Mittwoch, 15. Februar 2017

Mein Genre – ein Mysterium?

Autorentreffen auf der Buchmesse. Nette Leute, tolle Stimmung – und irgendwann fällt sie, die einfache aber bedeutungsschwere Frage: „Sag mal, in welchem Genre bist du so unterwegs?“

Eine Frage, die für uns Autoren so normal ist wie für andere die nach dem Sternzeichen oder dem Lieblingsverein. Wir begegnen ihr immer und überall, egal ob es sich um eine Verlagsbewerbung, die Vorstellung in einer neuen Autorengruppe oder eine harmlose Unterhaltungen mit Freunden handelt. Es scheint fast, als sei das Genre ein unentbehrlicher Teil von uns, eine wichtige Facette unserer Persönlichkeit, wie Haarfarbe oder Lieblingsessen.

Auch ich kenne diese Frage nur zu gut, und weiß daher auch, was nun unweigerlich folgen wird.

„Historische Krimis“, antwortet die neben mir mit einem Lächeln.

„Fantasy“, verrät der nächste.

Irgendwann haben alle geantwortet, und die Blicke richten sich auf mich. Ich schlucke. „Also …“ 




Wie ich die Leute beneide, die so einfach und locker mit ein bis zwei Wörtern antworten können. Warum kann ich das nicht? Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir, ich könnte jetzt einfach mit Romance antworten. Oder Krimi. Oder Fantasy. Warum kann ich nicht für eines der ‚großen Drei‘ schreiben, die Genres, die nicht nur die Vermarktung des eigenen Buches vereinfachen, sondern auch die Erklärung, ‚was man da eigentlich so schreibt‘? Oder warum kann ich nicht vereinfachen, und einfach Krimi sagen, obwohl nur eines meiner vier Projekte in diese Richtung geht? Oder Dystopie – immerhin ist das Setting von zwei Projekten dystopisch?

Man sollte doch wirklich nicht meinen, dass man heutzutage genre-technisch noch zwischen alle Stühle fallen und in Erklärungsnot kommen kann. Nicht in einer Zeit, in der nicht nur eine Vielzahl neuer Genre, sondern auch etliche spezifische Mischformen existieren, in der Queer Romance, Märchenadaption und Romantasy nicht mehr nur als seltsame Begriffe, sondern als eigene literarische Unterformen wahrgenommen werden.

Und eigentlich gibt es sogar ein Wort, das ich ab und zu benutze, um mein Genre zu beschreiben: Mystery. Nur fühle ich mich dann immer gezwungen, mindestens hinzuzufügen: „Im englischen Sinn, nicht im deutschen.“, worauf dann ein verwirrter Blick meines Gegenübers, und eine weitere Erklärung meinerseits folgen. Eine einfache Antwort kann so kompliziert sein.

„Halt, halt“, wird jetzt jemand eifrig einwenden. „Englische Genrenamen sind wir doch längst gewohnt, das ist doch kein Problem mehr.“

Und dieser Einwand ist durchaus berechtigt. Ein Blick auf die Regale einer Buchhandlung, oder die Kategorien bei Amazon Deutschland bestätigt es sofort: Fantasy, SciFi, Romance – englische Genrebegriffe sind etabliert und allgegenwärtig. Sie bezeichnen in der Regel literarische Varianten, die samt Namen direkt aus dem englischen Sprachraum übernommen wurden – wie etwa SciFi - oder ähnliche Formen, die sich parallel entwickelt haben, bei denen wir aber auf Grund der Kürze und der internationalen Verständlichkeit die englische Variante bevorzugen. Fantasy ist nun mal kürzer und umfassender als phantastischer Roman.

Eigentlich ganz einfach, und total praktisch. Nur leider fällt Mystery hierbei aus dem Rahmen.

Machen wir doch mal einen ganz einfachen Test: Was genau würdest du bei einem Roman erwarten, der in dieses Genre fällt?

Übernatürliche Ereignisse? Geister? Aliens? So etwas wie die Abenteuer von Dean und Sam Winchester oder von Mulder und Scully?

Genau. Der ‚durchschnittliche‘ deutsche Leser erwartet beim Label Mystery eine Handlung mit übernatürlichen Elementen, eine Mischung aus Horror und Fantasy, eventuell sogar in Richtung SciFi. Genau dafür stand nämlich der Begriff, als er ab Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal hier auftauchte, vor allem im Bereich Film und Fernsehen. Amerikanische Serien wie Akte X oder Supernatural und Filme wie The Sixth Sense sind jedem ein Begriff, und auch heute noch ist der Erfolg solcher Mystery Serien und Filme ungebrochen. Kein Wunder, dass auch Autoren diesen Trend gerne aufgreifen.

Im Gegensatz dazu versteht der englische Leser unter Mystery Fiction zunächst einen ganz klassischen Detektivroman, bei dem ein Ermittler ein Rätsel lösen muss. Sherlock Holmes fällt in diese Kategorie, aber auch die Ermittlerserien von Agatha Christie, Elizabeth George oder sogar Cody Mac Fadyen. Vergleicht man die Cover für den deutschen Markt mit der englischen Originalausgabe, so stellt man fest, dass der Untertitel „Ein Fall für Inspektor X“ oft vorher „An Inspector X Mystery“ gelautet hat.

Seine Ursprünge hat dieses Genre im 19. Jahrhundert, als die ersten ‚richtigen‘ Polizeieinheiten gebildet wurden und die folgenden Mordermittlungen und Verbrechensaufklärungen das Interesse und die Faszination der Bevölkerung weckten. Interessanterweise findet sich unter den frühesten Vertretern dieses Genres auch ein deutscher Autor, nämlich E. T. A. Hoffmann, der mit Das Fräulein von Scuderi (1819) später Edgar Allen Poe zu The Murders in the Rue Morgue (1841) inspirierte. Danach verlief die Entwicklung parallel, aber unter anderem Namen. Während sich im Deutschen irgendwann der Begriff Kriminalroman – kurz Krimi – einbürgerte, verhalfen ab 1887 Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes Romane dem neuen Genre Mystery in England zum Durchbruch.

So entstand ein Bedeutungsunterschied zwischen dem deutschen und dem englischen Mystery, der sich in der Erwartungshaltung der heutigen Leser auch deutlich zeigt. Und genau hier liegt mein Problem.

Im Englischen ist alles so einfach: Da das Wort ‚mystery‘ alleine so viel wie ‚Rätsel‘ oder ‚Geheimnis‘ bedeutet, werden inzwischen auch zunehmend Bücher, bei denen eine psychologische oder zwischenmenschliche ‚Ermittlung‘ im Mittelpunkt steht, zu Mystery gezählt. Und egal ob in einer dystopischen Welt, in der Gegenwart oder im fiktiven Mittelalter, letztlich geht es bei meinen Geschichte immer um ein Rätsel, das es zu lösen gilt, oder eine Geheimnis, das gelüftet werden muss. Der Protagonist sammelt Hinweise, setzt Puzzlestücke zusammen und wird quasi zum Detektiv – auch wenn es dabei eher selten um Mordermittlungen geht, sondern um Verschwörungen, dunkle Familiengeheimnisse oder das plötzliche rätselhafte Verhalten des besten Freundes.

Während ich also im englischen Sprachraum keine Probleme habe, und z.B. auch beim NaNoWriMo jeden November mein Genre problemlos mit Mystery angeben kann, stoße ich bei deutschen Gesprächspartnern zwar nicht unbedingt immer auf Verwirrung, werde aber häufig missverstanden. Denn ich schreibe ja inzwischen meistens auf Deutsch, und bewege mich unter deutschen Autoren, Verlagsvertretern und Lesern, die andere Vorstellungen mit dem Wort Mystery verknüpfen. Und Übernatürliches gibt es in meinen Geschichten so gut wie nie – nur höchst selten besteht überhaupt die Möglichkeit, etwas in diese Richtung zu interpretieren.

Was also tun? Wie soll ich in Zukunft mein Genre angeben?

„Mystery im englischen Sinne“? Das erfordert weiterhin eine zusätzliche Erklärung.

„Spannungsroman“? Das klingt ziemlich allgemein und unspektakulär.

Eine selbstgemachte Zusammensetzung wie „Ein psychologischer Krimi mit Romance Elementen und einem dystopischen Setting“? Das ist doch unnötig kompliziert.

Es ist und bleibt ein Dilemma. Vorerst zumindest.

Denn es gibt durchaus einen Grund zur Hoffnung. Schließlich ist der Genrebegriff seit Jahrhunderten einem ständigen Wandel unterworfen. Die exakte Bedeutung ändert sich, erweitert sich, neue Genre entstehen. Vielleicht wird es irgendwann gar keine Rolle mehr spielen, ob das zu lösende Rätsel übernatürlicher, psychologischer oder kriminalistischer Natur ist, und wir erreichen ein einheitliches Mystery Genre.

Vielleicht wird aber auch ein ganz neuer Begriff entstehen, der noch viel besser zu meinen Geschichten passt. In der Regel kombiniere ich nämlich Mystery und Romance, das heißt, ein Rätsel oder Geheimnis im Vordergrund, eine Beziehungsgeschichte im Hintergrund. Wäre das genau umgekehrt, gäbe es bereits eine englische Bezeichnung dafür - Suspense Romance oder Romantic Suspense. Ob hier irgendwann etwas Neues entsteht, und ob sich das im Deutschen durchsetzen wird, ähnlich wie Romantasy? Das bleibt abzuwarten.

Und bis dahin werde ich entweder sehr vereinfachen oder auf die üblichen Erklärungen zurückgreifen müssen.

Welches Genre ich so schreibe? Also …

Mehr Infos zu Mystery und zu den Unterschieden:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mystery

https://en.wikipedia.org/wiki/Mystery_fiction




Stella Delaney ist in einem beschaulichen kleinen Dorf im fränkischen Weinland aufgewachsen, lebt aber nach einem längeren Zwischenstopp in England bereits seit einigen Jahren in der Schweiz, zusammen mit ihren drei Katzen. Brot und Katzenfutter verdient sie als Lehrerin für Englisch, Deutsch und Allgemeinbildung an einer Berufsfachschule. Ihr Studium der Anglistik/Germanistik hat sie zuvor mit Jobs wie Kindermädchen, Kellnerin, Kinoangestellte und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache finanziert, und nebenbei Erfahrung als Märchenerzählerin, freie Journalistin, Übersetzerin und Buchkritikerin gesammelt. Derzeit schreibt sie hauptsächlich Kurzgeschichten, arbeitet aber auch an verschiedenen Romanprojekten. Mehr hierzu auf www.stelladelaney.ch


Kommentare:

  1. Ich habe ein ähnliches Problem.
    Und zwar schreibe ich über Vampire, mein großes literarisches Vorbild ist Anne Rice (auch wenn sich meine Vampire inzwischen stark von ihren gelöst haben - was auch gut so ist).
    Nun wurden die ersten Romane von Rice noch unter Horror vermarktet. Erst mit dem Aufkommen von Stephanie Meyer und den "romantischen" Vampiren (und den erotischen Vampiren àla Black Dagger und Lara Adrian) zogen Vampire - zumindest teilweise - ins Fantasygenre um.
    Aber nicht alle.
    Und meine sind eher bei Vampirfantasy zu verorten, aber ist das überhaupt ein echtes Genre oder habe ich mir das ausgedacht? Googelt man den Begriff, findet man ihn in Getrenntschreibung vor allem bei Bloggern oder bei Kommentaren zu den Underworld-Filmen.
    (Und dass ich außerdem noch anderen Kram schreibe und meine Vampirfantasy außerdem feministisch und empowernd sein soll... ähm... Ja, wir verstehen uns, Stella!)

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    1. Hey, vielen Dank für deinen Kommentar.

      Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Vampire werden heute oft eher ins Romantasy Genre gesteckt, statt zum Horror, wo sie ursprünglich herkommen - weil es eben seit Twilight sehr viele romantische Stories mit eher netten/harmlosen (oder zumindest verliebten) Vampiren gibt.

      Vampirfantasy könnte in der Tat für eine 'Doppelung' gehalten werden ("Vampire sind doch immer Fantasy."). Ich persönlich würde mir darunter spezielle Vampire vorstellen, die nicht den gängigen Regeln entsprechen; so wie Historical Fantasy ein fiktives Porträt einer Zeit (z.B. des Mittelalters) ist.

      Dann noch den Feministmus reinzukriegen ... oh oh :) Das wird schwierig. Und ja, ich kann das sehr gut verstehen. Man will alle Aspekte berücksichtigen oder erwähnen, weiss aber nicht, wie. Dilemma.

      Ein ähnliches Problem hat auch die Dystopie (zu diesem Genre plane ich in Zukunft mal einen Artikel). Frühe dystopische Werke wie z.B. "1984" wurden oft schlicht als "gesellschaftskritische Romane" bezeichnet, später entstand dann der Begriff Dystopie, der wahlweise als Untergenre von Fantasy ("es geht um Welten, die anders aussehen/funktionieren als unsere reale Welt, und oft auch um Personen mit neuartigen Fähigkeiten") oder SciFi ("es geht um die Zukunft und oft auch am Rande um neuartige wissenschaftliche Erkenntnisse") klassifiziert wurde. Auch heute ist es noch schwer, eine Dystopie von z.B. Urban Fantasy abzugrenzen - hier spielt die Frage eine Rolle, ob ungewöhnliche Fähigkeiten auf (pseudo-)wissenschaftlicher Basis beruhen, oder auf Magie.

      Wie auch immer, die Dystopie war eher ein Nischengenre, bis ihr im Young Adult Bereich der grosse Durchbruch gelang. Serie wie "Hunger Games", "Maze Runner" und "Divergent" sorgten zwar dafür, dass heute viele Leser (und Kinogänger) wissen, was man unter einer Dystopie versteht, aber veränderten auch die Vorstellung davon. Die typische YA Dystopie beinhaltet nämlich immer eine Lovestory, und eine Rebellion eines Teenagers (oder einer Gruppe junger Erwachsener) gegen das System/die Regierung. Als Folge tun sich 'erwachsenere' und düstere Dystopien schwer - vor allem solche ohne Romance-Elemente - weil die Leser andere Erwartungen haben ...

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    2. Eben. Und meine sind weder nett (einige von ihnen empfinden sich als gut, aber als nett? Niemals :D), noch harmlos. (Gut, einige von ihnen sind verliebt. Aber das waren die bei Anne Rice um ehrlich zu sein auch. Es war nur kein "Uraltes Wesen verliebt sich in Schulmädchen", sondern "Lestat liebte schon als Mensch alle Menschen und als Vampir liebt er erst recht alle Lebewesen und Nichtlebewesen, auch die, von denen er sich nährt, was mehr in Richtung einer schrägen, schwarzromantischen "Agape" geht, zuweilen gemischt mit ganz viel Eros.)
      Das ist das Problem. Immerhin höre ich inzwischen nicht mehr gaaanz so oft den Satz "So wie bei Twilight? Das ist sooo romantisch!" wenn ich erwähne, dass ich über Vampire schreibe...
      Historical Fantasy ist auch so ein tolles Umbrella-Genre und eins, das ich für mich als Bezeichnung auch schon in Erwägung gezogen habe, weil ich eine fiktive späte Bronzezeit/Antike etc. in meinen Büchern habe. Aber meine zweite Romanreihe ist teils historisch, teils contemporary und damit habe ich wieder den Salat D:

      Exakt. Es ist ein Dilemma und ich verstehe natürlich, dass man ein wenig abwertend die Autor*innen anguckt, die bei der Frage nach dem Genre so ein Crossovermischmasch angeben, wie in der diesmonatigen Schreibmeer-Kolumne. Aber wenn man nun mal wirklich nicht leicht zu verorten ist? ^^

      Was Dystopie angeht, da sagst du was. Ich habe eine mit 17 angefangen zu schreiben, kannte das Wort nicht und nannte das Ding Anti-Utopie, bis dann "Panem" kam.
      (Im Verlag läuft sie bei Veröffentlichung unter Near Future Sci-Fi, eben weil sie die gängigen Klischees einer Young-Adult-Dystopie nicht erfüllt...)

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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