Mittwoch, 18. Januar 2017

Regionalsprache im Roman?

Zwei Dinge begegnen einem in Schreibforen und -gruppen immer wieder.

Erstens: Autoren, die in ihren Texten einen Ausdruck verwenden, der von der sprachlichen Norm abweicht (etwa ein Wort wie „Perron“) und die dann voller Angst nachfragen, ob ein Leser das überhaupt verstehen würde. Zu diesem Phänomen gehören dann auch die eifrigen Fragebeantworter, die das immer verneinen und zur Umformulierung raten – womit sie meist das Einsetzen des korrekten deutschen Ausdruckes meinen (in diesem Falle „Bahnsteig“).

Das zweite Phänomen sind Korrekturleser, die in Texten rigoros alles anstreichen, was nicht der Standardnorm entspricht, weil das ist falsch und als Autor soll man doch bitte korrektes Deutsch lernen oder es gleich bleibenlassen.



Diese zwei Phänomene sind nicht nur inhaltlich verwandt, sie wurzeln aus demselben Problem: Der Annahme, Deutsch sei ganz klar standardisiert und es gäbe eine korrekte Norm. Der wollen wir uns hier einmal näher annehmen.

 

Korrekte Norm? Pustekuchen!


Die Zwischenüberschrift macht es kurz, hier kommt die Langform: Es gibt im Deutschen keine korrekte standardisierte Norm.

Deutsch ist eine plurizentrische Sprache. Was bedeutet: Es gibt mehrere Sprachzentren mit unterschiedlichen Sprachvarietäten, die alle gleichwertig sind. In der Praxis vergessen wir das leider oft. Zu sehr sind wir darauf gedrillt, das Bundesdeutsche zur hochheiligen Bezugsreferenz zu stilisieren. Noch heute sieht man etwa in Österreich viele Einheimische, die verzweifelt versuchen, im Gespräch mit Gästen aus Deutschland deren Varietät nachzuahmen – und nach Worten ringend stottern, brabbeln und einfach nur scheitern, weil ihnen das Bundesdeutsche hochwertiger erscheint, es für sie aber praktisch eine Fremdsprache ist.

Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir Österreicher und Schweizer den Deutschen zahlenmäßig weit unterlegen sind – wir sprechen zufällig auch deren Sprache, nicht die auch unsere. Und so verbiegen wir uns grenzenlos, bis hin dazu, dass wir unsere eigenen Begriffe ad acta legen und die bundesdeutschen Begriffe adaptieren.

Und so schreiben wir dann halt doch „Bahnsteig“.

 

Der Duden weiß es besser


Beim Dudenverlag ist man hier einen Schritt weiter: Längst werden Begriffe, die nur im Österreichischen oder Schweizerischen geläufig sind, verzeichnet und direkt als Varianten ausgewiesen.

Man geht sogar noch weiter: Nicht nur Begriffe, auch grammatische Eigenschaften – etwa das Geschlecht von Nomen – kann sich regional anders verhalten. Und so verzeichnet man sowohl „die Mail“, aber auch „das Mail“ und akzeptiert somit beide Varianten.
Ein Schritt, den wir von der schreibenden Zunft auch vollziehen sollten!

 

Lokalkolorit!


Man glaubt es kaum, aber natürlich gibt regionale Sprache auch regionales Flair wieder – und das kann sich sowohl auf Handlungsebene, als auch auf Erzählerebene im Text manifestieren und ihn somit authentischer machen. Regionale Sprache ist hier ein mächtiges Werkzeug, das wir nutzen sollten.

Wenn etwa ein Protagonist, der gebürtiger Wiener ist, in einem Text einkaufen geht, dann sagt er zu einer Verkäuferin nicht: „Geben Sie mir drei Tomaten, bitte.“ Nein, er sagt Paradeiser. Und falls er siezt, wird er das „Sie“ verschlucken und ein „Geben’s“ daraus machen.

Das mag gerade bundesdeutschen Lesern im ersten Moment komisch vorkommen.

Aber fasst euch bitte mal kurz an der Nase, ihr erlebt das ganze jeden Tag in Film und Fernsehen. Ein Polizist bei CSI: Miami stellt sich nun mal nicht als „Kommissar“ oder „Wachtmeister“ vor, sondern er ist „Detective“ oder „Officer.“ In Rosamunde-Pilcher-Filmen gibt es keine Herzöge und Grafen, sondern Lords, Earls, Sirs und was weiß ich. In Western spricht man sich nicht als „Herr Schmied“ an, sondern „Mr. Smith“ und „Partner“ und „Howdy“ und „Gringo“ et cetera (und letzteres ist jetzt grad auch noch Latein, Sacrebleu!).

Alles andere käme uns ja schließlich auch seltsam unpassend vor, weil es sofort verhindert, dass wir in die Welt der Handlung hineingezogen werden.

Gleichermaßen kann Sprache dieses lokale Flair auch auf Erzählerebene erzeugen.

Bedenkt immer, dass der Erzähler nicht gleich der Autor ist, sondern als Instanz zwischen Autor und Protagonisten steht. Und der Erzähler kann natürlich auch regionale Sprachvarianten aufgreifen.

So isst in einem Buch von Christine Nöstlinger sicher niemand ein Crêpe oder ein Omelett, sondern ganz einfach – original österreichisch! – Palatschinken. Und diesen Ausdruck verwendet dann nicht der Protagonist, sondern der Erzähler, wenn er beschreibt, was auf den Tisch kommt.
Zwar erzählte mir eine Freundin aus Deutschland einmal, sie habe sich immer gewundert, was genau ein „Palat-Schinken“ sei und wieso man da Marmelade drauf streiche (Das passt doch gar nicht zu Schinken! :-O ), aber im Endeffekt hat es an ihrem Verständnis des Textes nichts geändert. Den Rest der Geschichte hat sie trotzdem verstanden und ihre Welt ging davon nicht unter.

Davon abgesehen …

 

Leser sind nicht dumm!


Ich beobachte immer wieder diese Annahme, dass Leser strohdumm sind und ungewöhnliche Wörter nicht verstehen werden. Es gibt sogar Autoren, die befürchten, dass Leser sofort das Buch weglegen, wenn sie einmal ein einziges Wörtchen nicht verstehen.

Hier möchte ich einmal kurz für die Mündigkeit des Lesers eine Lanze brechen – im Zweifelsfall kann ein Leser nachfragen, nachschlagen oder googeln! Das ist ihnen zuzumuten.

Und es soll sogar schon Leute gegeben haben, die aus dem Kontext geschlossen haben, dass „Perron“ im Zusammenhang von Bahnhof und ankommendem Zug wohl ein Bahnsteig sein müsse. Weil in der Wartehalle oder draußen am Parkplatz wird der Railjet eher nicht einfahren.
Denkt auch an den Bildungsauftrag, den wir als Autoren haben: Wir schreiben Texte, wir bilden die Sprachfertigkeiten der Massen aus. Das Fernsehen beschallt die Menschen, aber Lesen bedeutet immer, Sprache aus Zeichen zu rekonstruieren. Wir schulen nicht zuletzt den Wortschatz!

Und dann wollen ausgerechnet wir unseren Wortschatz reduzieren, nur allgemein bekannte Wörter verwenden?

Wir schießen uns selbst ins Bein. Je mehr wir Sprache vereinfachen, desto kleiner wird der Wortschatz unserer Zielgruppe werden. Wir verlieren damit Möglichkeiten zur Gestaltung, nehmen unserem wunderbaren Werkzeug einen Teil seiner Macht. Wie sollen Leser denn je ihren Wortschatz erweitern, wenn wir es ihnen nicht ermöglichen?
Denken wir einmal in die andere Richtung: Hätten unsere Eltern, als wir noch Säuglinge waren, mit uns nur in für uns verständlichen Wörtchen gesprochen, dann bububut babababie Worties in diesem Aufsatz!

Die Menschen sind eben nicht dumm, sie können und wollen lernen.

 

Bleibt noch zu sagen …


Wagt es, eure regionalen Varianten einzusetzen! Bietet oberkorrekten Betalesern und Lektoren die Stirn! Verteidigt eure regionalen Eigenheiten, zieht Betaleser dazu, die eine Ahnung haben (und trennt euch von Bundesdeutschen-Norm-Spinnern am besten sofort)! Verweist sie auf diesen Aufsatz hier, wenn sie euch nicht glauben!

Macht unsere Sprache wieder reicher an Varianten!

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Zum Weiterlesen:
 
Florian ist Kurzgeschichten-Autor, Weltenbauer, Story-Telling-Enthusiast und Latinist. Er veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten auf dem Tintenfleck und bloggt über fiktive Welten auf der Weltenschmiede




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