Samstag, 24. Dezember 2016

Eine kunstgeschichtliche Reise #7: Das Museum

Frohe Weihnachten und willkommen zurück liebe Schreiberlinge. Das Jahr geht nun langsam zu Ende, ebenso wie unsere kunstgeschichtliche Reise. Dies wird vorerst der letzte Artikel zum Thema „Beschreibungen von Kunstgegenständen und Architektur“ sein. Natürlich gäbe es noch einige Bauwerke und diverse Elemente, die man behandeln könnte, aber ich erachte dies als unnötig. Zum einen habe ich die wichtigsten Formen vorgestellt andererseits ist das Grundschema der Vorgehensweise relativ gut übertragbar. Des Weiteren kann ich euch eine ausführliche Recherche zu eurem speziellen Thema nicht abnehmen. Bei den Beschreibungen müsst ihr euch sowieso in eure Charaktere hineinversetzen. Da kann ich euch nur Beispiele mit auf den Weg geben. Der Umfang eurer Beschreibungen obliegt nicht euren angeeigneten Fachwissen, sondern dem Wissen und dem Interesse eures Protagonisten. Ihr braucht keine „Fachidioten“ sein. Eure Charaktere sind es auch nur in den seltensten Fällen. Trotzdem ist es immer von Vorteil, sich ein wenig in eine Thematik einzulesen.


Nun widmen wir uns dem Museum, ein wahres Sammelsurium für Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und diverse andere Ausstellungsstücke. Laut Definition ist ein Museum das Heiligtum der Museen. Diese gelten als die Schutzgöttinnen der Künste, Kultur und der Wissenschaften. Ein Museum beschreibt eine Institution, die eine Sammlung bedeutsamer und lehrreicher oder exemplarischer Gegenstände aufbewahrt, kategorisiert, erforscht und Teile davon ausstellt.

Es gibt also viele Elemente die eure Aufmerksamkeit fordern. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Warum ist euer Charakter im Museum? Wie viel weiß er über den Inhalt der Ausstellung? Ist euer Charakter gestresst oder hat er sehr viel Zeit? All diese Fragen könnt ihr euch im Voraus stellen. Vielleicht erleichtert es euch eine Auswahl der Elemente zu treffen, die in eure Geschichte mit einfließen sollen.


Museum für bildende Künste_Quelle: Von LutzBruno - Eigenes Werk, CC BY 3.0 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10753259

Da ein Museum im Grunde überall untergebracht werden kann, werde ich auf die Beschreibung des Aufbaus verzichten. Eine solche Betrachtung wäre sicherlich interessant, würde jedoch hier den Rahmen sprengen. Ich werde mich eher auf das Innenleben und die Kunstgegenstände konzentrieren, denn meine Protagonistin in der Beispielgeschichte ist vom Fach. Ihr werdet Isabella kennenlernen. Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit über den niederländischen Künstler Peter Paul Rubens. Dabei kann sie sehr fanatisch und wissbegierig werden. Ihre Recherche führt sie in das Museum für bildende Künste in Leipzig. Dort hängt ein Gemälde mit dem Titel „Das Schiffswunder der hl. Walburga“. Schon lange erhofft sie, es in Ruhe betrachten zu können, abseits von Studenten und Touristen. Diese Chance bekommt sie auch und sie wird viel mehr über das Bild erfahren, als ihr lieb ist.

Wenn ihr diese Geschichte schreiben wollt, ist es von Vorteil sich mit dem Schauplatz, dem Gemälde und dem Künstler zu beschäftigen. Alle drei sind klar benannt und schon das Internet wird euch einige Informationen geben.

Unser Schauplatz ist ein kunsthistorisches Museum und umfasst Gemälde, Grafiken und Skulpturen bis zur zeitgenössischen Kunst. Ein Schwerpunkt der Sammlung liegt auf Werken der altdeutschen und niederländischen Malerei des 15. bis 17. Jahrhunderts. In diesem Bereich ist auch das Gemälde angesiedelt, welches in unserer Geschichte eine wichtige Rolle spielen wird.

Isabella will die Malweise von Rubens analysieren, also sollte sich unsere Recherche zum Künstler hauptsächlich mit dessen Stil befassen. Dieser zeichnet sich durch dynamische Kompositionen und plastische Figuren aus, die in ihrer Bewegung eingefroren scheinen. Es entsteht ein dichtes Gefüge aus Bewegungslinien, Gebärden und Blickrichtungen. Rubens schuf neben religiösen, historischen, mythologischen und allegorischen Bildern auch Porträts, Selbstbildnisse und Landschaften. Bei unserem Gemälde handelt es sich um einen religiösen Inhalt, denn die hl. Walburga wurde in Flandern und in der Seehandels- und Seefahrerstadt Antwerpen als Patronin der Seefahrer besonders verehrt. Walburga entstammte einer südenglischen Adelsfamilie. Sie wurde im 8. Jahrhundert vom hl. Bonifatius zur Unterstützung seines Bekehrungswerks auf den Kontinent berufen. Die Legende berichtet, dass ihr Schiff bei der Überfahrt von England in das fränkische Reich in einen schweren Sturm geriet, der sich durch ihre Gebete beruhigte.

Diese grundlegenden Informationen bilden das Fundament für die Geschichte und sind das mindeste an Recherche, was ihr aufbringen solltet. In meinem Kunstgeschichtsstudium habe ich ein Referat vor diesem Gemälde halten dürfen. Es ist zwar schon eine Weile her, aber recherchiert habe ich dafür ausgiebig. Für unsere kleine Geschichte sollen die oberen Informationen reichen. Viel wichtiger ist das Bild an sich. Im Folgenden zeige ich euch, dass eine Frau vom Fach, wie Isabella eine ist, auch nicht jedes Kunstwerk analysiert, das ihren Weg kreuzt.


das Schiffswunder der hl. Walburga Quelle:

Endlich war es soweit. Isabella sah an der Fassade des Glaskubus hinauf in der sich die untergehende Sonne spiegelte. Sie hatte lange auf den Termin warten müssen. An ihr hatte es nicht gelegen. Sie war allzeit bereit gewesen. Jedoch widerstrebte es den Betreibern des Museums nach Öffnungszeit eine verrückte Wissenschaftlerin in die heiligen Gefilde der Kunst zu lassen. Es war zwar immer Wachpersonal vor Ort, allerdings bedeutete so ein außerordentlicher Besuch eine Menge Papierkram. Auch Isabella war sich dieser Tatsache bewusst. Für sie war es das allemal wert, schließlich sollte aus ihren Nachforschungen eine Doktorarbeit werden, die ihresgleichen suchte.

In freudiger Erregung trat sie durch den Haupteingang. Sofort wurde sie von der Dame an der Information aufgehalten.
„Entschuldigen Sie! Wir schließen gleich!“
„Ich weiß“, antwortet Isabella mit einem freudigen Lächeln auf dem Lippen. Sie reichte der Dame ein Schreiben. „Ich bin zu wissenschaftlichen Nachforschungen hier. Isabella Peters. Ich promoviere über den Malstil von Peter Paul Rubens und möchte mir das Schiffswunder der heiligen Walburga ansehen.“
„Ich verstehe.“ Die Empfangsdame warf einen flüchtigen Blick auf das Stück Papier und gab es Isabella zurück. „Man hat Sie bereits angekündigt.“ Sie räusperte sich. „Entschuldigen Sie die Frage: Aber warum muss das außerhalb der Öffnungszeiten geschehen?“
Als hätte Isabella nur auf diese Frage gewartet, begann sie mit ausladenden Bewegungen ihre Absichten zu erklären. „Das ist ganz einfach.“ Sie sprühte nur so vor Emotionen. „Ich möchte die Bilder analysieren, darin eintauchen, um einen neuen Blick auf die Werke zu erhalten. Ich möchte jede Feinheit aufnehmen und herausfinden, was Rubens dazu erwogen hat seine Bilder in dieser Art zu gestalten. Und dazu brauche ich viel Ruhe. Ich möchte weder von Schulklassen, Touristen oder Studenten gestört werden.“
Die Dame am Empfang lächelte fast ein wenig mitleidig. „Solche großen Gruppen sind doch nicht den ganzen Tag hier.“ Ja, die Dame brannte für ihr Fachgebiet, sie musste sich nur vorsehen, dass sie sich nicht verbrannte.

„Das tut nichts zur Sache. Es ist die Atmosphäre, die Einsamkeit hier zwischen der Kunst, die meine Sinne öffnet.“
„Ich verstehe.“ Eigentlich konnte die ältere Dame das nicht nachvollziehen, aber wenn sie eines gelernt hatte, dann dass solche Leute sehr wankelmütig und schnell zu verärgern sind. So was wollte sie zu ihrem Feierabend vermeiden. „Herr Schmitt wird Sie zu dem Gemälde führen.“
Ein Mann in Uniform winkte Isabella zu sich heran.

„Ich führe Sie jetzt in dem Bereich, in dem das Gemälde hängt. In diesem Bereich dürfen Sie sich frei bewegen, ihn aber nicht verlassen“, erklärte er, als sie durch lange Gänge weiter in das Museum eindrangen.
„Keine Sorge. Alles andere interessiert mich heute ausnahmsweise mal nicht.“ Sie wollte sich einzig und allein auf das Gemälde konzentrieren. Es existierte im Augenblick nichts anderes in ihrem Kopf. Sie würdigte die Skulpturen und Gemälde, die ihren Weg säumten, keines Blickes.
„Wenn Sie etwas brauchen oder ihre Arbeit beendet haben, melden Sie sich. Ich bin in der Nähe.“
„Danke!“ Kaum war Herr Schmitt um die Ecke gebogen, stand Isabella schon vor dem Gemälde.
„Das Schiffswunder der heiligen Walburga!“, flüsterte sie andächtig, als stünde sie vor einem Schatz. Einige Minuten stand sie vor dem gerahmten Gemälde und ließ es auf sich wirken. Als die erste Aufregung verschwunden war und ein wohlig, meditatives Gefühl durch ihren Geist floss, wandte sie sich ab. Sie stellte auf einer Bank in der Nähe ihre Tasche ab und kramte Notizblock und Stift hervor. Sie schlug den Block auf und suchte die Notizen zum Bildinhalt heraus.
„Walburga, eine Heldin! Ihre Gebete können sogar Stürme bezwingen.“ Walburga entstammte einer südenglischen Adelsfamilie. Sie wurde im 8. Jahrhundert vom hl. Bonifatius zur Unterstützung seines Bekehrungswerks aufs Festland berufen. Laut Legende geriet ihr Schiff bei der Überfahrt von England in das fränkische Reich in einen schweren Sturm. Dieser beruhigte sich erst durch ihre Gebete. “Hm...“ Isabella seufzte. Keiner kann dies kontrollieren, aber irgendwoher müssen die Legenden schließlich kommen. Sie nahm eine Lupe und untersuchte die Maltechnik und den Farbauftrag. Dabei schreib sie ihre Beobachtungen detailliert auf. Der Stil war an der Kunst der Antike orientiert, ganz nach dem Werk des Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle. Besonderes Augenmerk hat der Künstler auf die plastische Herausbildung der muskulösen Körper der Ruderer gelegt, die wie die Körper von Athleten im Kampf angespannt sind. Die Antike lieferte in den Augen von Rubens die idealen Vorbilder für eine heroische Körpersprache. Isabella faszinierte das Aufeinandertreffen der Gewalten: heroische Ruderer gegen die Naturgewalt. Walburgas Gebete und Sanftheit hatten es laut der Legende geschafft diese Gewalt zu bezwingen. Ein einziges Bildnis der Kontraste.

Um einen anderen Blick auf das Bild zu erhalten, entfernte sie sich langsam von dem Gemälde, bis sie schließlich an der Bank angekommen war. Dort ließ sie sich nieder und schaute sehr lange auf das Bild. Alle Feinheiten, die sie aus der Nähe hatte sehen können, waren nicht mehr zu erkennen. Aus dieser Entfernung war nur noch das Holzboot im Sturm zu sehen. Dunkelblaue Wellen peitschen gegen die Nussschale. Nur eine Stelle im Bild war hell herausgearbeitet. Walburga. Sie strahlte regelrecht, war anscheinend in ihre Gebete vertieft. Isabelle konnte ganz deutlich das Rauschen des Meeres hören, das heulen des Windes – ja sie konnte sogar das Salz auf ihren Lippen schmecken. Sie hörte Stimmen. Jemand rempelte sie an.
„Weib, sitzt nicht untätig rum. Pass auf sonst geht Ihr über Bord.“ Ein wenig verwirrt nickte Isabella und wurde sogleich von einem weiteren Mann umgerissen.

„Aus dem Weg!“ Alle Stimmen um sie herum waren aufgebracht. Laut schrie man sich Befehle zu. Wasser spritzte ihr ins Gesicht. Isabella blinzelte. Eine Handvoll muskulöser Männer versuchte angestrengt das Boot heil durch den Sturm zu bringen. Inmitten der lauten Stimmen und des tosenden Sturmes, kniete eine zierliche, hell gekleidete Person. Mit sanfter Stimme murmelte sie vor sich hin. Wie durch ein Wunder wurde sie weder von den Wellen fortgerissen, noch von den hektischen Männern umgestoßen.

Erst jetzt wurde Isabella bewusst, wo sie sich befand. Erschrocken sah sie an sich hinab. Ihre Haut hatte sich verändert, auch ihre Kleidung war von Pinselstrichen übersät. Sie leuchtete ebenso hell, wie Walburga, die tapfer im Sturm ihre Gebete gen Himmel schickte. Eine tiefe Bewunderung durchfuhr Isabella. Sie kniete sich neben Walburga und versuchte zu verstehen, was sie sagte. Leider wurde die schwache Stimme vom Tumult auf dem Schiff übertönt. Allerdings schien der Sturm abzunehmen. Auch wenn Isabella nicht verstand, was die junge Frau neben ihr sagte, so war das Gefühl in ihr ausreichend, um die Botschaft zu verstehen. Auch in den schwierigsten Augenblicken, darf man den Glauben und die Hoffnung nicht verlieren – egal an was man glaubte. Isabella lächelte. Ein sanftes Leuchten umgab Walburga. Die Stimme Walburgas war zwar nicht besonders laut, aber irgendwer da oben musste sie gehört haben.

„Amen!“, entwich ihren Lippen.
Dann spürte sie eine kräftige Hand, die sie an den Schultern packte.
„Frau Peters! Geht es Ihnen gut?“

Ein wenig schläfrig öffnete Isabella die Augen. Das Boot, das Meer und Walburga waren verschwunden. Ihr Mund war ausgetrocknet. Sie kniete auf dem Boden, der Kopf war auf der Bank abgelegt. Neben ihr hockte der Wachmann Schmitt.
„Sind sie eingeschlafen?“
Isabella richtete sich auf. Sie musste wohl wirklich eingenickt sein. Aber warum waren ihre Sachen so klamm?

„Sie sollten für heute Schluss machen!“, sagte Schmitt eindringlich. „Es ist bereits nach Elf.“
„Elf Uhr?“ Was war in den letzten Stunden geschehen. Sie konnte doch nicht so lange hier im Museum geschlafen haben. Sie sammelte ihre Sachen zusammen. Immer noch hatte sie den Geschmack von Salz auf den Lippen.



Das war Isabella und ihr sehr realer Ausflug in die Kunst. Wie ihr lesen konntet, habe ich nicht jedes Ausstellungsstück im Museum beschrieben. Da Isabella so auf das Gemälde fokussiert war, wurde dies auch intensiver beschrieben. Das heißt aber nicht, dass ihr eine richtige Bildbeschreibung in eurer Geschichte anfertigen müsst. Ihr müsst einfach ein Gefühl dafür kriegen, was eure Leser an Beschreibung benötigen und was sie sich vorstellen können. Mit ein wenig Übung wird euch das sicher immer leichter fallen.

Ich hoffe ich konnte euch auf meiner Reise ein wenig für die Arbeit mit kunstgeschichtlichen Elementen sensibilisieren. Vielleicht war auch die ein oder andere Anregung für euch dabei. Mir hat es jedenfalls sehr viel Freude bereitet mir für jeden Artikel kleine Geschichtchen auszudenken. Für euch könnten solche kurzen Gegebenheiten auch eine gute Übung sein. Und vielleicht entwickelt sich aus manch kleiner Übung ein richtiger Roman. Wer weiß das schon?

Bis zum nächsten Mal!

Schreibaufgabe:

Übt eine Bildbeschreibung. Sucht euch ein Gemälde raus, das euch gefällt und beschreibt es.

Viel Spaß!

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Zum Weiterlesen:

Eine kunstgeschichtliche Reise #6: Lost Places
Eine kunstgeschichtliche Reise #5: Friedhöfe und Gärten
Eine kunstgeschichtliche Reise #4: Schlösser und Burgen




Fasziniert von der Welt, mit zu vielen Hobbys im Gepäck, versucht Anki ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Worten, aber auch mit Foto und Design greift sie auch anderen gerne unter die Arme. Willkommen beim Zeitfänger!


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