Mittwoch, 24. August 2016

Prologe schreiben

Prologe – die einen lieben sie, die anderen finden sie schlichtweg überflüssig. Wie Prologe gekonnt eingesetzt zu einem wichtigen und sinnvollen Element eines Romans werden und was es zu beachten gilt, damit sie nicht als überflüssig empfunden werden, werde ich euch in diesen Artikel ein wenig näherbringen.




Was genau ist ein Prolog überhaupt?

Der Prolog ist ein der Geschichte vorangestelltes Vorwort, das sowohl Teil der Geschichte als auch eine erläuternde Vorrede des Autors darstellen kann. Eine solche findet man in ausführlicher und ironischer bis selbstkritischer Form beispielsweise in den Romanen von Erich Kästner. Da Letzteres häufig auch unter dem Begriff ’Vorwort’ abgehandelt wird, möchte ich in diesem Artikel auf den erzähltechnischen Prolog eingehen.
 

Der Prolog im dramaturgischen Sinne

In klassischen Dramen finden sich verschiedene Verwendungszwecke des Prologs. Häufig dient er dabei als Erläuterung der Intention des Dramas. Die Handlung des Prologs führt dabei in die Thematik ein, wozu der Prolog inhaltlich jedoch nicht zwingend mit dem Stück selbst verbunden sein muss, sondern aus der Perspektive einer neutralen Person erzählt werden kann.
 

Bei Aristoteles ist der Prolog ein formaler Bestandteil der Tragödie, in dem die Schauspieler vor dem Einzug des Chors auftreten und in Sprechversen in die Geschichte einführen. In ihm werden Figuren, Ort und Zeit der Handlung definiert.
 

In Goethes Faust I führt der Prolog in das Thema des Dramas ein, ohne dass der Protagonist dafür auftreten muss: Gott und Teufel schließen eine Wette ab, ob es dem Teufel gelingt, Faust vom rechten Weg abzubringen, sofern Gott ihm freie Hand lässt. Auf diese Weise wird die Faust-Mephisto-Handlung auf elegante Weise ins Rollen gebracht, bevor Faust überhaupt seinen ersten Auftritt hat. So wird die Neugier geweckt, ob Mephisto erfolgreich sein wird und Faust, der im Folgenden zuweilen als arrogant und unsympathisch erscheint, wird zugleich als Spielball höherer Mächte dargestellt.
 

Berthold Brecht nutzte Prologe hingegen, um die Handlung zu relativieren und den Zuschauer zu desillusionieren, indem ein Bezug zur Wirklichkeit hergestellt wird.
 

(Quelle: Wikipedia)
 

Auch außerhalb der Literatur werden Prologe häufig und gerne verwendet. So findet sich der Prolog häufig in Fernsehserien dem Vorspann vorangestellt und stimmt auf das Thema der Episode ein, erzeugt Spannung oder sorgt, im Falle von Sitcoms, für Erheiterung. In der klassischen Musik stellt die Ouvertüre den Prolog des Stücks dar, auf Konzeptalben findet man zuweilen stattdessen ein Intro. Dieses kann sowohl musikalisch sein, als auch eine Sicht von außen darstellen (z.B. bei ’Epica’ von Kamelot, was übrigens eine Interpretation von Faust I ist, oder ’Metropolis Pt. II’ von Dream Theater, wo der Protagonist durch eine Regression geführt wird und den Zuhörer auf eine Reise in sein früheres Leben mitnimmt).

Möglichkeiten zur Umsetzung des Prologs

Im Folgenden werde ich auf verschiedene Ausprägungen des Prologs eingehen und erläutern, wie man diese beim Schreiben nutzen kann und was es dabei zu beachten gilt. Allgemein empfiehlt es sich, den Prolog möglichst kurz zu halten und somit vom ersten Kapitel abzugrenzen. Er sollte nicht mehr als eine kurze, subtile Einführung in die Geschichte sein. In einem kurzen Prolog kann man zudem mehr mit Spannungsaufbau arbeiten als in einem ausschweifenderen Text.


Der Vergangenheits-Prolog   

Für manche Arten von Geschichten bietet es sich an, den Prolog in einer Zeit weit vor der eigentlichen Handlung spielen zu lassen. Er kann traumatische Ereignisse in der Vergangenheit des Protagonisten beleuchten, die ihm während der Geschichte das Leben schwermachen und auf eine für die Handlung maßgebliche Weise beeinflussen. In Krimis und Thrillern kann er genutzt werden, um dem Leser die schwierige Kindheit des Mörders näherzubringen und damit Erklärungsmöglichkeiten für sein Verhalten liefern, oder um einen Cold Case zu beschreiben.

Der Vergangenheits-Prolog kann jedoch auch ein historisches Ereignis oder Unglück beschreiben, das für die gegenwärtige Handlung eine wichtige Rolle spielt.
 

Der Zukunfts-Prolog  
Der Zukunfts-Prolog dient dazu, Spannung zu erzeugen, indem er ein Stück der Handlung vorwegnimmt und auf dieses Ereignis hinarbeitet. Häufig stellt dieses Ereignis dabei einen Höhe- oder Wendepunkt in der Handlung dar.

Gekonnt eingesetzt ist diese Art von Prolog sinnvoll, um das Interesse des Lesers zu wecken, der herausfinden will, wie es dazu gekommen ist. Hier empfiehlt es sich, darauf zu achten, dass man nicht zu viel vorwegnimmt und den Leser langweilt.
 

Der fremd-perspektivische Prolog   
Hier wird ein Ereignis aus der Sicht einer Figur beschrieben, die in der eigentlichen Handlung nicht mehr vorkommt oder keine Erzählfigur ist. In Krimis bietet sich hier das Mordopfer an. Die Rolle dieser Figur sollte für die Handlung wichtig sein und im Laufe der Geschichte ersichtlich werden. Sofern sie in der späteren Handlung nicht mehr vorkommt, sollte sie an einem Ereignis teilnehmen, durch das die Handlung ins Rollen kommt, oder dieses beobachten. Andernfalls werden sich die Leser nach einigen Kapiteln irritiert fragen, was ihr Auftritt im Prolog sollte. Taucht die Figur innerhalb der Geschichte wieder auf, so solltet ihr aus demselben Grund nicht zu viele Kapitel damit warten.
 

Der mysteriöse Prolog   
Hier wird ein Ereignis beschrieben, das auf den ersten Blick nichts mit der Handlung zu tun hat, aber Spannung erzeugt und im Leser den Wunsch erregt, den Bezug zur Handlung zu ergründen. Dies kann zum Beispiel durch einen Mord geschehen oder auch ein völlig anderes Ereignis, das für die Geschichte wichtig ist. George R.R. Martin bringt in seinen Prologen von ’A Song Of Ice And Fire’ vorzugsweise eine Figur oder mehrere Figuren um, die man während des Prologs gerade kennenlernt. Erst im Laufe des Romans begreift der Leser, was es damit auf sich hat. So sterben gleich zu Beginn des ersten Bandes zwei Figuren auf mysteriöse Weise, während die dritte entkommt und im ersten Kapitel von Eddard Stark hingerichtet wird. Über die Umstände des Todes der beiden anderen erfährt man im Laufe des Buches mehr.

Der mysteriöse Prolog kann auch ein Zukunfts- oder Vergangenheits-Prolog oder ein fremd-perspektivischer sein.
 

Bei all diesen Möglichkeiten solltet ihr darauf achten, erste Hinweise auf den Bezug zur Handlung bereits in den ersten Kapiteln einzustreuen, da der Leser andernfalls das Interesse verliert, weil sich ihm der Sinn des Prologs nicht erschließt. Aus erzähltechnischer Sicht ist es zudem elegant, die Verknüpfung zwischen Prolog und Handlung nach und nach herzustellen und dem Leser einzelne Brotkrumen hinzulegen. 


Was sollte ein Prolog nicht sein?

Die Sinnhaftigkeit von Prologen ist unter Lesern und Autoren umstritten. Beim Recherchieren für diesen Artikel bin ich dabei auf einige Dinge gestoßen, die grundsätzlich unerwünscht sind und die aus erzähltechnischer Sicht in der heutigen Literatur ungeschickt sind.
 

So sollte der Prolog nicht dazu dienen, vergangene Ereignisse noch einmal zusammenzufassen. Wenn seit dem Vorgängerband einige Zeit verstrichen ist, stellt lieber ein ’Was bisher geschah’ voran, das die Handlung noch einmal zusammenfasst und von denen gelesen werden kann, die eine Zusammenfassung brauchen. Verkauft ihr die Zusammenfassung als Prolog, so lauft ihr Gefahr, die Erwartungen der Leser zu enttäuschen, die sich einen Appetithappen für die Geschichte erhofft haben. Anstatt die Zusammenfassung der bisherigen Handlung von der eigentlichen Geschichte klar abzugrenzen, könnt ihr diese auch innerhalb der ersten Kapitel häppchenweise einstreuen. Auf diese Weise überfordert ihr die Leser nicht. Hier bietet es sich an, aus der Sicht einer jeden Figur das zu beschreiben, was für diese wichtig ist.
 

Auch sollte der Prolog keine zu detaillierte Vorstellung/Charakterisierung einer oder mehrerer wichtiger Figuren oder des Settings sein. Was in den antiken Dramen und Theaterstücken der großen Dichter und Denker funktioniert hat, wird in der heutigen Literatur als langweilig empfunden, weil es dem Leser die Chance nimmt, die Figuren und das Setting im Laufe der Geschichte zu entdecken und kennenzulernen. Der Prolog sollte gerade so viel davon enthüllen, dass das Interesse des Lesers geweckt wird.
 

In diesem Zusammenhang möchte ich auch innere Monologe erwähnen. Innere Monologe können ein schönes Stilmittel sein, langweilen jedoch, wenn sie zu ausschweifend sind und der Leser zu der betreffenden Figur noch keine Beziehung aufbauen konnte.
 

Der Prolog sollte spannend sein, doch er sollte auch nicht zu viel Spannung aufbauen, die im Folgenden nicht gehalten werden kann. Es ist in Ordnung, den Prolog spannend zu gestalten und einen Teil dieser Spannung zum ersten Kapitel hin wieder herauszunehmen, um eine erste Einführung in die Figuren und die Handlung zu liefern. Allerdings solltet ihr diese Spannung schnell wieder aufbauen, damit der Leser euer Buch nicht gelangweilt beiseitelegt.
 

Auch ein Wechsel des Erzählstils von Prolog zu den Kapiteln kann irritierend wirken. Denn der Prolog vermittelt neben seiner eigentlichen Funktion einen ersten Eindruck vom Stil des Autors.
 

Last, but not least sollte der Prolog nicht zu lang sein und den Eindruck erwecken, eigentlich das erste Kapitel zu sein, zumal er damit an Spannung verliert.
 

Warum sind Prologe so unbeliebt?

Einen Prolog zu schreiben, bedeutet, auf subtile Weise in die Handlung einzuführen und dabei den Balanceakt zu meistern, weder zu viel vorwegzunehmen noch zu mysteriös zu sein. Gerne dient er auch zum Aufbau einer Grundspannung und soll Atmosphäre erzeugen. Ersteres langweilt den Leser, Letzteres frustriert ihn. Prologe werden dann als störend oder überflüssig empfunden, wenn das dem Autor nicht gelingt.
 

Ob Prologe als sinnvoll empfunden werden, liegt jedoch häufig auch im Geschmack des einzelnen Lesers begründet. Die einen rätseln gerne, was der Prolog mit der Handlung zu tun hat, oder fiebern nach dem Zukunfts-Prolog den Ereignissen entgegen, die dazu geführt haben, die anderen mögen genau das überhaupt nicht. Wieder andere bevorzugen einen spannenden Prolog, der Appetit auf die Handlung macht, und verzeihen dem Autor dann ausschweifendere Einführungen der Figuren und des Settings im ersten Kapitel, während eine weitere Fraktion von Lesern darüber enttäuscht ist, weil die Spannung nicht gehalten wird. In manchen dieser Fälle wird es euch nicht gelingen, die Leser zu überzeugen, egal wie geschickt und subtil ihr euren Prolog mit der Handlung verknüpft habt.
 

Als Autoren solltet ihr euch daher nicht für oder gegen einen Prolog entscheiden, um es den Lesern rechtzumachen, denn das wird euch sowieso niemals gelingen, oder weil irgendein Schreibratgeber behauptet, dass Prologe gut oder böse seien. Wenn ihr eine geniale Idee habt und euch die Umsetzung zutraut, dann schreibt euren Prolog. Wenn ihr bei der Überarbeitung eurer Rohfassung merkt, dass der Prolog doch nichts taugt, dann löscht ihn, schiebt ihn ins erste Kapitel, schreibt einen neuen, oder beginnt direkt mit dem ersten Kapitel. Nicht jede Geschichte braucht einen Prolog. Es liegt an euch, der Geschichte den Start zu geben, den sie verdient und der das Versprechen an den Inhalt gegenüber den Lesern halten kann.

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Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.
 





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