Samstag, 14. Januar 2017

„Hilfe, das Kind hat Schreiben!“

Eltern und Lehrer – sofern sie nicht selbst schreiben oder einer anderen kreativen Tätigkeit nachgehen – sind oft von den Marotten eines Kindes überfordert, das schreibt.
Denn eins ist sicher: Schon schreibende Kinder und Jugendliche „ticken“ oft anders als ihre Umgebung. Statt bei den Eltern um mehr Ausgehzeit, die Lizenz zum Alkoholtrinken oder die neuen Markenschuhe zu betteln, fordern sie einen Gutschein für Books on Demand, Schreibratgeber oder mehr Internetzeit für das Autorenforum ihrer Wahl ein.

Lehrer stellen fest, dass da ein Schüler immer etwas in ein Notizbuch kritzelt – das nichts mit dem Unterricht zu tun hat. Oder im Unterricht vor sich hinträumt und dann hastig zu schreiben beginnt. Oder im Deutschunterricht Hausaufgaben abgibt, die doppelt so lang sind wie die von allen anderen.

Dieser Artikel liefert einen kurzen Leitfaden für Eltern und Lehrer. Denn oft ist es gerade bei Kindern und Jugendlichen wichtig, das noch fragile Flämmchen der Kreativität nicht mit Schmackes auszupusten – wer weiß, wie viele Karrieren von vornherein nie zustande kamen, weil Eltern oder Lehrer zu unsensibel reagiert haben? 



 

Liebe Eltern …

Euer Kind hat Schreiben.

Das klingt wie eine Krankheit, ist es aber eigentlich nicht. Schreiben zu müssen, ist eine (Sehn-)Sucht, der man sich auf Dauer nicht entziehen kann.

Im Kopfe eures Kindes herrscht Chaos. Verschiedene Ideen, Figuren, vielleicht sogar ganze Welten fordern immer wieder Aufmerksamkeit und drängeln sich in den Vordergrund. Und sie geben erst Ruhe, wenn man sie grob niedergeschrieben hat.

Dinge wie „draußen spielen“ im jüngeren Alter und Dinge wie „feiern gehen“, „normale Dinge tun“ und manchmal auch „Hausaufgaben machen“ wenn sie etwas älter sind, treten in den Hintergrund.

„Schreiben“, aber auch „Plotten“, vielleicht auch „Recherchieren“ fressen mit der Zeit alle anderen Aktivitäten gnadenlos auf und fordern ihre Aufmerksamkeit.

Es gibt Dinge, die man in dieser Zeit dem eigenen Kind auf keinen Fall sagen sollte. Sätze, die man aber leider trotzdem in so gut wie jedem Elternhaus hört:
  • Such dir ein richtiges Hobby!
  • Was bringt dir das? Das kann man sowieso nicht veröffentlichen.
  • Du wirst so lange mit diesem Unsinn aufhören, bis du die nächste Klassenarbeit geschrieben/dein Abi/sonst irgendein aus Erwachsenensicht wichtiges Ziel erreicht hast.
Diese Sätze tun weh, sind destruktiv. Erfahrungsgemäß können Eltern die Frage „Was ist denn ein richtiges Hobby?“ nur mit „Das, was normale Kinder machen“ oder gar nicht beantworten. Damit stempeln sie das eigene Kind als unnormal ab, als Freak.

Sie mobben das eigene Kind.

Sie begreifen nicht, dass Schreiben oft Selbstzweck ist. Natürlich sollte man in der Regel Dinge, die man mit 13 geschrieben hat, nicht veröffentlichen. Aber mit jedem geschriebenen Text lernt ein Kind dazu – und schreibt vielleicht schon mit 20 veröffentlichungswürdig.

Und aufhören? Kann das Kind nicht. Wer wirklich das Schreiben im Blut hat und nicht einfach nur ein bisschen damit experimentiert, wird die Stimmen nicht totkriegen. Und je mehr das Kind versuchen wird, den Eltern zu gehorchen und das Schreiben vorübergehend abzuwürgen, desto mehr erhöht sich der Leidensdruck.

Besser, viel besser, ist es, das Kind sanft zu fördern. Natürlich sollen Eltern auch darauf schauen, dass das Kind die Schule über dem neuen Hobby nicht vernachlässigt und die Hausaufgaben macht.

Aber wieso das Ganze nicht liebevoll und bestätigend angehen? Man kann mit Kindern und Jugendlichen auch reden. Über die eigenen Träume und Hoffnungen in Verbindung mit dem Schreiben.

Oder darüber, wie man Schreiben und Hausaufgaben oder Abitur unter einen Hut bekommt.

Verbote bringen hier wenig. Aber Liebe und gegenseitiger Respekt, der auch von der Elternseite ausgehen muss, können einer jungen Autorenseele guttun.

Und viel Leid ersparen.

 

Liebe Lehrer …

Wenn ein Schüler im Unterricht irgendetwas in ein Notizheft schreibt, sobald alle Pflichtaufgaben erledigt sind, ist das kein Zeichen mangelndes Respektes euch gegenüber.

Der Schüler nutzt die freie Zeit nach getaner Arbeit, um zu schreiben.

Die Stimmen im Kopfe eines noch so jungen Autors achten nicht darauf, ob der junge Mensch gerade Unterricht hat oder sonstwie beschäftigt ist. Die Inspiration kommt am liebsten genau dann um die Ecke, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann.

Wenn der Schüler nicht ganz schnell niederschreibt, was in seinem Kopf herumgeht, kann er sich nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren. Denn die Stimmen schreien immer lauter: „Schreib mich, schreib mich!“

Mit anderen Worten: Sofern der Schüler andere Schüler mit seinem Schreiben nicht stört – und das ist eigentlich so ziemlich immer der Fall – ist es sinnvoller, ihn machen zu lassen. Ihn am Schreiben zu hindern, macht ihn im Unterricht nicht produktiver, im Gegenteil.

Wenn man also möchte, dass der junge Autor weiterhin gut aufpasst, lässt man ihn in den Pausen und zwischen Aufgaben gewähren.

Es tut schließlich niemandem weh!

 

Ein besonderes Wort an Deutschlehrer

Ihr seid für Jungautoren oft die erste Anlaufstelle, da die Schüler pauschal annehmen, dass ihr davon Ahnung haben müsst.

Das ist nicht immer der Fall. Nur weil ein Deutschlehrer weiß, was der Schüler für einen Deutschaufsatz können muss, heißt das nicht, dass er auch was von kreativem Schreiben versteht. Das ist in Ordnung. Nicht jeder muss alles können.

Aber eure Schüler erwarten das eventuell von euch. Bitte tut in diesem Fall nicht so, als hättet ihr Wunderwieviel Ahnung und verwirrt den Menschen mit falschen Ratschlägen.

Wenn ihr nicht zufällig selbst der schreibenden Zunft angehört und tatsächlich helfen könnt, ist es zielführender, den Schüler an Leute zu verweisen, die es können.

Beispielsweise an Schreibforen – zu den Anfänger- und Teenagerfreundlichen Foren gehört das A.K.T., für ältere Teenager und junge Erwachsene empfehle ich das Rindlerwahn und den Tintenzirkel.

Und natürlich könnt ihr sie an Blogs wie das Schreibmeer verweisen, wo sie viele Tipps und Tricks zum Thema Schreiben vorfinden.

Das ist überhaupt nicht böse gemeint – nur aus der eigenen Erfahrung heraus denke ich oft, dass mir als Teenager mehr geholfen gewesen wäre, wenn meine Lehrer mir offen gesagt hätten, dass sie mir auch nicht beim Romanschreiben helfen können. Aber mir sagen können, wo ich die nötige Hilfe finden kann.

 

Abschließende Worte

Viele Schreibkarrieren enden, bevor sie begonnen wurden. Weil die Bezugspersonen, die junge Menschen haben, nicht richtig damit umgehen und alle kreativen Ambitionen im Keim ersticken.

Das ist schade und für die Betroffenen sehr schmerzhaft.

Und daher hoffe ich aufrichtig, dass dieser kleine Leitfaden möglichst viele Menschen erreicht – und vielleicht das eine oder andere Schreibflämmchen vor dem Verlöschen bewahren kann


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Zum Weiterlesen:
 

Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte. Sie bloggt über das Autorendasein, Bücher und den Weltenbau.



Kommentare:

  1. Das, was du in diesem Artikel schreibst, ist genau das, was ich als Kind erlebt habe. Sätze wie: "Geh doch lieber nach draußen", "Such dir doch ein richtiges Hobby", oder "Dieses Gekritzel ist doch nur für die Tonne", habe ich dauernd zu hören bekommen. Am Schlimmsten fand ich, dass meine Mutter meine selbstverfassten Geschichten stets nahm, um damit den Ofen anzuzünden. Sie wie auch der Rest meiner Familie haben nie verstanden, wie wichtig das Schreiben für mich war und es ja immer noch ist, denn, wie du schon sagst: Die Stimmen verstummen nicht.
    Vielen Dank für den tollen Bericht.

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    1. Zum Ofenanzünden? Okay, ich habe in der Hinsicht einiges erlebt (wobei ich noch sehr mild weggekommen bin und mit den Erfolgen auch der Respekt kam) und auch schon so einiges von anderen Autor*innen gehört.
      Aber den Ofen anzünden, das ist...
      Ich drück dich und auch dein damaliges Ich ganz fest, bin gerade fassungslos, wütend und traurig.

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  2. Meine Eltern besaßen noch so einen Kohleofen, auf dem man auch kochen kann und um den anzuzünden, brauchten sie Papier. Bei ihnen war es so, dass keiner von beiden gelesen hat, wenn man von der Tageszeitung oder den typischen Frauenzeitschriften absieht. Fürs Schreiben brachten sie nie Verständnis auf, aber mich hat das nicht aufhalten können.

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  3. Meine Tochter hat auch Schreiben. Als hätte ich es ihr ungewollt weitergegeben.
    Ich habe sie kurzerhand in die Schreibakademie geschickt, wo sie reelle Kontakte zu anderen Schreiberlingen knüpfen kann.
    Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie ist 15.
    Danke für diesen tollen Artikel. Ich habe ihn via facebook verbreitet, sodass die Lehrer meiner Tochter wissen womit sie es zu tun haben.
    Danke.

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    1. Danke für diesen Kommentar! Und der Tochter viel Spaß und Erfolg in ihrem Schreiberleben <3

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