Freitag, 1. Juli 2016

Kolumne: Was ist das für 1 Autorenlife? Wie kann man sich nur so hart gönnen?

„Im Kapitalismus haben die Menschen keine Macht über den Gebrauch ihres Lebens. Es drängt sich die Frage auf: Was ist das für 1 (sprich: ein) life. Antwort: 1 falsches.“*





Mein verdammter Schädel brummt, als würden die sprichwörtlichen tausend Affen in meinem Kopf ihren Bestsellerroman schreiben. Stöhnend öffne ich die Augen, schließe sie aber sogleich wieder, als das grelle Sonnenlicht meine Netzhaut wie ein Pornodarsteller aus den 70ern penetriert.

„Macht das verfickte Licht weg!“, schreie ich wütend und vor Schmerz. Leichte, nackte Frauenfüße tippeln über den Edelholzboden und wenige Augenblicke später höre ich das Rauschen der zusammenschwingenden Vorhänge. Vorsichtig öffne ich meine Augen. Nur noch ein angenehmes Zwielicht im Raum. Die Kopfschmerztablette vom Nachttisch spüle ich mit einem Schluck Rotwein aus der Flasche runter, der , Odin sei Dank!, nicht über Nacht umgekippt ist. Die Frauen auf meinem Bett räkeln sich unwillig und verschlafen, ich soll nicht so laut sein. Undankbares Pack! Nur Schennea, die gute Schennea, die auch die Vorhänge zugezogen hat, lächelt mir freundlich zu.

Wankend steure ich auf die Badezimmertür zu. Ich stolpere und schlage mir fast den Kopf an meinem Marmorwaschbecken auf, kann mich aber noch an dem goldenen Wasserhahn - massiv Gold, ja? Keine Vergoldung, wie es bei Verlagsautoren der Fall wäre! - festhalten.

Nach der Erleichterung steige ich erst mal in meine Wasserfalldusche. Als der extrem heiße Wasserstrahl, mindestens vierzig Grad, meine Haut trifft, bin ich wieder nüchtern und brenne mir den Geruch von Schweiß und Sex von der Haut, auch die Kopfschmerzen sind verschwunden. Wie ein Phönix aus der Asche und Odin mich schuf, verlasse ich den Waschraum.

Ein weiser Philosoph hat mal gesagt, dass zuhause dort ist, wo WLAN ist. Das stimmt aber nicht. Zuhause ist da, wo man nackt rumlaufen kann. Die kühle Morgenluft und die warme Sonne streicheln meine Haut, als ich auf den Balkon trete, wie zwei Liebende, die um die Vorherrschaft über meine Empfindungen buhlen. Mein Butler James tritt vorsichtig an mich heran.

„Was hätte eure Autorenschaft gern zum Frühstück zu sich genommen?“

Er stammte aus einer britischen Butler-Familie, die innerhalb dieser eine spezielle Verkrümmung der Nasenscheidewände vererben, wodurch sie besonders gut näseln können.

„Rührei mit Speck, Baked Beans und Tomaten, wie immer!“ Er kann sich ein patriotisches Lächeln nicht verkneifen, da er weiß, wie sehr ich der englischen Frühstückskultur huldige. Schennea setzt sich zu mir, möchte für sich aber nur Brötchen und Käse. Schweifend lasse ich meine Augen über mein Anwesen wandern. Es ist später Frühling, die Pflanzen und Bäume knospen. Auf den Beeten unterhalb des Balkons meiner kleinen bescheidenen Jugendstil-Villa, irgendwohin muss eben das ganze Geld aus dem Self Publishing, arbeiten ein paar Gärtner. Es sind natürlich keine gewöhnlichen Gärtner, sondern alles promovierte Biologen, die nazifressende Pflanzen für mich entwickeln.

Als ich an die halboffene Brüstung des Balkons trete und sie begrüße, weiten sie ihre Augen ob meiner Manneszier.

Unser Frühstück kommt. Mein Koch hat Schennea noch ein paar mit Kaviar gefüllte Eier dazugegeben. Eier mit Eiern füllen, was für eine raffinierte Idee und zugleich ein Frevel an der Natur. Das muss aufgeschrieben werden.

„Notizbuch!“, brülle ich und James kommt sofort herbeigeeilt, überreicht mir ehrfürchtig das ledergebundene Utensil zum Festhalten meiner Gedanken, weiß er doch, dass sein Inhalt bereits über das Schicksal von Völkern und Nationen entschieden hat.

Endlich im Arbeitszimmer. Hier darf niemand außer mir rein. Erst mal Social Media. Erst mal allen neuen Facebookfreunden und Twitterfollowern privat eine Nachricht mit der Aufforderung zum Kauf meines neuesten Werkes schicken. das ist nämlich das Geheimnis des Erfolgs, ich schwöre! Niemand wünscht sich mehr, als privat von fremden Leuten mit Werbung zugemüllt zu werden. Schon kommen die ersten begeisterten Reaktionen: „Oh, vielen Dank. Nur darauf habe ich gewartet, ich werde es sofort kaufen!“

Ich lehne mich zurück. Erst einmal Pause. An der Wand hängt die Chronik meiner Erfolge: mehrere Nobelpreise, meine erste Abrechnung von KDP - zwar nur im sechsstelligen Bereich, aber jeder fängt mal klein an, nicht wahr? Rezensionen aus den Zeitungen mit der Überschrift: „Die Sprache der Engel“. Am liebsten lese ich den Artikel darüber, dass eine meiner Geschichten angeblich Krebs heilen kann. Dreimal in die Hände geklatscht, eine Kippe geraucht und eine halbe Flasche Wein getrunken und in den verschiedenen Social Media gepostet, dass ich mal Motivation brauche und jetzt schreibe - das gehört einfach zum guten Ton und Ritual -, schon geht es los. Meine Hände eilen auf der Tastatur hin und her, jedes Wort eine Liebeserklärung an die Literatur.

Fünf Minuten und circa fünftausend Wörter später, riskiere ich wieder einen Blick in die virtuelle Welt. Tausende Herzchen und Daumen-Hochs sowie Kommentare: „Du schaffst das! *ganz viel Motivation rübersend*“, „Ich wünsche, ich könnte auch so erfolgreich und gut aussehend wie du sein!“ oder „Ich werde mein erstes Kind nach dir benennen, egal ob Junge oder Mädchen!“ Weitere fünf Minuten später habe ich zehntausend Wörter geschrieben, das muss für heute reichen.

Das Mittagessen wird mir vor die Tür gestellt, es darf ja niemand rein. Spaghetti-Bolognese. Das Mehl der Nudeln wurde von italienischen Mönchen handgemahlen, wodurch es besonders wenig Gluten enthält, das Hack stammt vom Kobe-Rind und die Tomaten wurden von bekifften holländischen Jungfrauen bei Mondschein gepflückt.

Den Rest des Nachmittags zocke ich und gewinne natürlich immer, wie sollte es auch anders sein, bis ich zu betrunken zum Spielen bin. Auf meinen Social-Media-Kanälen schreibe ich, dass ich total erschöpft vom Schreiben bin, aber mich jetzt mit meinen zehntausend Wörtern zufrieden gebe - hätte aber mehr sein können.

In meinem Schlafzimmer warten schon ein halbes Dutzend Frauen, aber hier bricht nun meine Erzählung ab, schließlich schweigt und genießt ein Gentleman.

Bis dahin!

Euer Ben Lesser! 



*http://www.kraftfuttermischwerk.de/blogg/woher-kommt-eigentlich-was-ist-das-fuer-1-life/ 

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Ben bloggt außerdem auf Cheshirepunks Welt


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