Mittwoch, 12. Oktober 2016

Von Cosplay bis zur Selbstrecherche am eigenen Leib – Wenn Autoren in die Rolle ihrer Protagonisten schlüpfen

Was tut man nicht alles, um sich seinem Protagonisten näher zu wähnen und zu fühlen und zu begreifen, was er fühlt, wenn man ihn leiden lässt? Und steckt nicht in jedem von uns ein Stück unserer Protagonisten? Ich habe mich ein wenig unter Autoren umgehört und dabei die wunderlichsten Dinge zutage gefördert, wobei ich mich selbst alles andere als davon freisprechen kann.





Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich euch zwei prominente Beispiele näherbringen:

Zum einen wäre da Karl May, über dessen Obsession zu seinem Self-Insert Old Shatterhand ich euch bereits in meinem Artikel zum Traummonat Februar berichtet habe. Das ging so weit, dass er irgendwann nicht mehr zwischen sich und seinem Protagonisten unterscheiden konnte. Er behauptete, selbst Old Shatterhand zu sein und die Abenteuer in seinen Romanen selbst erlebt zu haben. Er ließ sich die Gewehre seiner Romanhelden anfertigen und beantwortete Leserbriefe als Old Shatterhand, nachdem seine Verleger anfingen, seine Behauptungen aus Marketing-Gründen zu unterstützen.

Ein weiteres, wenn auch fiktives Beispiel, ist Prof. Dr. Knobel aus dem Satirefilm Schtonk! aus dem Jahr 1992. In diesem Film geht es um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Knobel ist ein Fälscher, der nicht nur die besagten Tagebücher fälscht, sondern auch geforderte Vergleichsdokumente. Im Laufe des Films verwandelt sich sein Äußeres mehr und mehr zu dem Hitlers und er fängt an, wie dieser zu sprechen. Seine eigenen, trivialen Erlebnisse baut er in seine Geschichten ein, bis Autor und Protagonist nahezu zu einer Einheit verschmelzen. Und auch wenn es eine Satire ist, so zeigt diese sehr anschaulich, was geschehen kann, wenn man sich zu sehr in seine Figuren hineinsteigert.

Dies sind jedoch Extreme, die mit starkem Realitätsverlust einhergehen, der alles andere als gesund ist. Die Wirklichkeit ist oft weitaus weniger spektakulär, wenn auch kurioser, als man vielleicht meinen könnte.

Es gibt verschiedene Ausprägungen, wie man sich seinem Protagonisten näher fühlen kann, und diese haben völlig unterschiedliche Bedeutungen – je nachdem, was man mit ihnen bezwecken will.


Veränderungen der eigenen Persönlichkeit

Die intensive Beschäftigung mit der eigenen Hauptfigur über einen längeren Zeitraum kann dazu führen, dass man ihr unbewusst ähnlicher wird. Ganz besonders dann, wenn man sich sehr mit dieser Figur identifiziert. Das kann alles betreffen von Sprech- & Verhaltensweisen, Macken und charakteristischen Merkmalen der Figur, bis zu einem anderen Musikgeschmack.

In den seltensten Fällen ist das als Realitätsverlust zu werten. Einiges davon geschieht, um sich in die Figur hineinzuversetzen und sie authentischer zu schreiben. So hat zum Beispiel James Dean bei den Dreharbeiten zu „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ außerhalb der Dreharbeiten andauernd Streit mit seinem Filmvater angezettelt, wodurch die entsprechenden Szenen im Film authentischer wirkten. Ähnlich funktioniert dies auch beim Schreiben (siehe „Method Writing“).

Veränderungen können jedoch auch dauerhaft und positiv sein. Denn indem man sich mit einer Figur intensiv auseinandersetzt, reflektiert man zugleich auch die eigene Persönlichkeit. Man erkennt Schwächen und Fehler und adaptiert darüber vielleicht sogar allmählich die Stärken und Kompetenzen des Protagonisten. Da in unseren Figuren auch immer etwas von uns selbst steckt, wäre dies als Selbstfindung – einer Reise zu sich selbst zu werten, wodurch man nicht nur als Autor, sondern auch als Mensch profitiert. Und wer weiß, vielleicht entdeckt man über seinen Protagonisten die neue Lieblingsband?

Gefährlich wird es erst dann, wenn dies mit Realitätsverlust einhergeht oder man Charakterzüge übernimmt, die sich destruktiv gegen einen selbst oder gegen andere richten.

Tatsächlich hat meine Umfrage hier nur sehr wenig ergeben. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich jedoch beisteuern, dass ich diese Erfahrung mit der Protagonistin meiner Fanfictions gemacht habe. Wir waren uns schon sehr ähnlich, als ich die Bücher gelesen habe. Doch durch die intensive Auseinandersetzung mit ihr, die nun schon sieben Jahre andauert, hat sie mich verändert, wofür ich sehr dankbar bin. Denn sie hat mich unter anderem stärker und mutiger gemacht. Im Gegenzug habe ich ihr einige meiner Eigenschaften mitgegeben, die ihre Figur in meinen Augen ergänzen und weiterentwickeln.

Und das halte ich daher gar nicht für so unrealistisch, wenn man entsprechend viel Zeit mit seinen Figuren verbringt. Denn Romanhelden enthalten oft einen Abdruck unserer Persönlichkeit und stellen etwas von dem dar, das wir selbst gerne wären. Sie können uns nicht nur als Leser ein Vorbild sein, sondern auch dem Autor, der sie erschafft.


Optische Veränderungen und Cosplay

Manche Autoren gleichen sich in Haarfarbe, Frisur, Kleidungsstil, Tattoos oder Piercings ihren Figuren an. Je nachdem, in welcher Welt die Figur lebt und was sie dabei am Leib trägt, muss man hier auf Cosplay ausweichen. Denn wer will schon den ganzen Tag mit Korsett und Reifrock oder im Lederbikini durch die Gegend laufen – zumal das bei den meisten Arbeitgebern Schwierigkeiten machen würde. Allerdings muss man nicht in einer schwarzen Robe herumlaufen, um sich wie die eigene Hauptfigur zu fühlen, schwarze Kleidung tut es auch. Und aus persönlicher Erfahrung kann ich euch sagen, dass dies ein ziemlicher Inspirations- und Gute-Laune-Booster ist. Tatsächlich habe ich schon vorher häufig schwarz getragen. Durch meine Protagonistin fühlt es sich jedoch noch einmal anders an. Auch habe ich mir vor einem Jahr dieselbe Tätowierung stechen lassen, die meine sie im Laufe meiner Geschichten erhält. Allerdings weniger aus Gründen der Identifikation mit meiner Hauptfigur, sondern weil das Symbol für mich eine persönliche Bedeutung hat.

Optische Veränderungen können Recherche am eigenen Leib sein, wozu ich gleich noch mehr erzähle. Doch diese können ebenso eine neuentdeckte persönliche Vorliebe sein oder einfach nur aus großer Begeisterung für den eigenen Romanhelden resultieren. Sie müssen nicht einmal von Realitätsverlust zeugen. In den meisten, unspektakulären Fällen bedeuten sie schlichtweg, dass wir uns mit dem identifizieren, das wir lieben und diese Botschaft in die Welt hinaus tragen wollen.

Cosplay hat in erster Linie den Charakter einer spaßbringenden Tätigkeit. Hier und da wird es jedoch auch von Autoren zu Marketing-Zwecken eingesetzt. Denn Fotos im Steampunk-, Mittelalter- oder LARP-Kostüm eignen sich hervorragend, um den eigenen Roman zu promoten und seine Autorenmarke zu etablieren.

Dennoch gilt auch für Cosplay: Sich für ein paar Stunden in die Gewandung des Romanhelden zu hüllen, macht nicht nur Spaß, sondern ist zugleich auch unheimlich inspirierend.


Recherche am eigenen Leib

Nach dem Realitätsverlust wohl eine der extremeren Formen, je nachdem, was autor recherchiert. Und natürlich frei nach dem Prinzip „Schreibe über das, was du selbst erlebt hast“.

Tatsächlich kamen hier die ’dunkelsten’ Autorengeheimnisse ans Licht. Da testet doch manch einer verschiedene Bissstärken am eigenen Unterarm aus, weil er für eine Geschichte recherchiert, die in Richtung Kannibalismus geht. Zum Glück hat die Person es ohne Blut und bleibende Schäden überstanden.

Zu den wohl eher ’harmloseren’ Selbstrecherchen zählen Tattoos und Piercings, wenn man herausfinden möchte, wie sich das anfühlt und abheilt, wobei dies zugleich mit optischer Anpassung an den Protagonisten oder persönlichem Geschmack einhergehen kann. Ich fand heraus, dass manche Autoren sich harten Alkohol über eine Wunde schütten, um herauszufinden, wie es dem eigenen Helden damit ergeht. Andere registrieren sich in einem sozialen Netzwerk und werden dort aktiv, weil die eigenen Figuren sich dort tummeln und man verstehen will, wie ein solches Netzwerk funktioniert und welche Auswirkungen es auf einen selbst als User hat. Wobei halt! - Soziale Netzwerke sind das Werkzeug des Bösen, denn sie fressen Zeit und machen süchtig. Also vielleicht doch keine so ganz harmlose Recherche?

Wieder andere nehmen Kontakt zu alten Bekannten auf, um deren Reaktion herauszufinden, um dies dann im eigenen Roman zu verwenden. Ein Autor hat mir sogar berichtet, sich einmal selbst ein Tattoo auf die altertümliche Weise gemacht zu haben. Sprich: Haut aufritzen und Asche reinstreuen. Und er hat mir berichtet, dass es nicht lange gehalten hat, wohl weil er nicht tief genug geritzt hat.

Doch selbst hier ist das meiste, was ich über meine Umfrage herausfand, eher unspektakulär. Eine Autorin lernte für eine geplante Figur Brettchenweben, eine andere beschäftigte sich intensiv mit Enneagrammen. Wieder andere bereisen die Orte, an denen ihre Geschichten spielen, um Inspiration zu sammeln oder in die Rolle ihrer Heldin zu schlüpfen – insbesondere dann, wenn es mit Cosplay verbunden ist, ist dies eine wundervolle Sache.

Häufig werden auch Gerichte aus den eigenen Romanen nachgekocht, um Geschmack und Geruch zu beschreiben. Oder es wird an Mülltonnen im Hochsommer geschnüffelt. Oder in einem schwarzen Cape herumgelaufen, um zu wissen, wie das so ist. Eine Autorin berichtete sie mir, dass sie ihre Garderobe danach einteilt, was welche ihrer Figuren tragen würde, und sich daraus hin und wieder ein Outfit kombiniert.

Gefährlicher wird es hingegen, wenn Alkohol und Drogen ausprobiert werden. Exzessives Trinken oder Kiffen sorgt zweifelsohne für Grenzerfahrungen, die man in den eigenen Geschichten unterbringen kann, ist aber nicht unbedingt empfehlenswert.

Sich Verletzungen zuzufügen, um den Schmerz nachzuempfinden, oder sich in seinem Äußeren des eigenen Protagonisten anzugleichen, wird häufig abgelehnt, weil es als zu extrem erscheint.

Ich selbst muss gestehen, in dieser Hinsicht eher unerfahren zu sein, weil für mich Tätowierungen und Kleidungsstil nicht unter Selbstrecherche fallen. Nein halt – war da nicht einmal diese Geschichte mit einer Reitgerte und meinem Schienbein, weil ich wissen wollte, wie weh das tut, wenn man damit richtig feste zuschlägt? Und ich kann euch sagen: Es tut verdammt weh! Und zum Glück war es im Winter. Denn man sah den Abdruck ziemlich lange.

Autoren machen zuweilen die verrücktesten Dinge – sei es, um Inspiration zu bekommen, sich den eigenen Figuren näher zu fühlen oder um etwas besser nachzuempfinden. Und manchmal tun sie es aus Marketing-Zwecken. Manche Veränderungen bei einem persönlich ergeben sich durch langfristige, intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Figuren und vielleicht nicht einmal bewusst. Nichts davon ist gefährlich, solange es nicht zu Realitätsverlust führt oder (selbst)destruktive Züge annimmt. Tatsächlich machen diese Dinge Spaß, inspirieren und führen sogar dazu, dass wir uns weiterentwickeln.

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Zum Weiterlesen:





Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.



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