Mittwoch, 3. August 2016

Was Bücher und Wein gemeinsam haben: Zielgruppendefinierung für Autoren

Stell dir vor, du bist Weinbauer und besitzt ein wunderschönes Weingut in Bordeaux. In ganz Frankreich bist du schon bekannt und dein Wein ist sehr beliebt, aber jetzt möchtest du über die Grenzen hinaus ausliefern. Du hast dir ein kleines Sümmchen für eine Reise zusammengelegt, auf der du deine Weine vorstellen möchtest und natürlich packst du nur die edelsten Tropfen ein. Du hast dir Flyer und auch eine richtig schicke Visitenkarte drucken lassen. Du hast dich für Deutschland entschieden, denn deiner Meinung nach trinken die Menschen dort zu viel Bier und zu wenig Wein. Deine Reise beginnt in Berlin.




Mit einem Taxi fährst du vor das prachtvolle Gebäude, du wirst von Mitarbeitern in weißer Kleidung begrüßt. Sie reden auf dich ein, doch du lässt dich nicht beirren – dein Wein wird sie schon überzeugen, denkst du und marschierst durch die Tür. Dort siehst du Menschen sitzen. Alle versammelt in einem Stuhlkreis, bereit, dir zuzuhören. Grinsend holst du die erste Flasche aus deinem Koffer und die eingefallenen Gesichter erhellen sich. Du beginnst zu erzählen und deine Weine anzupreisen. Deine Zuhörer rutschen unruhig auf ihren Stühlen umher, die Hände unter die Kniekehlen gepresst und weit nach vorn gebeugt. Sie können die Kostprobe gar nicht erwarten.

So, wie du als Weinbauer schon vor deiner Reiseplanung wissen solltest, dass du in einer Suchtklinik wahrscheinlich weniger erfolgreich und überhaupt nicht willkommen bist – wahrscheinlich wirst du spätestens von dem Klinikpersonal in weiß hinausgeworfen -, gilt das gleiche auch für dich als Autor. Du musst deine Zielgruppe kennen, um dein Buch erfolgreich zu vermarkten – besonders als Selfpublisher!

Wie du das genau machst, zeige ich dir in diesem Artikel, und es ist wirklich gar nicht schwer. Viel schwerer war es für mich, mir dieses Beispiel oben auszudenken, weil es so absurd ist, dass es hoffentlich niemand so machen wird. Als Autor hast du aber kein Klinikpersonal in weiß, das dich im letzten Moment von deiner schlechten Marketingstrategie abbringen kann. Dass du wenig erfolgreich warst, siehst du im dümmsten Fall erst auf deiner Tantiemenabrechnung.

Der frühstmögliche Zeitpunkt, dir Gedanken über deine Zielgruppe zu machen, ist, wenn du anfängst, deinen Roman (dein Sachbuch) zu planen. Die Zielgruppe kann für jedes Buch anders sein – besonders, wenn du in verschiedenen Genres schreibst -, also versuche, bei jedem Buch deine Zielgruppendefinierung zu überprüfen und gegebenenfalls minimal zu ändern. Weichen jedoch deine Zielgruppen bei jedem Buch zu weit voneinander ab, solltest du gegebenenfalls mit einem (offenen) Pseudonym arbeiten, um deine Bücher gezielter zu vermarkten.

Jetzt ist es natürlich schwierig, eine ganze Gruppe an Menschen zu definieren, die dein Buch lesen könnte, also reduzieren wir diese Gruppe auf eine einzige Person, die die für dich vorteilhaftesten Merkmale vereint. Versuche die Merkmale so speziell und konkret wie möglich zu benennen. Je verwaschener deine Zielgruppe ist, desto schlechter kannst du den einzelnen Leser ansprechen. Konzentrierst du dich jedoch auf einige wenige Merkmale, kannst du deine Marketingstrategie viel besser nach ihnen ausrichten. Außerdem ist es weniger gruselig, eine Person statt möglichen 1.000 und mehr Fans anzusprechen.

Hilfreich kann es sein, ein Buch zu finden, das deinem Buch ähnlich ist. Schau dir an, welche Menschen dieses Buch lesen, häufig bekommst du dann auch die Antworten auf die folgenden Fragen.


1. Welches Geschlecht sprichst du an?

Schon bei diesem Punkt tendieren viele Autoren gerne dazu, beide Geschlechter anzusprechen, um ihre Reichweite zu erhöhen. Mach dir jedoch klar, dass die Mehrheit der Leser weiblich ist, die Einteilung der Geschlechter aber je nach Genre variieren kann. Liebesromane werden eher von Frauen gelesen, Horrorsplatter-Romane vermutlich eher von Männern.

Weißt du, ob du Männer oder Frauen ansprechen willst, dann erleichtert es dir enorm die Frage, wie du mit deinen Lesern kommunzieren willst. Männer haben oft einen derberen Humor, Frauen sind dagegen für sinnliche Sprüche empfänglich.


2. Welches Alter hat deine Zielgruppe?

16-99. Mein Buch kann jeder lesen!

Ich weiß, dass du vermutlich gerne so auf diese Frage antworten möchtest. Es gibt ja auch viele Menschen jenseits der Teenagerjahre, die gerne Jugendbücher lesen. Das weiß ich, aber wenn du weißt, wie alt deine Zielgruppe ist, dann kannst du zum Beispiel einige Social-Media-Kanäle ausschließen. Wir haben alle mitbekommen, dass die Facebook-Community älter wird und dass die jüngeren Leute eher auf Snapchat und Co zu finden sind.

Je genauer du das Alter auf ein paar Jahre eingrenzen kannst, desto besser kannst du deine Marketingstrategie danach ausrichten. Du musst dich zum Beispiel nicht in zehn sozialen Netzwerken anmelden und diese regelmäßig bespielen, zwei oder drei, in die du deine gesamte Social-Media-Energie steckst, reichen aus.


3. Wie und wo lebt deine Zielgruppe? In welcher Gesellschaftsschicht findest du deine Zielgruppe?

Gefragt wird hier nach den Lebensumständen deiner Zielgruppe. Ist sie verheiratet, überzeugter Single … Welchen Beruf übt deine Zielgruppe aus, gehört sie der Mittelschicht oder sogar der Oberschicht an?

Du merkst, dass auch dieser Punkt gar nicht so uninteressant ist, denn je nach Lebensführung können sich auch die politischen Interessen der Personen unterscheiden, für die du schreibst. Außerdem kannst du sie thematisch gezielter ansprechen, wenn du auch hier ein klares Bild hast.


4. Welches Problem hat deine Zielgruppe? Warum liest deine Zielgruppe Bücher in diesem Genre?

Für Sachbuchautoren ist es noch viel wichtiger, diese Frage zu beantworten, als für Romanautoren, schließlich verkauft sich ein Produkt (Buch) nur, wenn es ein Problem löst. Doch auch als Romanautor kannst du mit deinem Buch ein Problem lösen.

Hast du einen Roman geschrieben, der die Flüchtlingskrise thematisiert, dann erreichst du besser Menschen damit, die sich von sich aus schon für das Thema interessieren, als Menschen, die gegen Flüchtlinge sind. Mit einem Liebesroman kannst du deiner Zielgruppe, die vielleicht in einer Beziehungskrise steckt, für eine gewisse Zeit eine Alternative zu ihrem Leben bieten und dadurch Trost schenken, weil du ihr zeigst, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. Mit einem Krimi kannst du die Lust am Miträtseln und -ermitteln stillen.

Es reicht nicht aus, wenn du mit deinem Roman nur unterhalten willst, denn das wollen alle Romanautoren. Denk daran: Du möchtest deine Zielgruppe möglichst genau eingrenzen.


5. Was ist das Lieblingsbuch/der Lieblingsautor deiner Zielgruppe?

Wie weiter oben schon angesprochen, erleichtert es dir, diese Fragen zu beantworten und eine Marketingstrategie zu entwickeln, wenn du weißt, welches Buch deinem ähnelt. Vielen Autoren fällt es schwer, ihr Buch überhaupt in ein Genre einzuordnen, weil sie glauben, sie haben etwas ganz Besonderes geschrieben. Meist mischen sich auch mehrere Genres. Versuche einfach, dich auf die zwei oder drei größten Genreanteile in deinem Roman zu beschränken.

Klar weiß ich, wie schwer es ist, seinen Roman einem Genre zuzuordnen, allerdings erleichtert es dir die Marketingarbeit enorm. Nicht umsonst gibt es beim großen A unter der Produktbeschreibung den Hinweis „Kunden, die sich für dieses Produkt interessierten, kauften auch ...“ Übrigens kannst du auch beim großen A in deinem Genre nach Büchern suchen, die deinem ähneln oder in verschiedenen Buchblogs, die in deinem Genre rezensieren.

Wenn du dir nicht sicher bist, in welchem Genre dein Buch spielt, dann schau dir doch einfach mal unseren Artikel zu den Literaturgenres an.

Unterscheidet sich das Lieblingsbuch deiner Zielgruppe zu stark von deinem Buch, dann solltest du noch mal überlegen, ob du an die richtige Zielgruppe denkst.

Aber auch den Lieblingsautor deiner Zielgruppe zu kennen, ist nicht unerheblich. Sehr viele Vorteile bietet es meiner Meinung nach, wenn dieser Lieblingsautor ein Selfpublisher ist. Besonders von dieser Autorenspezies kannst du sehr viel lernen, denn sie müssen Marketing betreiben. Da das meiste öffentlich zu sehen ist, hefte dich an diesen Lieblingsautor und lerne von ihm. Wenn du mit ihm in Kontakt getreten bist, kannst du ihn sicher auch fragen, wie er dies oder das genau angeht. Vergiss dabei bitte nicht, dass Selfpublisher oft mit Fragen überhäuft werden, die man sich leicht ergoogeln kann, außerdem haben sie nur begrenzt Zeit und können nicht auf alle Fragen ausführlich eingehen. Also: Sei höflich, gehe niemandem auf die Nerven und stelle konkrete Fragen, wenn du welche hast. Interagiere aber auch sonst mit diesem Autor! Niemand mag Parasiten ;-)


6. Wo findest du deine Zielgruppe?

Wie weiter oben schon angesprochen, ist es wesentlich effektiver, sich auf wenige Netzwerke zu beschränken, diese aber auch voll auszuschöpfen. Logischerweise solltest du die Netzwerke nutzen, in denen sich deine Zielgruppe aufhält.

Doch nicht nur online kannst du Leser finden, sondern auch offline, und damit meine ich nicht nur Buchmessen. Vielleicht kannst du Lesungen in verschiedenen Lokalitäten oder bei Events veranstalten. Spielt dein Liebesroman in Italien, könntest du vielleicht in einem italienischen Restaurant lesen, weil sich dort zumindest Liebhaber von italienischem Essen aufhalten werden. Hier kannst du richtig Kreativ werden.

Davon, einfach irgendwo Flyer und Visitenkarten zu hinterlassen, würde ich absehen. Mache auch offline gezielt auf dein Buch aufmerksam.


7. Warum gefällt deiner Zielgruppe dein Buch?

Die Auswahl an Büchern ist groß und auch in deinem Genre – wie du durch die Recherche zum Lieblingsbuch/-autor herausgefunden hast – gibt es eine riesige Auswahl, auch wenn du in einem Nieschengenre schreibst. Warum sollte sich der Leser also genau für dein Buch entscheiden, warum wird es ihm gefallen?

Begeisterte Fans von Harry Potter lieben es, in eine andere Welt entführt zu werden und warten auch heute noch auf den einen Brief, der sie nach Hogwarts und aus ihrem langweiligen Leben holt. In Shades of Grey lassen sie gemeinsam mit Ana ihren schmutzigsten Phantasien freien Lauf und hoffen, den verkorksten Christian zu einer romantischen Beziehung mit sich, überzeugen zu können.

Sei nicht der Weinbauer vom Anfang dieses Textes – mach dir Gedanken um deine Zielgruppe!

Jetzt!

Literatur:
Sei ganz du selbst – Branding für Autoren (Annika Bühnemann)

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Zum Weiterlesen:


Tinka Beere liebt es, in andere Welten einzutauchen, und schreibt Geschichten mit einem fantastischen Touch. Darüber hinaus begeistert sie der Austausch mit anderen Autoren, denen sie mit hilfreichen Tipps gerne zur Seite steht.

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