal leise, ich chill doch gerade so schön!



Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

1 Kommentar:

  1. Es ist wirklich ne Saure-Gurken-Zeit, man schreibt und schreibt, bemüht sich um neue Leser, korrigiert, schreibt, bloggt und dann ... nix los auf dem Konto ;-)
    Liebe Grüße
    Caro
    Ihr seid also nicht alleine :D

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