Samstag, 29. Oktober 2016

Eine kunstgeschichtliche Reise #5: Friedhöfe und Gärten

Herzlich Willkommen im Herbst und zu einer neuen Ausgabe der „kunstgeschichtlichen Reise“. Bevor ich mit den nächsten Objekten fortfahre, möchte ich auf einen Kommentar eingehen, der mir unter meinen Artikeln geschrieben wurde. Vielen Dank! Ich finde es wichtig, dass ihr als Leser eure Meinung sagt und meine Artikel ergänzt. So sehr ich mich bemühe, kann auch mal ein Aspekt untergehen und dann brauche ich euch – so wie im folgenden Beispiel.

Unsere Leserin nikeleonhard hat mit einem sehr wichtigen Gedankengang den Artikel zu Kunst- und Architekturbeschreibungen ergänzt. Sie verweist auf den Protagonisten. Fachliche Beschreibungen seien schön und gut, doch nütze es alles nichts, wenn die Verbindung zur Person fehlt, welche das Bauwerk oder das Objekt betrachtet. Man solle immer aus dem Blick des Protagonisten beschreiben.
Damit hast sie einen sehr wichtigen Punkt angesprochen, den ich an dieser Stelle noch einmal betonen möchte. Diese Artikelreihe soll euch nicht zu Kunsthistorikern machen. Sie soll eine Hilfe sein, die Bauten einzuordnen und von deren Eigenschaften aus eine Formulierung für eure Geschichte zu finden – eine Recherchegrundlage. Hierbei solltet ihr nicht mit eurem Fachwissen jedes Detail beschreiben, sondern euch in euren Protagonisten hineinversetzen. Der Leser sollte schließlich erfahren, wie euer Protagonist die Kirche oder das Schloss sieht. Er sieht in der Flucht vor einem Gewitter vielleicht nicht gerade die Spitzbogenfenster mit dem reichverzierten Glas der Kirche, sondern freut sich einfach, dass die Holztür noch offen ist. Dies gilt für alles in eurer Geschichte: Für Gebäude ebenso, wie für Landschaften. Für jeden Charakter ist etwas anderes in bestimmten Situationen wichtig, und entsprechend solltet ihr auch beschreiben.




Mit diesen Gedanken im Hinterkopf widme ich diesen Artikel – passend zu Halloween - den Friedhöfen und Gärten. Auch wenn ihr bei dem Wort Garten vielleicht erst einmal nur an den Schrebergarten von Oma und Opa oder an den Schlossgarten denkt und euch fragt, was das Ganze mit Friedhöfen zu tun hat, so gibt es doch einige Gemeinsamkeiten. Diese und auch die Unterschiede möchte ich euch in diesem Artikel näher bringen.


Friedhof
Garten

1. Begriff klären

Unter dem Begriff „Garten“ fallen sowohl einfache Schrebergärten, in denen man Blumen, Obst und Gemüse anpflanzen kann, als auch großzügige Schlossgärten und weitläufige Parkanlagen. Letztere sind kunstgeschichtlich bedeutsam.

Ein „Friedhof“ hingegen wird als ein Ort, an dem Verstorbene bestattet werden, definiert. Das Wort „Friedhof“ leitet sich ursprünglich vom althochdeutschen „frithof“ ab, der Bezeichnung für den eingefriedeten Bereich um eine Kirche. Im Mittelalter waren Friedhöfe direkt an den Kirchen zu finden. Mit den aufkommenden Seuchen und Kriegen wurde der Platz allerdings bald zu klein, so dass man zumeist außerhalb der Stadt Friedhöfe anlegte. Schon in der Renaissance waren solche Friedhofsfelder in das Stadtbild integriert. Aber was hat ein Friedhof nun mit einem Garten zu tun?
Die Friedhöfe entwickelten sich im Laufe der Zeit zu großen Komplexen. Die Toten fanden zwischen Bäumen und Wiesen ihre letzte Ruhestätte.
Heute gelten Friedhöfe ebenso als Herberge für die heimische Flora und Fauna und sind sogar geschützt. In Hamburg oder Wien haben Friedhöfe solche Ausmaße angenommen, dass selbst Rehe und andere Wildtiere zwischen liebevoll verzierten Grabstätten Unterschlupf finden und gut leben können. Auch in den Schlossgärten und Parkanlagen sind Gräber und Statuen zu finden.
Hier sind wir wieder beim Thema Kunstgeschichte. Friedhöfe und Gärten sind reich an Kleinarchitekturen, wie Kirchen oder Kapellen, Skulpturen in Formen von Engeln oder einfachen Grabsteinen. Ihr kennt sicher die schönen Christusfiguren, die schützend ihre Arme über ein Grab ausstrecken oder die Skulptur einer griechischen Gottheit in einem Schlossgarten? Dies sind alles kunstgeschichtliche Objekte und mit diesem Artikel möchte ich euch eine Möglichkeit aufzeigen, damit umzugehen.


2. Rolle des Friedhofs/Gartens

Da Halloween vor der Tür steht, werde ich meine Beispiele auf den Friedhof beziehen. Mit Gärten und ihren Gebäuden und Skulpturen könnt ihr aber genauso verfahren. Meine kleinen Beispiele werden auf dem Wiener Zentralfriedhof spielen. Dieser Friedhof ist so groß (2,5 km²), dass man mit dem Bus über den Friedhof fahren kann und sogar Museen auf der Fläche Platz finden.


3. Grundaufbau und Bestandteile

Ein Friedhof besitzt eine Einfriedung, zumeist in Form einer Mauer und eine kleine Kapelle für die Bestattungen. Natürlich dürfen die ganzen Grabsteine nicht fehlen. Diese können ein einfacher Stein, ein Kreuz oder eine Skulptur sein. Es hängt ganz davon ab, wer dort begraben liegt und wie die finanziellen Möglichkeiten sind. Auf größeren Friedhöfen sind dann auch Krematorien, größere Kirchen oder diverse Schmuckelemente mit angegliedert.

Der Wiener Friedhof ist in viele kleine Bereiche und Gräberfelder unterteilt. Es gibt einen Park der Ruhe, alte verwilderte jüdische Friedhöfe und Aufbahrungshallen, in denen das Bestattungsmuseum untergebracht ist. Ein großer Kirchenbau mit Kuppeldach bildet den zentralen Punkt. In den vielen Abteilungen sind die unterschiedlichsten Glaubensrichtungen untergebracht. Dementsprechend gibt es dort Kleinstarchitekturen oder Grabsteine.

Bei einem Schlossgarten oder Park kann es ähnlich sein. Natürlich gibt es nicht so viele Gräber und die Kirche wird meist durch ein Schloss oder Herrenhaus ersetzt, jedoch finden wir auch hier Skulpturen, kleine Tempel, Grotten und Kapellen in eine weitläufige Landschaft integriert. (Die Beschreibung eines reichverzierten Parks findet ihr in meinem letzten Artikel über Schlösser und Burgen)


Wiener Zentralfriedhof


4. Am Rande des Geschehens

Auf dem Wiener Zentralfriedhof gibt es so viel zu sehen, dass man einen ganzen Tag dort verbringen könnte. Einheimische und Touristen strömen gleichermaßen auf das Areal. Am Tage nach Halloween feiern die Wiener ihre Toten, besuchen ihre Angehörigen und machen daraus eine Art Fest. Die Wiener haben eine Besondere Beziehung zu ihren Verstorbenen und zum Bestattungswesen. Aber was passiert wohl in der Nacht vor dem großen Fest – an Halloween?



Die drei Schulfreunde Sam, Tina und Ralf beugten sich kichernd über einen Zeitungsartikel. Das dazugehörige Foto zeigte den Zentralfriedhof, zwischen dessen Gräberfelder eine Kutsche zu fahren schien.
„Habt ihr gehört: Am 31. Oktober werden jetzt Nachtführungen über den Friedhof angeboten“, sagte Sam belustigt. Anscheinend wurden immer wieder neue Dinge entwickelt, um den Touristen das Geld abzuknöpfen.
„Also ich finde das cool“, gestand Ralf und deutete auf ein weiteres Foto von einem Grab, welches nur von Kerzen beleuchtet wurde.
„Was ist denn daran cool, wenn eine Horde von Touristen plappernd über den Friedhof trampelt? Die stören uns doch nur bei unserer Halloweenfeier“, sagte Tina besorgt, schließlich könnte man sie erwischen. Sonst gab es nur die Security, die immer mal ihren Rundgang machte.
„Schon. Aber der Friedhof ist doch so weitläufg … wir finden sicher etwas, um uns zu verstecken.“ Sam sah das ganze auch nicht so eng.
„Warum sollten wir uns verstecken. Wir waren schließlich zuerst da“, meinte Ralf trotzig. „Wir sollten sie verjagen.“
„Und wie stellen wir das an?“
„Ganz einfach, liebe Tina. Auf dem Friedhof spukt es doch!“, sagte Ralf verschwörerisch.
„Aaaah!“ Die drei steckten die Köpfe noch enger zusammen.
„Wir sind also die Geister und vertreiben sie?“, fragte Sam.
„Genau!“ Ralf grinste. „Wir kennen uns so gut aus. Wir führen sie an der Nase herum. Diese Nacht werden sie sicher nicht so schnell vergessen.“
...
Sam, Tina und Ralf wollen also die Touristen erschrecken. In dieser Szene wird zwar auf zwei Fotos vom Friedhof verwiesen, jedoch beschreiben dieses Mal die Worte der Teenager den Ort. Der Friedhof ist groß und muss wohl etwas Besonderes an sich haben, wenn Touristen ein großes Interesse daran hegen. Auch Worte kreieren Bilder. Wenn eure Charaktere den Ort mit ihren Worten beschreiben, so habt ihr definitiv den Blick eures Protagonisten gut eingefangen.


5. Einordnung in die Geschichte

Unsere drei Freunde planen also ein wenig Schabernack zu Halloween auf dem Zentralfriedhof. Hierbei solltet ihr bei euren Beschreibungen bedenken, dass der Ort in der Nacht anders wirkt, als tagsüber, dass man bei Dunkelheit automatisch etwas aufmerksamer und zugleich schreckhafter wird. Meiner Meinung nach hat auch die Dunkelheit Einfluss auf eure Beschreibungen. Egal, wie gut ihr euch auskennt, viele Details sind auf einem schwach beleuchteten Friedhof nicht zu erkennen.


Bildquelle: Zentralfriedhof Wien


6. Objekt ausführlich beschreiben und in die Szene einbauen

Es ist die Nacht der Nächte: Halloween. Es ist schon lange Sperrstunde, außer für die Touristen, die eine Nachtwanderung gebucht haben. Auch unsere drei Freunde haben einen Weg hinein gefunden und lauern den Ahnungslosen nun auf.

Fackeln, Kerzen und Laternen beleuchteten ihren Weg, leicht verschwommen durch den aufziehenden Nebel. Die Stille der Nacht wurde nur durch die ferne Stimme des Wanderführers gestört.
„Der Friedhof hat schon über 100 Winter erlebt“, äffte Ralf den ahnungslosen Mann nach. Die drei Schüler hockten am Rande des Parks der Ruhe und Kraft am Steintor des Ausgangs und verfolgten den Weg der Touristengruppe. In ihren dunklen Umhängen verschmolzen sie mit der Dunkelheit. Nur die Taschenlampen ihrer Smartphones verrieten ihren Standort. Jedoch war die Gruppe zu sehr damit beschäftigt, den Worten ihres Führers zu lauschen.
„Ach Ralf.“ Tina stupste ihn an. „Du weißt wie reizvoll der Friedhof ist.“
„Natürlich. Deswegen bin ich ja hier.“ Ralf zog die Kapuze über den Kopf. „Los, kommt. Operation Touristenschreck hat begonnen.“

Die zwei Mädels taten es ihm gleich. Sie setzten sich vorsichtig in Bewegung. Auch wenn sie sich ein wenig auskannten, so war ihr Blickfeld doch eingeschränkt. Ihre Schritte knirschten auf dem Kiesweg.
„Das wird ein Spaß“, flüsterte Ralf. „Wir machen Tiergeräusche und Lichtzeichen. Am besten wir verteilen uns...“ Ralf ließ seine Begleiterinnen an seinen Ideen teilhaben. „Tina, du gehst zum Friedwald und Sam, du gehst zum alten jüdischen Friedhof.“ Er hatte den Plan des Friedhofes im Kopf. Diese Grünflächen sollten auf der Wanderroute der Touristen liegen. Gerade zum jüdischen Friedhof gab es allerhand zu erzählen. Ralf war so in Gedanken, dass er nicht bemerkte, dass nur noch seine eigenen Schritte zu hören waren. „Also auf geht’s.“ Ralf drehte sich zu seinen Begleiterinnen um.

Doch hinter ihm war niemand. Hinter ihm lag im leichten Nebel einer der Hauptwege. Sämtliche Gräber, Bäume und Sträucher lagen vor ihm, wie in einem Scherenschnitt. Er war umgeben von einfachen schwarzen Konturen. Tina und Sam waren nicht da.
„Tina? Sam?“, rief Ralf so leise wie möglich. Um ihn blieb es stumm, außer das ferne Gemurmel der Touristen. Ralf lief zur nächsten Weggabelung zurück. „Tina? Sam?“ Er versuchte beide über Telefon zu erreichen. Jedoch blieb es jedes Mal am Ende der Leitung still.
Es raschelte hinter ihm. Er drehte sich erschrocken herum.
„Ist doch nur ein Tier!“, sagte Ralf sich selbst. „Sei nicht so schreckhaft.“ Es war für ihn unbegreiflich, wo seine Freundinnen abgeblieben waren. Schließlich sind sie kurz hinter ihm gelaufen. Er ging zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Der Torbogen zum Park der Ruhe lag verlassen da. Wieder sah er sich um. Irgendetwas war seltsam. Er fuhr mit seinem Fuß über den Boden. Irgendetwas lag vor ihm auf dem Boden. Er hielt die Taschenlampe etwas näher heran.
„Sam? Tina?“ Vor ihm auf dem Boden lagen die Umhänge der beiden Mädels, doch von Ihnen keine Spur. „So ein Mist.“ Er versuchte es wieder über das Telefon. Nichts.
Ein wenig ratlos, setzte er sich auf die Umhänge. Es war sicher das Beste, wenn er hier warten würde. Irgendwann würden die beiden sicher auftauchen. Was sollte hier schon passieren?
Ein Uhu machte auf sich aufmerksam und ließ Ralf erneut zusammenzucken. Immer wieder wanderte sein Blick aufs Telefon. Nichts.
Langsam wurde ihm kalt. Die Touristengruppe interessierte ihn nicht mehr. Er hörte sie auch nicht. Er saß alleine auf einem dunklen Friedhof. Die Luft war unangenehm kühl und feucht durch den Nebel. Er wollte auch nicht einfach nach Hause gehen. Das Areal war so groß. Keiner konnte wissen, was am anderen Ende des Friedhofes geschah.

Bei dem Gedanken bekam er eine Gänsehaut.

Wieder ein Geräusch. Dieses Mal war es länger zu hören. Er sprang auf. Es klang als bewegten sich Räder den Weg entlang. Im Schutz des Gebüschs versuchte Ralf auszumachen, woher das Geräusch kam. Es kam näher. Je näher es kam, desto deutlicher konnte er die Umrisse einer Kutsche erkennen. Zwei stattliche Pferde zogen die historische Kutsche, welche durch wenige Laternen beleuchtet wurde. Sie kam an seiner Position zum stehen. Zeitgleich klingelte sein Handy.
„Sam!“ Aufgeregt nahm er den Anruf an.
„Happy Halloween du Angeber. Komm steig auf!“
Verwirrt trat Ralf aus seinem Versteck.
„Sam? Ist Tina bei dir?“
Sie winkte ihm vom Kutschbock zu. „Bring doch bitte unsere Umhänge mit.“
Ralf wusste nicht, ob er erleichtert oder erbost sein soll. Seine Freundinnen hatten ihm offensichtlich einen Streich gespielt.
„Darüber reden wir noch!“ Er ging zur Kutsche und reichte Tina die Umhänge nach oben.
„Hallo Ralf!“ Nun wandte sich auch der Kutscher zu ihm. Der Schein der Kerze erhellte den Schatten unter seinem breitem Hut. Ein blanker Knochenschädel lächelte ihm zu. Ralfs Herz rutschte in die Hose.


Ja, da wurde der angeberische Ralf reingelegt.
Mit dieser Kurzgeschichte möchte ich euch abermals nahelegen, der Situation nach zu beschreiben. Ihr müsst bedenken, dass ihr kaum auf die wundervoll gestalteten Gräber achtet, wenn ihr eure Freunde sucht. Den Leser sollte es auch eher interessieren, wohin Sam und Tina verschwunden sind. Hätte ich die Nachtwanderung in einer Szene beschrieben, wäre ich nicht umhin gekommen, etwas mehr vom Friedhof zu beschreiben, vor allem, wenn der Führer die Gruppe auf etwas Bestimmtes aufmerksam macht.
Außerdem ist es Nacht. Und nachts sind bekanntlich alle Katzen grau.

Schreibaufgabe:
Schaut mal in folgende Dokumentation rein: Es lebe der Zentralfriedhof: https://www.youtube.com/watch?v=cYYpWyHEFj4

Sucht euch zwei oder drei Charaktere von euch aus und schickt sie auf den Friedhof. Beschreibt den Ort aus ihrer Sicht. Stellt ihr Unterschiede fest?

Viel Spaß!
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Zum Weiterlesen:



Fasziniert von der Welt, mit zu vielen Hobbys im Gepäck, versucht Anki ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Mit Worten, aber auch mit Foto und Design greift sie auch anderen gerne unter die Arme. Willkommen beim Zeitfänger!


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