Samstag, 16. Juli 2016

Wie viele Erzählfiguren braucht eine Geschichte?

Heute möchte ich der Frage nachgehen, wie viele Erzählfiguren eine Geschichte haben sollte. Denn je nach Art der Geschichte und Absicht des Autors gibt es Unterschiede und einiges zu beachten.

Eine Geschichte sollte so viele Erzählfiguren haben, wie es braucht, um die Geschichte zu erzählen.

Aber wie viele sind das? Woran erkenne ich, wie viele ich brauche? Wann sind es zu viele? Und was muss ich bei mehreren Erzählfiguren beachten?

Diesen Fragen möchte ich heute nachgehen.




Die Art der Geschichte

Zunächst einmal hängt es davon ab, was für eine Geschichte ihr schreibt. Bei Geschichten, die sich ausschließlich um eine einzige Figur und ihre Charakterentwicklung drehen, würde ich euch dazu raten, diese auch nur aus der Perspektive dieser Figur zu schreiben. Andere Erzählperspektiven können zwar ein neues Licht auf die Figur werfen, aber auch stören. Dazu kommt, dass jede Erzählfigur ihre eigene Geschichte und ihr eigenes Innenleben hat, das erzählt werden möchte. Damit würde sich eure Geschichte entweder von eurer initialen Intention fortbewegen oder die zweite Erzählfigur müsste in seiner Entwicklung sehr flach gehalten werden, weil man ihn nur in Bezug auf den Protagonisten lesen soll. Eine flache und eine tiefgründige Erzählfigur zu haben, die sich abwechseln, ist jedoch unschön.

Geht es in eurer Geschichte um die Interaktion zweier Figuren, wie z.B. bei Freundschaftsgeschichten und Romanzen, so würde ich eher dazu tendieren, ihnen beiden gleich viel Raum und Tiefe in der Geschichte zu geben. Denn die Figuren werden miteinander in Konflikt geraten und ihre eigenen Probleme, die sie in die Interaktion hineintragen und sich auf die Entwicklung als Individuen und der Beziehung auswirken. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihr eine Romanze zwingend mit zwei Erzählfiguren schreiben müsst. Es hängt davon ab, bei welcher Figur euer Fokus liegt und was genau ihr erzählen wollt. Vielleicht wollt ihr lieber darüber schreiben, wie sich euer Protagonist nach der großen Liebe sehnt und welche Hürden er auf dem Weg dorthin überwinden muss. Vielleicht hat die Person, in die er verliebt ist, ein Geheimnis, das es zu lösen gilt, bevor sie ihr Glück finden.

Je komplexer die Geschichte ist und je mehr Schauplätze sie hat, desto mehr Erzählperspektiven braucht ihr. Pro Schauplatz sollte mindestens eine reguläre Erzählfigur vorhanden sein. Je nach Komplexität der Handlung an einem bestimmten Schauplatz werdet ihr weitere brauchen. Also auch Geschichten mit nur einem Schauplatz können von mehreren Erzählfiguren profitieren. Hinterfragt, wie viele Erzählfiguren ihr braucht, um die Geschichte zu erzählen, ohne dass sich Redundanzen ergeben. Wenn ihr euch nicht sicher seid, konzentriert euch lieber erst auf die Figuren, von denen ihr sicher wisst, dass ihr sie braucht und auf die ihr nicht verzichten wollt. Beim Schreiben werdet ihr feststellen, ob ihr weitere einführen müsst. Das kann dazu führen, dass ihr die Handlung ein wenig anpassen müsst, aber das bereitet häufig weniger Kopfzerbrechen, als wenn ihr euch von einer Figur trennen müsst, die ihr nicht braucht und sämtliche Referenzen aus der Geschichte entfernen müsst. Solltet ihr partout nicht auf eine Figur verzichten wollen, so gebt ihr eine für die Handlung nützliche Aufgabe oder eine Storyline, die sich im Laufe der Geschichte als wichtig herausstellt.

Auch wenn ihr einen neuen Schauplatz aufmacht und für diesen eine neue Erzählfigur einführt, ist es gut darüber nachdenken, ihm neben seiner Funktion für die Gesamthandlung eine eigene Geschichte zu geben. So könnt ihr vor dem Lesen den eigentlichen Sinn und Zweck der Figur verschleiern und verleiht ihr damit mehr Tiefe. Besonders bei Fortsetzungsromanen halte ich solche Überlegungen für sinnvoll, weil euch das Möglichkeiten bietet, wie ihr diese Figur in den Folgebänden einsetzen könnt. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich darüber sogar ein neuer Konflikt, den ihr euch zunutze machen könnt?


Unterschiedliche Erzählsprachen

Sobald ihr mehrere Erzählfiguren habt, steht ihr vor dem Problem, ihre Szenen unterscheidbar zu machen. In Fanfictions sieht man hin und wieder so etwas wie „Harrys POV“ (wobei POV für ’Point of View’ steht) gerne auch zusammen mit „Flashback“. Bitte tut so etwas nicht! Das ist ganz schlechter Stil! Wenn ihr dennoch den Namen der Figur vorab dem Leser mitteilen wollt, dann tut es wie George R.R. Martin und gebt dem Kapitel als Titel den Namen der betreffenden Erzählfigur.

Vergebt ihr lieber Titel, die etwas über das Kapitel aussagen, oder habt ihr pro Kapitel mehrere Erzählfiguren, so müsst ihr die Unterscheidbarkeit anders herbeiführen. Und hier kommen wir zu unterschiedlichen Erzählsprachen.

Jeder Charakter darf (oder vielleicht auch sollte) nicht nur, wenn er spricht, sondern auch wenn er denkt oder etwas sieht und wahrnimmt, eine eigene Sprache haben. Für die Leser ist es ein kleines Highlight, wenn die Charaktere anhand ihrer Ausdrucksweise und ihrer Gedankengänge unterscheidbar sind. Bei George R.R. Martin (und auch hier muss ich wieder auf einen meiner Lieblingsautoren zurückgreifen) wird dies ziemlich deutlich. Wenn es für euch zu schwierig ist, das von der allgemeinen Erzählsprache zu differenzieren, genügt es auch, wenn ihr euch auf die wörtliche Rede konzentriert.

Im Idealfall sollte im ersten Absatz jedoch schon erkennbar sein, um welche Erzählfigur es sich handelt. Wenn ihr das nicht über die Sprache erreichen wollt, könnt ihr seinen Auftritt auch mit etwas einleiten, was für ihn typisch ist. Oder lasst einfach seinen Namen fallen.


Achtung bei Ich-Perspektive!

Bei mehr als einer Figur kann der Ich-Erzähler sehr schnell verwirrend auf den Leser wirken. Daher würde ich davon grundsätzlich abraten. Ich habe jedoch auch schon Bücher gelesen, in denen sich zwei Ich-Erzähler abgewechselt haben, ohne dass es mich verwirrt hat. Auch hier kann man wieder mit dem Namen als Kapitelüberschrift arbeiten. Allerdings könnt ihr beim Ich-Erzähler sehr viel besser als beim personalen Erzähler den Figuren eine eigene Sprache verleihen. Dann wissen die Leser auch ohne Überschrift sofort, wer gerade erzählt.


Gast-Charaktere

Manchmal kann es stilistisch sinnvoll sein, eine Erzählfigur einzuführen, der sonst überhaupt nichts mit der Geschichte zu tun hat. Dieser tritt nur einmal auf oder hat nur sehr, sehr wenige Szenen. George R.R. Martin verwendet solche Gastcharaktere gerne für Prolog und Epilog und meistens leben diese Charaktere auch nicht länger als bis zum Ende der Szene. Ihre Auftritte wirken auf den ersten Blick nicht mit der Gesamthandlung korreliert, ihre Funktion ergibt sich jedoch beim Weiterlesen. Des weiteren setzt er Gastcharaktere ein, um die Handlung an Nebenschauplätzen zu beleuchten. Ihre Kapitel erkennt man daran, dass anstatt des Namens der Figur ein Titel wie „The Iron Princess“ darübersteht.

Als Stilmittel eignen sich Gastcharaktere auch, um z.B. eurem Helden in einer Schlüsselszene einen epischen Auftritt zu verleihen, wo andere Figuren gerade nicht in der Nähe sind. Auch eignen sie sich, um einen bestimmten Aspekt der Handlung aus einer anderen, distanzierten oder übergeordneten Perspektive zu beleuchten.

Grundsätzlich sollte man sparsam mit Gastcharakteren umgehen. Treten sie zu häufig auf, sollte man überlegen, ob man für sie nicht eine Nebenhandlung eröffnet. Man sollte sie jedoch nicht einsetzen, bloß weil gerade keine Erzählfigur zur Stelle ist.


Zusammenfassung

Eine Geschichte sollte immer so viele Erzählfiguren haben, wie sie braucht. Überlegt euch vorab, was ihr mit der Geschichte erreichen wollt und wo in der Handlung der Fokus liegt. Denkt ggf. auch darüber nach, ob ihr eine Fortsetzung schreiben wollt. Wenn ihr euch unsicher seid, dann schreibt die Geschichte lieber erst mit den Figuren, bei denen ihr sicher seid, dass ihr sie braucht. Denn es ist leichter, zusätzliche Figuren einzuführen, ihnen eine Handlung zu geben und diese an die Gesamthandlung anzupassen, als eine redundante Figur wieder zu streichen und das Chaos aufzuräumen.

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Zum Weiterlesen:


Sonea schreibt Fanfictions auf Fanfiktion.de und bloggt übers Schreiben und ihre Projekte auf Tales From Kyralia.



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