Mittwoch, 16. November 2016

Eine kunstgeschichtliche Reise #6: Lost Places

Willkommen zurück auf unserer kunstgeschichtlichen Reise. In diesem Artikel geht es um Fabrik- und Industriebauten und die sehr beliebten Lost Places. Ihr werdet euch sicher fragen, was diese Bauten mit Kunstgeschichte zu tun haben. Eine berechtigte Frage. Natürlich sind industrielle Bauten nicht mit den mittelalterlichen Kirchen und Burgen vergleichbar, jedoch sind sie ein Teil unserer Kultur und sollten somit einen Platz in dieser Artikelreihe haben. Die Gebäude aus rotem Backstein stehen heute sogar unter Denkmalschutz.



Die Lost Places sind ein sehr aktuelles Thema, sowohl in der Fotografie als auch in der Literatur. Letztere stellen auf diesem Weg eine Dystopie dar. Hier können Überbleibsel alter Fabrikgelände Bestandteil des Schauplatzes sein. Wie ihr sie letzten Endes in eure Geschichte einbaut sollen euch meine kleinen Beispiele zeigen.


1. Begriff klären

Die Industrie ist ein Überbegriff für einen Teil der Wirtschaft. Er ist gekennzeichnet durch die Produktion und Weiterverarbeitung von Gütern oder Waren in Fabriken und Anlagen. Sie ist verbunden mit einem hohen Grad an Mechanisierung und Automatisierung. Wie zuvor erwähnt, ist eine Fabrik der Produktionsort der industriellen Güter und ist dem entsprechen ausgestattet.


2. Rolle der Industrie/des Lost Place

Fabriken können in fast jeder Geschichte vorkommen. Sie können sowohl Schauplatz in einem historischen Roman sein als auch Schauplatz in einem Zukunftsepos, wo Roboter hergestellt und entwickelt werden. Eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Jedoch solltet ihr bedenken, dass der eigentliche Aufschwung des Fabrikwesens mit dem Aufkommen leistungsfähiger mechanischer Vorrichtungen erst im späten 18. Jahrhundert, dem Beginn der Industrialisierung, einsetzt.

In meinen Beispielen wird in einer Fabrik eine Leiche gefunden. Die alte Freyberg Brauerei in meiner Heimatstadt Halle/Saale ist seit den 1990er Jahren stillgelegt, war Opfer einiger Brandstiftungen und ist sicher auch ein gutes Objekt für einen Mord.


3. Grundaufbau und Bestandteile

Jede Fabrik ist unterschiedlich, denn sie ist auf die Produktion der jeweiligen Güter abgestimmt. Neben dem Fabrikgebäude gibt es Produktionseinrichtungen, Maschinen und Anlagen sowie Transport- und Lagereinrichtungen, die für eine reibungslose Herstellung sorgen sollen. Büros sind zumeist in separaten Gebäuden untergebracht. Euch sagt der Begriff Fabrikantenvilla sicherlich etwas. Diese befanden sich unweit der Fabrikhallen. An dieser Stelle habe ich einen Tipp für euch: Sucht euch am besten eine Vorlage, gerade wenn ihr ein bereits existierendes Objekt wählt. Anhand von historischen Abrissen, Bildern und Plänen könnt ihr das Gebäude und seine Funktion ganz gut erfassen. Wie bei allen anderen Beschreibungen gilt: Euer Protagonist beschreibt die Szenerie. Also muss die Beschreibung eurem Charakter entsprechen.

Die Brauerei aus meinem Beispiel besteht aus dem im Burgenstil gestalteten, mit Zinnen bekrönten Backsteinbau des Sudhauses, einer Abfüllhalle mit eindrucksvoll breitgelagerter Jugendstilfassade am Saaleufer und jüngeren Erweiterungsbauten der Zwischenkriegszeit mit markanten Treppenhaustürmen im Stil expressionistischer Backsteinarchitektur.

Mein Hauptcharakter ist ein Mitarbeiter der Mordkommission. Er wird sicher nicht vor dem Komplex stehen bleiben und den Stil analysieren. Was für meinen Protagonisten in der Beschreibung des Objektes interessant sein könnte, erfahrt ihr in meinen folgenden Beispielen.

alte Freyberg Brauerei Halle - Quelle: http://www.panoramio.com/photo/60750836


4. Am Rande des Geschehens

„Da kann doch nicht war sein.“ Frank fluchte und ließ seine Faust entnervt auf das Leder des Lenkrades sausen. Wie immer im morgendlichen Berufsverkehr war die Glauchaer Straße voller Autos. Ein schnelles durchkommen war trotz Blaulicht kaum möglich.
„Nicht aufregen. Du weißt, dass die hier überall bauen.“ Sein Kollege versuchte seinen Mitfahrer zu beruhigen.
„Na sieh es dir doch an.“ Mit ausschweifenden Bewegungen deutete Frank auf die Straße vor sich. „Es kann doch nicht sein, dass die Leute unfähig sind bei Blaulicht rechts ran zu fahren.“
„Aber hier ist es nun mal so eng. Und warum hast du es eigentlich so eilig? Die Leiche wird wohl kaum weglaufen.“
Frank rollte mit den Augen. Für solche Scherze war er vor seinem ersten Kaffee noch nicht empfänglich.

„Die Leiche nicht, aber das Gebäude … so oft es dort gebrannt hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt.“
„Da hast du Recht. Die wird nur noch durch den guten Willen zusammengehalten.“
„NUN MACH SCHON!“ Frank hupte und bahnte sich einen Weg bis zum Saaleufer. Den Wagen parkte er an der Einfahrt zum Gelände, denn viel war von dem Hof der Brauerei nicht mehr übrig. Nicht nur Trümmer versperrten den Weg zu den einzelnen Gebäuden, auch ein Kollege, der die Schaulustigen in Schacht hielt. Er winkte Frank und seinen Kollegen durch.
„Ist nett hier!“, sagte Frank, während die beiden eine Gruppe Menschen ansteuerten, die schon sehr geschäftig wirkten. „Man könnte hier mal wieder etwas Staub putzen.“ Sein Begleiter seufzte. Frank war heute wieder richtig in Fahrt. Von den alten Backsteinbauten war nicht mehr viel übrig. Es wird sicher interessant zu erfahren, wie der Tote in den Komplex gekommen war.
...

In dieser Szene erhält der Leser, genauso wie Frank, einen ersten Eindruck vom Komplex. Was der Leser davon denkt, werden wir nicht erfahren, aber Frank spricht seine eher sarkastischen Gedanken aus. Trotzdem sollte der Leser durch die einfachen Beschreibungen eine erste Vorstellung von der Brauerei haben. Nun geht es eigentlich darum einen genaueren Blick auf den Toten und dessen nähere Umgebung zu werfen.


5. Einordnung in die Geschichte

Die Brauerei hat in meiner Geschichte nicht nur die Rolle als Schauplatz inne, sondern in ihr birgt sich auch ein ideeller und historischer Wert. Unsere Leiche hat einen persönlichen Bezug zur Brauerei. Er war einer der Letzten, der dort gearbeitet hat. Er liebte seinen Job und die Gebäude. Es brach ihm das Herz, als es für das denkmalgeschützte Objekt keine Rettungschancen gab.


6. Objekt ausführlich beschreiben und in die Szene einbauen

Das war kein schöner Anblick. Frank hockte sich neben die Leiche, zumindest neben das, was davon noch übrig war. Der Körper war verstümmelt und so verrenkt, als wäre er von sehr weit oben heruntergefallen. Nur mit Not konnte man das Geschlecht erkennen.
„Wer ist er?“, fragte Frank einen der Polizisten. Er hielt eine Geldbörse in den behandschuhten Händen.
„Richard Müller-Rauchfuß.“
„Rauchfuß?“
„Ja. So hießen die Gründer der Brauerei“, erklärte der Polizist. „Aber ob er ein direkter Nachkomme ist, müssen wir noch herausfinden.“
„Das wäre gut zu wissen, um hinter das Motiv zu kommen.“ Frank kratzte sich nachdenklich am Kopf und wandte sich an die Gerichtsmedizinerin. „Irgendeine Fremdeinwirkung zu erkennen?“ Die Angesprochene hob eine Augenbraue.
„Hier ist rein gar nichts mehr zu erkennen.“ Sie seufzte und deutete hinauf zu einem der hohen Treppenhaustürme. „Wahrscheinlich ist er von dort oben herab gestürzt. Aber genaueres können wir nicht sagen.“
„Kommt man denn da ohne weiteres hoch?“, fragte Frank ein wenig ungläubig. Von diesem Turm war nur noch das Skelett zu sehen. Viele Fenster und Teile der Mauer waren bereits eingebrochen.
„Sehen sie ruhig nach. Die Spurensicherung tummelt sich auch noch da drin. Die Statik des Turmes scheint in Ordnung.“ Sie reichte ihm einen Helm. „Den sollten sie trotzdem tragen.“
„Danke.“ Frank schloss zu seinem Kollegen auf und reichte auch ihm einen Helm. „Lust auf eine Kletterpartie?“
„Natürlich.“ Die beiden Männer bahnten sich einen Weg über die Trümmer.
„Wer hat die Leiche eigentlich gefunden? Hier kommt doch eigentlich keiner lang?“, fragte Frank, als sie sicher an der Tür angekommen waren.
„Eine Gruppe von Jugendlichen, die eine Fototour machen wollten.“
„Ach die Lost Places-Irren. Sie begeben sich nur für ein paar gute Schnappschüsse in Gefahr. Das wird sicher noch ein Nachspiel haben.“
„Ja, Frank. Aber wären sie nicht, hätten wir den Mann wahrscheinlich nie gefunden. Er wäre sicher beim nächsten Feuer verbrannt.“
„Hm...“ Die Männer schwiegen nun und sahen ein wenig unentschlossen das marode Treppenhaus hinauf. Das Geländer war zwar angerostet aber weitestgehend intakt. Vorsichtig stiegen die Männer ein paar Stufen hinauf. Sie schienen tragfähig zu sein. Abgesehen von den kaputten Fenstern, war der Turm noch begehbar. Sie folgte den Stimmen der Spurensicherung nach oben.
„Okay, das reicht!“ Frank blieb bei den Kollegen der Spurensicherung stehen. „Ich hoffe wir müssen nicht noch weiter hoch!“ Er hatte zwar keine Höhenangst, jedoch traute er der Bauruine nicht. Er wollte nicht so enden wie der Herr Rauchfuß. „Was habt ihr für uns?“, wandte er sich an einen Mann, der gerade von weiter oben herunter kam.
„Ganz oben ist noch eine Art Plattform. Der Tote ist wahrscheinlich von dort gesprungen.“
„Gesprungen? Also Selbstmord?“, fragte Frank überrascht.
„Ja. Nach einem Unfall, sieht es nicht aus. Wäre er durch die Decke gebrochen, würde er nicht draußen auf dem Hof liegen.
„Man kann ihn doch gestoßen haben.“ Gab Frank zu bedenken.
„Möglich. Aber oben sind nur Fußspuren von einer Person zu sehen.“
„Okay. Sichert mal schön, alles weiter ab. Mich kriegen keine zehn Zebras da hoch.“ Frank fröstelte es. Hier oben pfiff ganz schön der Wind durch die nicht vorhandenen Fensterscheiben. „Wir kümmern uns um den Hintergrund des Toten.“
...

Wir begleiten Frank und seinen Kollegen in den Treppenhausturm. Der Leser erfährt durch Erzählungen Dritter und dem Eindruck Franks wie der Turm in etwa ausschaut. Er steht zwar noch, aber vermittelt schon den Eindruck, dass dies bald ein Ende haben könnte. Frank ist zu Recht mulmig. Sein Blick ist daher erst mal auf das Wesentliche beschränkt.

Würde ich jetzt aus der Sicht der Spurensicherung durch den Turm gehen, würde der Blick sicher andere Details aufnehmen, wie der Staub auf dem Boden, mit den Fußspuren, außerdem müsste ich die Plattform unterm Dach beschreiben. Doch da Frank nicht da war, macht es keinen Sinn. Wir sehen nur, was er auch sieht.


Schreibaufgabe:

Übt einfach das Beschreiben eines Ortes aus der Sicht zweier unterschiedlicher Charaktere.


Viel Spaß!

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Fasziniert von der Welt, mit zu vielen Hobbys im Gepäck, versucht Anki ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Worten, aber auch mit Foto und Design greift sie auch anderen gerne unter die Arme. Willkommen beim Zeitfänger!



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