Dienstag, 1. November 2016

Alle Jahre wieder – oder: Jahrmarkt der Bücher

Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.


Ein früher Morgen irgendwann Anfang–Mitte Oktober. Ich sitze frierend am Bahnsteig irgendwo in der tiefsten Provinz und warte auf die Bahn, die mich in die große weite Welt bringen soll. Genauer gesagt, nach Frankfurt, wo wieder einmal die größte Büchershow der Welt läuft.




Ich habe keine Lust. Schaue auf meine Füße, die dieses Jahr in Sportschuhen der Gattung „running“ stecken. Damals, als frisch gebackene Volontärin, eierte ich noch in schicken Pumps durch die heiligen Hallen. Aber man wird ja klüger, die Absätze flacher und die Bequemlichkeit größer.
Riesige Hallen, gefilterte Luft, die die Kontaktlinsen zum Toben bringt, überteuerte Brezeln ... Warum das alles immer wieder? Doch nicht wegen der albernen Goodie-Tüten. Wer braucht schon den trölfzigsten Kuli und einen Klebezettelblock mit neckischen Sprüchlein wie „Achtung, lesen gefährdet die Dummheit.“
Was soll’s, ist halt so in der Branche. Sehen und gesehen werden. Beim Umstieg in den ICE decke ich mich mit billigeren Brezeln und einem Milchkaffee ein, und weiter geht es nach Mainhattan, das nun ganz im Zeichen Gutenbergs steht.
Und schon geht es los, kaum dass ich beim Messeeingang meine Jacke abgegeben habe. Was gar nicht so einfach ist, weil scharenweise Cosplayer ihr umfangreiches Gepäck verstauen lassen. Ich sehe schon, wie ich in den engen Gängen auf Reifröcke trete und an Dark-Angel-Flügeln von immenser Spannweite hängenbleibe, während ich zum Termin haste. Herrje, können die Leutchen nicht einfach in der Comicabteilung bleiben?!
Dann passiert es. Lächeln anknipsen, jemand kommt auf mich zugeflattert. „Ach nein, du auch hier, ach wie schön. Bussibussi, ja man sieht sich, wir bleiben im Kontakt.“ Der Tanz hat begonnen.
Ich gönne mir erst mal einen Espresso. Muss man den Messecafés lassen, der Espresso hier ist echt unschlagbar. Fast so gut wie meiner zu Hause. Dann lasse ich mich einfach treiben, zum Glück hab ich meine Termine weitläufig gestreut. Schaue hier, schaue da ... Oha, der Veranstaltungskalender eines großen Publikumsverlags: Nein, ist nicht wahr, DER Autor signiert hier jetzt? Okay, kann ich ein Buch zum Signieren kaufen? Ja? Suuuuper! Ja, bitte mit Widmung, tausend Dank!
Weiter geht es. Ich lande in einer Podiumsdiskussion, wo eine überdrehte Musiksendermoderatorin seltsame Genderthesen vertritt. Ach, eigentlich ganz lustig, kann man mal bleiben. Wobei ... huch, das da drüben sind ja witzige Kulis, darf ich einen mitnehmen? Ja cool, und Haftnotizen kann man immer gebrauchen. Ach, auch noch nett mit Zitaten gestaltet. Wer hat jemals gesagt, Messegoodies seien doof? Gibt ja die verschiedensten Ansichten dazu.
Mittagspause auf der Agora. Ich mampfe meine mitgebrachte Brezel und schaue den Cosplayern zu. Irre, was für Mühe die sich machen mit ihren Kostümen und dem Make-up. Würde ich ja nie so hinkriegen. Hübsch sieht das alles aus. Aber Momentchen, ist das nicht ...? Jau, eine ganz liebe Bekannte von mir, wir arbeiten doch schon ewig zusammen. „Komm, setz dich, ich hab noch ’ne zweite Brezel, fühl dich eingeladen. Nachher Espresso? Mensch, toll, dich zu treffen. Erzähl mal, was tun die Projekte?“
Ein paar geschäftliche Termine, man mailt ja sonst nur. Nett, die Leute endlich mal wieder live zu sehen, hat man ja nur einmal im Jahr. Ob ich gern etwas trinken möchte? Ein Wasser wäre prima, die Luft in den Messehallen, kennt man ja ...
Der Nachmittag verstreicht, und gegen Messeschluss treffe ich bei meinem Leib-und-Seele-Verlag viele meiner Kontakte. Wie jedes Jahr, darauf kann man sich echt freuen. Schon drückt mir jemand einen Prosecco in die Hand, Stößchen Stößchen, plingpling. Ein Selfie für FB? Klar doch, immer wieder gern.

Viel zu schnell vergeht die Zeit, die Rückfahrt dräut am Horizont. Nein, wie schade, war doch gerade so nett. Aber wir bleiben in Kontakt, ja? Klar, und ganz bestimmt bis zur nächsten Buchmesse!



Die Schreibmeer-Kolumne. Einmal im Monat dürfen unsere Autoren unter diesem Deckmantel aus den Tiefen des Schreibmeers blubbern.

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