Samstag, 1. April 2017

„Also ist das Schreiben nur ein Hobby.“

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.


 

Das war keine Frage. 

Die Frau mir gegenüber mustert mich. Es ist ein strenger Blick, mit dem sie mich dazu bringen will, mein Schicksal stumm abzunicken. 

„Nur ein Hobby“, murmle ich. Dann platzt es heraus: „NUR EIN HOBBY?“ 

Ich zittere am ganzen Leib, während ich versuche, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen.
„Glauben Sie ernsthaft, dass das Schreiben nur ein Hobby ist?“ 

Sie wollte mich dazu bringen, darüber nachzudenken, was ich eigentlich will. Meine Antwort ist schreiben. Nie wollte ich etwas anderes. 

„Wie soll ich mich verdammt nochmal für irgendeinen Beruf entscheiden, wenn ich doch weiß, dass ich nur schreiben will. Das ist es, wofür ich brenne. Hierin steckt meine ganze Leidenschaft. Ich kann nichts anderes, weil ich mich mein Leben lang nur darauf konzentriert habe. Daran geglaubt habe, dass ich es schaffen kann. 

Sie können mich nicht dazu zwingen, mich für einen Beruf, für ein Leben zu entscheiden, wenn ich hunderte Leben haben kann. Ich kann so vieles und doch nichts so richtig. Das wofür ich brenne, habe ich nicht gelernt, ich kann Ihnen kein Zertifikat, kein Zeugnis vor die Nase halten. Das, was ich kann, steckt in mir drin und es will raus. 

Wenn es nur ein Hobby ist, warum muss ich mich dann dafür beim Finanzamt melden? Wenn es nur ein Hobby ist, warum ist es mir so wichtig, dass ich gelesen werde? Wenn es nur ein Hobby ist, warum muss ich mich als Autor selbständig melden, wenn ich mit meinen Büchern Geld verdiene? Warum ist es dem Finanzamt nicht egal? Warum sieht es das alles nicht auch nur als Hobby? Warum verbringe ich meine freie Zeit – die gesamte freie Zeit – mit dem Schreiben? Warum sage ich Verabredungen ab? Warum lassen mich meine Figuren, die Welten und meine Fantasie nicht einfach in Ruhe, wenn es doch nur ein Hobby ist? Warum kann ich aus dieser Autorenrolle nicht einfach ausbrechen? Warum habe ich dann nie Feierabend? Warum muss ich mich für meine seltsame Leidenschaft andauernd rechtfertigen? Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich schreibe? Warum muss ich mich verteidigen, dass ich meine Geschichten veröffentlichen will? Und warum, weil ich sie nicht veröffentlichen will? Warum muss ich mich rechtfertigen, dass ich für das, was ich erschaffe, womit ich andere unterhalten möchte, Geld bekommen will, Respekt und Anerkennung? Warum habe ich Angst davor, keine Zeit zum Schreiben mehr zu haben? Warum fühle ich mich nicht komplett, wenn ich nicht schreiben kann? Warum plagen mich die Selbstzweifel? 

Weil niemand das Schreiben so ernst nimmt wie ich. Nicht einmal Sie können es ernst nehmen, sagen, es ist nur ein Hobby. Wie soll ich es denn erst nehmen? 

Autor sein ist kein Hobby! Autor sein ist keine Entscheidung, die ich irgendwann einmal getroffen habe! Ich würde sogar fast soweit gehen, dass ich nichts dafür kann! Oh nein! Genau das trifft es auf den Punkt: Ich kann nichts dafür! Das Schreiben bin ich und ich bin das Schreiben. Es ist kein Hobby, es ist auch kein Beruf. Es ist Berufung und es geht mir verdammt noch mal auf den Sack, dass ich davon nicht Leben kann! Und jetzt verlangen Sie von mir, dass ich einen anderen Job machen und das Schreiben zurückschrauben soll, weil es nur ein Hobby ist? 

Sie können nicht wissen, wie hart es ist. Sie kennen die Blicke nicht, die Dinge, die man gesagt bekommt. Nein, Sie können nur sagen, das Schreiben ist ein Hobby, weil Sie gar nicht wissen können, was es tatsächlich ist! 

Darüber nachzudenken, dass Schreiben nur ein Hobby sein könnte, schmerzt in der Brust. Wie können Sie also von mir verlangen, dass ich einen Teil von mir nicht nur ignoriere, sondern kneble und in eine Zwangsjacke stecke, damit es ja ruhig ist? Damit Sie in ihrer Statistik jemanden mehr angeben können, den Sie vermittelt haben? Vielleicht drücke ich mich ein bisschen krass aus, wenn ich das so sage, aber es ist Mord, wenn Sie so etwas verlangen. 

Und ich sage ihnen was: Es wäre leicht! So leicht dieses Leben als Autor auch leben zu können, wenn die Menschen ein bisschen mehr auf sich hören würden. Die leisen Stimmen da draußen. Und wissen Sie was: Diese Stimmen werden bereits laut. Nicht nur Autoren geben sie von sich, auch alle anderen Menschen. Die Menschen werden irgendwann daran zugrunde gehen! 

Was ich meine? Da müssen Sie noch fragen? Sagt ihnen das Wort Depression was? Burn Out? Nervenzusammenbrüche? Alkoholismus? Versagensängste? Existenzängste? 

Die vielen Krankheiten, die die Menschen belasten, müssten nicht sein. Können Sie sich vorstellen, wie viele Milliarden man wahrscheinlich einsparen und anderweitig investieren könnte? 

Jene Menschen, die wissen, was sie wollen, wissen, was sie können, die aber einfach nicht dürfen, leiden darunter. Warum? Weil Sie sagen, dass es nur ein Hobby ist. Ich sehe doch selbst, dass ich davon nicht leben kann. Das müssen Sie mir nicht vorrechnen. 

Jetzt gucken Sie nicht so doof aus der Wäsche, Sie wissen doch genau, was ich meine. Über kurz oder lang gibt es einen riesigen Kollaps. Immer mehr Menschen werden arbeitslos sein, immer mehr Menschen werden Angst um ihre Existenz haben, nicht wissen, wie sie nächste Woche ihre Familie ernähren sollen. 

Dabei wäre die Lösung doch so einfach. Nicht nur für Autoren, Künstler im Allgemeinen, nein für alle Menschen. Für jeden einzelnen wäre es ein Gewinn. Sie können das natürlich nicht wissen, nein, Sie haben ihren sicheren Job – obwohl, was ist heutzutage schon sicher. Jedenfalls kommen Sie nach ihrem 8-Stunden-Job nach Hause und können ihren Hobbys nachgehen oder was auch immer Sie tun wollen. 

Ich werde nach einem 8-Stunden-Job nach Hause gehen, um dann dort meine Kreativität zu bändigen, mich bei meiner Familie und meinen Freunden entschuldigen, weil ich noch schreiben muss, so schnell wie möglich einfach irgendwas in den Einkaufskorb werfen, um Zeit zu sparen, werde mir den Wecker eine oder auch zwei Stunden früher stellen, werde an meinen Projekten arbeiten, damit ich irgendwann aus meinem verkackten Brotjob raus komme, den ich unter Zwang ausüben muss, nur damit Sie zufrieden sind, weil es irgendein verficktes Gesetz vorschreibt, um irgendwann mehr Zeit für das Schreiben zu haben. 

Ich werde jeden Abend, jede Nacht, jeden Tag hart dafür arbeiten, um eines Tages endlich das machen können, was meine Bestimmung ist, das, was Sie als Hobby abstempeln, während Sie zu Hause auf der Couch liegen und in ihrem neuen Fitzek lesen. 

Entschuldigung, ich kann Sie einfach nicht ernst nehmen. Sie sind diejenige, die auf der einen Seite laut ruft ich glaube nicht an Feen und auf der anderen Seite ihrer Tochter jeden Abend Peter Pan vorlesen, die mit leuchtenden Augen zuhört.“

Die Frau vor mich schaut mich blinzelnd an und verzieht keine Miene, während in mir die Emotionen toben. Ich schlucke sie hinunter und nicke. Mal wieder. Weil sie in dieser Situation am längeren Hebel sitzt, während ich mir Gedanken darüber mache, wie ich in der nächsten Woche das Porto für das Verschicken der Lesezeichen zusammenkratze. Und was zur Hölle ich mir von den letzten fünf Euro im Portemonnaie für die nächsten vierzehn Tage zu essen kaufen soll.



Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

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