Montag, 1. August 2016

Kolumne: Der edle, gutaussehende Protagonist oder ein Plädoyer für die Normalität

„Der edle Ritter Kunibert mäht seine Feinde wie Stroh nieder und bekommt am Ende die schöne Waldtraud, schönste aller Frauen“ oder: „Das verkappte Mauerblümchen Melissa findet sich selbst und lebt mit dem wunderschönen und tollen Torben bis ans Ende ihrer Tage“; so oder so ähnlich kann man die Handlung vieler Bücher und Filme zusammenfassen. Auch wenn ich weiß, dass die Tendenz in eine andere Richtung geht, kommen mir noch viele solcher Werke unter die Augen, auch wenn die Idealisierung unter einem temporären Faktor, den ich gerne das „Mauerblümchensyndrom“ nenne, versteckt ist.




Autorenratgeber wie der von James N. Frey begründen das damit, dass der Leser keine „normalen“ Figuren will, denen er im Alltag begegnet, sondern etwas Besonderes und Vorbilder. Ich halte jedoch dagegen. Der Leser will meiner Meinung nach Hauptfiguren haben, mit denen er sich identifizieren kann, die einem zeigen, dass auch Menschen wie du und ich Monster schlachten oder den perfekten Partner finden können. Letztendlich nimmt man sich auch selbst als Autor die Möglichkeit, individuelle und interessante Charaktere zu entwickeln, wenn man nur das Bild des weißen Supermodels im Kopf hat.

Wo wir beim weißen Supermodel sind, möchte ich gerne noch einen kleinen sozialkritischen Diskurs starten. Dieses Aufbauen eines bestimmten Helden- oder Vorbildtypus führt meiner Meinung nach zu massiven Problemen. Da sich Figuren in Büchern und Filmen nicht an uns orientieren, gehen wir davon aus, dass die entworfenen Charaktere Vorbilder sind, denen es nachzueifern gilt. Das kann für einen Hang zur Magersucht bei den Lesern sorgen, zum Realitätsverlust oder zur unterbewussten Ausgrenzung oder Vorurteilen gegenüber bestimmten Personengruppen führen. Ja, vielleicht übertreibe ich an dieser Stelle ein bisschen, aber ich glaube auch nicht, dass ich komplett falsch liege.

Letztendlich will ich euch nicht die Freude an euren Helden nehmen, schließlich sind es eure Charaktere, aber ich möchte mit diesem Artikel dazu anregen, darüber nachzudenken, was ihr euren Lesern für Vorbilder gebt und inwiefern ihr auch einen Beitrag dazu leisten könnt, dass sich jeder in unserer Gesellschaft wertgeschätzt und ein bisschen besonders fühlt. Mal ganz davon abgesehen, dass viele Helden- und Prinzessinnenklischees (mögen sie noch so gut verpackt sein) ziemlich ausgelutscht sind ;-)

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Zum Weiterlesen:


Ben bloggt außerdem auf https://cheshirepunk.wordpress.com/

Kommentare:

  1. Prima! Genauso sehe ich das auch. Ich muss leider sagen, dass mich supertolle Protas, mit denen ich mich nicht identifizieren kann, demotivieren und mir die Lust am Lesen nehmen. Ich bevorzuge Bücher, in denen die Protagonisten "die Schnauze voll haben", wie bei Houellebecq oder die einfach stinknormale Menschen mit Problemen sind wie bei Stephen King. Leider sehen das viele Leser anders. Ich selbst habe noch nie ein Buch mit "unantastbaren" Protas ohne seelische Störungen geschrieben und werde das auch niemals tun.

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    1. Vielen Dank :-) Ja, ich mag auch die Antihelden wesentlich lieber ^^

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  2. Tolle Kolumne. Ich halte es genau so. Normale Figuren mit besonderen Träumen für normale Leser. Das inspiriert und kommt an.

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    1. Ja, ich frag mich auch, wer sich das mit diesen "übertriebenen" Charakteren ausgedacht hat. Vermutlich ist das so eine Küchenpsychologie, die sich aus den Erfolgstheorien um Illustrierte herausgebildet hat.

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