Samstag, 22. April 2017

Wer bist du, mein neuer Charakter, und warum?

Wie menschliche Grundbedürfnisse beim Entwickeln von Charakteren helfen können

Beim Entwickeln von Charakteren kommt man als Autor irgendwann an den Punkt, an dem die handelnden Personen eine Hintergrundgeschichte bekommen sollen. Dann stellt sich meist unweigerlich die Frage: Ist mein Charakter glaubwürdig? Was hat ihn zu dem gemacht, der er heute ist? Ist das für meine Leser plausibel?

Ich nähere mich dieser Frage gerne mit Hilfe der psychischen Grundbedürfnisse eines Menschen:
  • Bindung
  • Autonomie/Ordnung/Kontrolle
  • Selbstwerterhöhung
  • Lustgewinn/Unlustvermeidung

Welche dieser Bedürfnisse wurden in seiner/ihrer Kindheit erfüllt und welche nicht? Was hat das mit meinem Charakter gemacht? Diese Überlegung bildet zwar nicht die Basis meiner Charakterentwicklung, ich behalte sie aber im Auge. Zunächst möchte ich gerne einen Überblick über die Grundbedürfnisse geben, bevor ich erkläre, was dabei so alles schiefgehen und damit meinen Charakter prägen kann.



Bindung

Beim Bindungsbedürfnis geht es darum, eine verlässliche Bezugsperson zu haben, welche Schutz, Versorgung und die Erfahrung von Nähe bietet. Dies ist in der frühen Kindheit essenziell. Ein Säugling oder Kleinkind kann nicht ohne eine enge Bezugsperson überleben. Sowohl in Bezug auf physiologische Bedürfnisse, als auch emotionale. Trennung oder Vernachlässigung werden als äußerst schmerzhaft wahrgenommen. Erlebte Bindungssicherheit ist aber eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung von Kindern und kann sich auch auf das Beziehungsverhalten des späteren Erwachsenen auswirken.

 

Autonomie vs. Regelkonformität

Unter Autonomie verstehen wir die Unabhängigkeit von anderen, im Sinne von Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit. Es geht darum zu lernen, dass unsere Handlungen gewisse Auswirkungen in der Welt haben, dass wir die Ursache eines Geschehens sein können und dass selbständiges Handeln erlaubt ist. Dies beginnt schon im frühen Kleinkindalter, wenn das Kind beginnt, selbständig seine materielle Umwelt zu erkunden. Gleichzeitig müssen Kinder auch lernen, dass es in der Welt Regeln gibt, an welche sie sich halten müssen/sollten, um in einer Gesellschaft leben zu können.

 

Selbstwert

Unter einem Selbstwertgefühl verstehen wir die Bewertung einer Person bezüglich sich selbst. Wie nehme ich mich wahr? Bin ich stolz auf mich? Darf ich stolz auf mich sein? Habe ich gelernt, dass ich gut so bin, wie ich bin? Oder wurde mir von klein auf vermittelt, dass ich es ohnehin nicht richtig machen kann? Dass es Liebe und Bestätigung nur für gute Leistungen oder angemessenes Verhalten gibt und mein Bruder sowieso immer besser ist, als ich?

 

Lustgewinn/Unlustvermeidung

Bei dieser Dimension geht es darum, ob ich angenehme Situationen genießen kann, weiß, was mir guttut und mir dies auch zugestehen kann. Durfte als Kind freies Spiel stattfinden? Habe ich gelernt, mich mit mir selbst zu beschäftigen, eine Tätigkeit nur um ihrer selbst willen auszuführen, ohne, dass es dabei um das Erreichen von Leistungszielen geht?
Und habe ich andererseits auch gelernt, mit Frust umzugehen? Angenehmes aufzuschieben, um langfristig sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen (lernen für einen Test, Hausaufgaben) und Anstrengungen auf mich zu nehmen, um Ziele zu erreichen? Beide Seiten sind für die gesunde Entwicklung eines Kindes wichtig.

 

Was passiert nun aber, wenn eines oder mehrere dieser Bedürfnisse nicht erfüllt wurden?

Kinder sind äußerst anpassungsfähig. Sie können sich nicht aussuchen, in welche Lebensumstände sie geboren werden und finden häufig Möglichkeiten, mit widrigsten Situationen umzugehen. Sie entwickeln gewissermaßen Schutzmechanismen, welche sie vor den „Gefahren“ ihrer Umwelt schützen. Sie bilden dabei „Grundannahmen“ über ihre Umwelt („Die Welt ist gefährlich, es gibt keine Sicherheit“, „Ich kann niemandem trauen“, „Nähe tut weh, ich habe es aber nicht anders verdient“, „Ich bin etwas ganz Besonderes“, „Ich muss es anderen immer recht machen, um geliebt zu werden, ich darf nicht negativ auffallen“). Diese Verhaltens- oder Denkweisen können jedoch schwierig werden, wenn wir sie nicht ablegen, während wir erwachsen werden. Denn was uns als Kind – unserer Umgebung relativ hilflos ausgesetzt – noch geschützt hat, kann als Erwachsener zum Problem werden. Wir tappen immer wieder in dieselbe „Lebensfalle“.

Dabei gibt es drei Kategorien, in welche Reaktionen auf widrige Situationen eingeordnet werden können. Diese bilden eine Analogie zum Verhalten bei Bedrohung im Tierreich: Erstarren, Flucht und Kampf.
Geht es um die Bewältigung von Grundannahmen beim Menschen, werden sie folgendermaßen genannt:

Erdulden: Das Leben wird so gestaltet, als wäre meine Grundannahme wahr (ich „erstarre“, wehre mich nicht).

Vermeidung: Das Leben wird so gestaltet, dass ich Situationen möglichst aus dem Weg gehe, die mich an meine Grundannahme erinnern könnten (Ich flüchte vor, bzw. meide Situationen, die mir „gefährlich“ werden könnten).

Überkompensation: Das Leben wird so gestaltet, als wäre das Gegenteil meiner Grundannahme wahr (Kampf, bzw. Angriff: Ich zeige es euch!).

Ich werde im Folgenden für jedes Grundbedürfnis ein Beispiel nennen. Ihr seht schon, dass es dabei viele Kombinationen geben kann. Außerdem gibt es verschiedenste Formen der Frustration (Nichterfüllen) für jedes der Grundbedürfnisse. Wen das Ganze detaillierter interessiert, dem empfehle ich, sich mit „Schematherapie“ auseinanderzusetzen. Diese beschäftigt sich mit genau diesen Grundbedürfnisfrustrationen und den daraus folgenden Grundannahmen und kognitiven Schemata. Aber nun kommen wir erst mal zu den Beispielen:

 

Bindung

Wird das Bedürfnis von Bindung frustriert, z.B. weil die Mutter selbst emotional eher instabil ist, mitunter warmherzig, interessiert, zugewandt, zu Späßen bereit und dann unvorhersehbar wieder abweisend, eher zurückgezogen, mit eigenen Problemen beschäftigt, oder z.B. spontan viel auf Geschäftsreisen (und was nicht durch eine andere verlässliche Bezugsperson z.B. den Vater kompensiert wird), könnte das Kind zu den Überzeugungen gelangen: „Alles, was ich habe, werde ich wieder verlieren“, „ wenn es gut geht, droht doch wieder Unglück“. Wichtig zu sagen ist dabei noch, dass es hier nicht um einzelne Ereignisse geht, sondern um ein überdauerndes Verhalten dem Kind gegenüber.
Behalte ich diese Grundannahmen als Erwachsener bei, entwickle ich vielleicht eine gewisse Ängstlichkeit in Beziehungen oder suche Beziehungen zu Menschen, die für mich nicht erreichbar sind, führe also quasi die als Kind erlebte Beziehung mit jemand anderem im Erwachsenenalter weiter (Erdulden). Oder ich gehe Beziehungen aus dem Weg, indem ich oberflächliche Freundschaften pflege, Hobbys nachgehe, die ich alleine ausüben kann, und gehe engeren Bindungen ganz aus dem Weg (Vermeidung). Oder aber, ich gehe trotzdem enge Beziehungen ein, kompensiere meine eigene Unsicherheit aber durch Kontrolle, hohe Anforderungen an andere (damit sie mich nicht wieder verletzen) und verlasse andere, bevor diese mich verlassen können (Überkompensation).

 

Autonomie vs. Regelkonformität

Hat ein Kind nie (oder wenige) Grenzen gesetzt bekommen, bzw. es wurden vielleicht Regeln aufgestellt, auf deren Verstoß aber keinerlei Konsequenz folgte, kann das Kind die Überzeugung entwickeln: „Ich bin etwas Besonderes“, „Regeln gelten für mich nicht“, „Das steht mir zu“.
Dies kann dazu führen, dass dieser Mensch auch als Erwachsener Bedürfnisse anderer Menschen nicht achtet und sich über Regeln hinwegsetzt, was letztendlich auch ganz gerne zu Konflikten mit dem Gesetz führt, denn auch diese Regeln gelten schließlich nur für andere (Erdulden). Oder aber, derjenige geht Abhängigkeiten aus dem Weg, begibt sich nur in Situationen, in welchen er glänzen kann und zeigt keine Schwäche (Vermeidung).

 

Selbstwert

Ein Beispiel hierfür wären Eltern, welche ihr Kind nur für „gutes“ Verhalten loben. Das Kind lernt nicht, dass es als Person an sich liebenswert ist, sondern nur dann Zuwendung bekommt, wenn es sich beispielsweise brav und angepasst verhält. Zieht sich dieses Verhalten wie ein roter Faden durch die Kindheit, lernt das Kind genau das: „Ich muss es anderen Recht machen, um etwas wert zu sein“, „Ich darf nicht negativ auffallen“. Auch diese Grundannahme kann man als Erwachsener geduldig weiter ausleben (erdulden), indem man versucht, hohe Leistungen zu erbringen, beziehungsweise ohne Lob von Anderen die eigene Leistung kaum anerkennen kann. Oder aber, man versucht unauffällig zu sein und geht strengen Menschen aus dem Weg, um nicht „dumm dazustehen“ (Vermeidung). Das Gegenteil (Überkompensation) wäre, sich auf die Bühne zu drängen, auch wenn es um eine peinliche Sache geht, sich besonders auffällig zu verhalten, eigene Ziele zu setzen, und sich selbst durch Auffälligkeit aus Teilen der Gesellschaft auszugrenzen (ein Leben als Punk könnte ein Beispiel sein).

 

Lustgewinn/Unlustvermeidung

Wie schon oben beschrieben, geht es bei diesem Bedürfnis unter anderem darum, frei spielen zu dürfen, dabei eigene Emotionen auszudrücken und spontan zu sein. Wird dieses Verhalten durch kalte, unemotionale Eltern dauerhaft unterdrückt, oder wird dieses Verhalten sogar bestraft, kann in dem Kind die Überzeugung entstehen: „Wenn ich meine Gefühle zeige, hat das negative Konsequenzen“. Dies kann dazu führen, dass ich auch als Erwachsener meine Emotionen ziemlich gut kontrolliere und aufpasse, dass mir keiner hinter die Fassade schauen kann. Rationales Denken und Verhalten wird überbetont (Erdulden). Oder aber, ich gehe Situationen aus dem Weg, in welchen starke Emotionen gezeigt werden könnten, vermeide Spontanität (gefühlvolles tanzen, singen) und gebe mich eher steif und förmlich. Überkompensation würde in dem Fall heißen, sich besonders straffe Strukturen zu suchen und z.B. zum Militär zu gehen, oder aber, im Gegenteil, sich zu Exzessen hinreißen lassen, gerne auch mit der Unterstützung von Drogen oder Alkohol.


Wie ihr seht, das Ganze ist ziemlich komplex. Und es gibt kein richtig oder falsch. Zwei Kinder, die in sehr ähnlichen Verhältnissen aufwachsen, können ganz untere Bewältigungsstile entwickeln (auch unabhängig von ihrem angeborenen Temperament). Ein Mensch kann auch auf eine Situation mal mit Erduldung und mal mit Überkompensation reagieren. Das klingt nun erst mal nach einer schlechten Nachricht. Aber eigentlich ist es eine gute: Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Zumindest kaum welche. Wofür lohnt es sich dann, sich damit auseinanderzusetzen? Ich nutze das Ganze gerne, wenn ich eine erste Idee habe, z.B. weiß, wie mein Protagonist sich verhalten soll. Dann kann ich überlegen, wie das passende Elternhaus aussehen soll. Grob gesagt: Hat er die Glaubenssätze übernommen, die ihm beigebracht wurden, erduldet er viel und vermeidet für ihn gefährliche Situationen? Oder waren seine Eltern ganz anders und er hat sich im Laufe der Jahre „frei gemacht“? Mit welchen Grundbedürfnissen hängen seine jetzigen Probleme noch zusammen? Wonach strebt er? Was vermeidet er um jeden Preis (und muss sich im Laufe des Plots damit auseinandersetzen)? Oft lässt sich so in relativ kurzer Zeit eine plausible, tiefgründige Hintergrundgeschichte zu den Charakteren basteln. Ich verstehe seine Denkmuster und Handlungsweisen. Einen Überblick, wie Elternverhalten, Kognitionen (Grundannahmen) und Bewältigungsstile (Erdulden, Vermeidung, Überkompensation) zusammenhängen, findet ihr unter anderem hier.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Kennenlernen eurer Charaktere. 

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Zum Weiterlesen:


Sabrina bloggt außerdem auf sabi-writing-whatever.com 

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