Samstag, 24. September 2016

Die Aufklärung - Der Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Kant)

Die Aufklärung – Aufbruch, Neuordnung, Befreiung von zementierten Dogmen. Europa startet auf der Welle der lutherischen Reformationsbewegung in neue, freiheitliche Gefilde. Das Zeitalter von etwa 1650 bis 1800 ist geprägt von neuen Ideen, von Errungenschaften der Naturwissenschaft und von der Aufhebung philosophischer Denkverbote.



Politisch werden die Menschenrechte entdeckt, religiöse Toleranz wird zum Leitbild, innerhalb dessen „jeder nach seiner Fasson selig werden“ kann (Friedrich der Große). Die Wissenschaft prescht vorwärts und kann befreit von Dogmen und Verboten ihre neuen Errungenschaften feiern. Die Aufklärung ist eine Zeit des Neubeginns.

Dies nimmt natürlich starken Einfluss auf die Philosophie und die Künste. Kant formuliert seine „Kritik der reinen Vernunft“ und leitet eine Neuordnung der philosophischen Künste ein, die letztlich den Grundstein der säkularisierten Philosophie bildet. Nicht mehr die religiösen Paradigmen sind unverzichtbar für philosophische Überlegungen, sondern vor allem Logik und der eigene Verstand, wobei sich Religiosität und Aufklärung nicht gegenseitig ausschließen müssen, wie die Auswirkungen der Reformation beweisen.

Kurz: Es findet eine Bewegung der Denkbefreiung statt, innerhalb derer die Philosophie die Freiheit hat, sich neu zu verorten, wobei Rückbesinnungen auf die antiken Denker stattfinden und neue Ideen formuliert werden können. Politischer Gipfel der Epoche ist der Ausbruch der französischen Revolution mit ihren Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es entwickelt sich eine Loslösung vom bislang üblichen Gottesgnadentum, und die Grundlagen für die moderne Demokratie werden geschaffen.

(Dies kann natürlich nur ein kleiner Überblick über die wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung sein – für mehr Tiefenschärfe ist hier leider gerade nicht der richtige Ort ...)


Kunst und Literatur: Auf zu neuen Ufern!

Dies macht sich natürlich auch im Bereich der Künste und besonders der Literatur bemerkbar. Waren die Inhalte der Schriften bislang von strengen Schemen und klarer Moral geprägt, öffnen sich nun die unterschiedlichsten Möglichkeiten, und vielschichtige Stoffe werden in ihrer Mehrdeutigkeit behandelt. Das berühmteste Drama der Aufklärung ist sicherlich Lessings „Nathan der Weise“, dessen Ringparabel ein Paradebeispiel für die neue Toleranz wird. Nicht mehr klar definierte Grenzen zwischen „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „böse“ sind ausschlaggebend, sondern ein klares „sowohl als auch.“

Dieser Aufbruch lässt sich auch im bürgerlichen Trauerspiel erkennen, das in dieser Epoche recht populär wird und den Weg in die Empfindsamkeit und die Zeit des „Sturm und Drang“ ebnet. Hier wird das strenge Schema des Gefälles zwischen Adel und Bürgertum aufgebrochen und die festgefügten Standesprinzipien infrage gestellt. Zuvor war die Tragödie auf Handlungen innerhalb der Adelskreise begrenzt, nun aber nimmt das Bürgertum Einzug in die Dramen und wird innerhalb der Stücke problematisiert. Seinen Höhepunkt findet das bürgerliche Trauerspiel in Schillers „Kabale und Liebe“ (auf dem Startsprung in den Sturm und Drang), wo durch die Mesalliance zwischen dem Adeligen und der Bürgerlichen sämtliche Standesdünkel auf den Prüfstand gestellt werden. Dies mündet später in den „Sturm und Drang“, der die Standesgrenzen weiter aufzubrechen versucht und es plötzlich sogar möglich ist, der Obrigkeit den sprichwörtlichen Gruß des Götz von Berlichingen zu entbieten.

Also auch im Bereich des Dramas: Aufbruchstimmung – weg mit alten Zöpfen.


Manege frei für neue Genres!

Dieser Befreiungsschlag führt in der weiteren Folge später zu ganz neuen Genres, die sich weiterhin mit dem Niederreißen von Begrenzungen und dem Ausloten neuer Möglichkeiten beschäftigen. Man denke nur an die Dekadenzromane und die Schauerliteratur der folgenden Epochen, die ohne den Aufbruch in der Aufklärung vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre.


Und heute?

Was hat das allen nun mit der heutigen Literatur zu tun? Antwort: Nichts. Und alles. Denn die modernen Autoren sind die Erben und die Nutznießer dieser Bewegung. Der „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) strahlt bis heute und erlaubt den modernen Schriftstellern, sich frei von Dogmen und Normen künstlerisch auszuleben, neue Formen zu entdecken und auszuprobieren. Die heutigen Genres wären nicht so vielfältig und grenzenlos, wenn nicht unsere geistigen Vorfahren in der Zeit der Aufklärung für diesen großen Befreiungsschlag gesorgt hätten.


Und nur mal spaßeshalber angenommen, diesen Befreiungsschlag könnte man wiederholen ... Warum eigentlich nicht? Auch die heutigen Schriftsteller können sich ein Beispiel an ihren Vorfahren der Aufklärung nehmen und neue Ideen entwickeln, mit den Genregrenzen spielen und vorhandene Strukturen hinterfragen. Einfach den Mut haben, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien – und die Wörterwelt steht einem offen.

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Zum Weiterlesen:

Katrin schreibt nicht, sie lässt schreiben und verleiht als Lektorin den Texten den letzten Schliff. Was sie liest, rezensiert sie gern auf https://nowheremansbuecherschrank.wordpress.com/



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