Samstag, 4. Juni 2016

Literaturgenres: Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch?

Man neigt gern zum Strukturieren, Sortieren und Katalogisieren, um sich einen Überblick über vorhandenes Material zu verschaffen. So auch in der Literatur. Hier hat man jedoch eine immense Menge an Textmaterial, Motivgeschichten, Ideen und Traditionen. Eine komplette Kategorisierung ist da nicht nur schwierig, sondern eigentlich unmöglich.


Grundsätzlich unterscheidet man in Lyrik, Dramatik und Epik – in diesem Zusammenhang soll sich jedoch zunächst auf die Epik beschränkt werden. Doch wo zieht man nun innerhalb der Epik die Trennlinie, und nach welchen Kriterien unterscheidet man den einen Text vom anderen? Ein Versuch der Sortierung in verschiedene, grundsätzliche Genres:


Abenteuerroman: stolzer Held, große Taten


Der typische Abenteuerroman hat seine Wurzeln im Mittelalter. Jeder kennt die Geschichten um die edlen Recken, die mit Drachen kämpfen, Rätsel lösen, und das alles mit schneller Klinge und in blinkender Rüstung. Parzival, Siegfried, Roland – und wie sie alle hießen – sind aber nur die Stammväter für eine lange Reihe an Romanabenteurern, die spannende Geschichten erleben, von denen die Welt noch lange sprechen wird. Im 19. Jahrhundert meuterten die Helden auf der Bounty, legten sich mit Moby Dick an, reisten zum Mittelpunkt der Erde und so weiter.

Alle haben ein paar Dinge gemeinsam, rein strukturell gesehen. Meist handelt es sich im Abenteuerroman um eine Reise. Klar, wenn man ein Kammerspiel schreibt, kann der Held oder die Heldin ja schlecht Abenteuer erleben. Diese Reise ist gespickt mit Questen und Rätseln, an denen der Held oder die Heldin wächst. Und am Schluss hat er oder sie eine Entwicklung erfahren, sodass sich die Person beim Aufbruch der Reise stark vom Abenteurer am Schluss unterscheidet – der oder die Prota ist erwachsen geworden. (vgl. Heldenreise)


Liebesroman: Wer mit wem und warum überhaupt?


Auch der Liebesroman hat seine Wurzeln im Hochmittelalter, nämlich in der hohen Minne. Zu dieser Zeit handelt es sich aber weniger um Prosa als um Lyrik – Balladen, in denen der Minnesänger die Schönheit, Klugheit und Tugend der Angebeteten gepriesen hat. Rein strukturell war es jedoch immer um eine unerfüllte Liebe, schließlich handelte es sich bei der Dame meist um die Frau des Mäzens. Da wäre ein Happy End wahrscheinlich eher unklug gewesen.

Jedenfalls wandelte sich der Minnesang zur Neuzeit hin gewaltig. Liebesgeschichten sind heutzutage sowohl als Drama als auch als Prosa denkbar. Auch beim Ende stehen dem Autor alle Möglichkeiten offen: Happy End oder auch nicht oder offenes Ende? Erlaubt ist, was gefällt. Nur das Sujet ist immer gleich: die schönste Nebensache der Welt. Gern auch gewürzt mit einem guten Schuss Erotik. Wenn der Sex im Mittelpunkt steht und weniger die romantische „Er liebt mich, er liebt mich nicht“-Story, spricht man vom Erotikroman, der auch ruhig explizit werden und schon in die pornografische Richtung tendieren kann.


Fantasy: von Elben, Zwergen und Co.


Das, was heute als High Fantasy bezeichnet wird, geht zurück auf J. R. R. Tolkien, der sich seinerseits an den mittelalterlichen Epen und Legenden bediente, aber auch gern Volksdichtungen und die nordische Sagenwelt mit einbezog. Von hier aus entwickeln sich unterschiedliche Fantasyströmungen, die sich zwar aus demselben Pool an Personal und Gestalten bedienen, diese aber ganz nach Lust und Laune abwandeln können. Urban Fantasy setzt die Handlung in den modernen Großstadtdschungel, Dark Fantasy beschäftigt sich mehr mit Dämonen und Nachtgestalten, nachzulesen etwa bei Markus Heitz. Im Zusammenhang mit Dark Fantasy erhält eine ganz andere Tradition Einfluss, nämlich der Vampirismus. Vampirgeschichten stammen (man staune) nicht aus der Tradition des Hochmittelalters, sondern eher aus Volksdichtungen und -sagen. Überall in Europa gab es Gruselgeschichten um Wiedergänger, Leichenfresser, Totentänzer usw. Daher existiert auch keine wirklich stringente Motivgeschichte, sondern eher unterschiedliche Erzähltraditionen, die auf volkstümlichen Erzählungen basieren. Heute beruft man sich hauptsächlich auf die Ideen von Bram Stoker mit seiner Dracula-Erzählung aus dem Jahr 1897.


Krimis und Thriller: Spannung hoch zwei


Ein Mord, ein Verdächter, ein Ermittler – und der Täter ist immer der Gärtner. So viel zum klassischen „Whodunit“ der Kriminalliteratur. Agatha Christie, die Grande Dame der Kriminalliteratur, hat brillant alle möglichen Täter-Opfer-Konstellationen aufgebaut, bei denen es letztlich jedoch immer darum ging, einen Fall aufzuklären. Diese Struktur ist größtenteils bei allen Krimis ähnlich.

Thriller legen den Schwerpunkt etwas anders. Hier geht es meist eher um den Nervenkitzel anstatt um die Aufklärung eines Verbrechens. Die Urängste des Menschen werden bedient, und ein besonderer Schauder läuft über den Rücken, wie es E. T. A. Hoffmann und E. A. Poe grandios vorgemacht haben. Es geht also anders als im Krimi nicht unbedingt darum, den Mörder zu entlarven. Manchmal ist sogar von vornherein klar, wer der Täter ist, und der Leser erfährt die Spannung eher darüber, wie das Psychogramm aufgebaut ist. Ein Paradebeispiel hierfür ist Psycho von Robert Bloch, das durch seine Hitchcock-Verfilmung zum Kult wurde. Der Reiz des Bösen, die Urängste vor dem Bedrohlichen und die Spannung der psychischen Abgründe sind es, die den Leser fesseln. Das kann ganz ohne Blut passieren, wie zum Beispiel bei Daphne du Maurier (ebenfalls kongenial verfilmt von Hitchcock), das kann mit einigem Ekelfaktor versehen sein, wie etwa bei Simon Beckett, oder geradezu in Richtung Horror (Stephen King) und Splatter (Edward Lee) gehen. Hauptsache: Spannung, Spannung und Spannung.


Science Fiction und Utopie/Dystopie: auf in die neue Welt


Auch Zukunftsvorstellungen erhalten Zugang in die Literatur. Dabei unterscheidet man grundsätzlich zwischen Texten, die schwerpunktmäßig den technischen Fortschritt behandeln, und solchen, die sich mit gesellschaftlichen Wandlungen befassen. So gehören in die Richtung der Science Fiction solche Romane, bei denen es um die Zukunft mit Computern, Raumfahrt, Robotern usw. geht – ein typischer sehr früher Vertreter hier ist H. G. Wells mit „Krieg der Welten“, später gilt Isaac Asimov mit seinen Roboter- und Computererzählungen als Wegbereiter der Science-Fiction-Literatur. Weniger für die Technik der Zukunft interessieren sich die Utopien/Dystopien, die (zumeist düstere) Szenarien für gesellschaftliche Entwicklungen entwerfen. Paradebeispiele sind George Orwell mit „Farm der Tiere“ und „1984“ sowie Aldous Huxley mit „Schöne neue Welt.“ Kritisch wird hinterfragt, in welche Szenarien bestimmte Gesellschaftsformen abdriften könnten, und somit ist eine solche Utopie/Dystopie als Gesellschaftskritik bzw. auch als Warnung zu lesen. Die Grenzen zwischen SciFi und Utopie/Dystopie können durchaus ineinanderfließen und Mischformen hervorbringen, was eine enorme Menge an Variationsmöglichkeiten zulässt, man denke nur an Cyberpunk, Nanopunk und vieles mehr.


Moderne E-Literatur: Literatur als Sprachrohr für Gesellschaftskritik


Eine große Zäsur in der deutschsprachigen Literatur war der Zweite Weltkrieg. Zensur und die Abschaffung der künstlerischen Freiheit gingen bekanntlich vorweg. Mit dem Untergang der Nazidiktatur konnte die Kunstszene dann wieder aufblühen und politische und gesellschaftskritische Strömungen hervorbringen, die vorher verboten und verfolgt gewesen waren. Eine wichtige Initialzündung war die „Gruppe 47.“ Dieses Autorenkollektiv war der erste Versuch, eine moderne deutsche Literatur aufzubauen, die fern von jeder Bevormundung politisch und gesellschaftlich kommentieren konnte. Wichtige und wegweisende Teilnehmer waren Böll, Andersch, Bachmann, Enzensberger, Grass, Handke, Walser und noch viele mehr. In der Nachfolge der „Gruppe 47“ formieren sich bis heute moderne Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, als Mahner und Rufer die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Phänomene künstlerisch aufzugreifen und zu kommentieren. Die Formen und Motive sind dabei so vielschichtig wie die aktuellen Geschehnisse selbst.


Crossover und Nischen: alles darf, nichts muss


Natürlich wäre die Schriftstellerei langweilig, wenn es nur feste Schemata gäbe. Selbstverständlich lassen sich überall Abwandlungen erfinden, neue Ideen einbringen und andere Strömungen verfolgen. Warum Fantasy oder Liebesroman, wenn man auch beides verbinden kann? Auch kann eine Abenteuergeschichte gern einen Schuss Romantik vertragen. Thriller mit etwas Übernatürlichem, politischer Liebesroman, erotischer Thriller – die künstlerische Freiheit bietet den Autorinnen und Autoren alle Möglichkeiten. Auch lassen sich der Liebesroman oder auch der Krimi mit Komik abwandeln und können zur Romantik- oder Krimikomödie werden. Mixen und experimentieren bringt frischen Wind in die Literaturszene und sorgt dafür, dass ein steter Wandel eine Entwicklung vorantreibt. Wohin sie führen wird, wird man lesen.


Zum Weiterlesen:



Katrin schreibt nicht, sie lässt schreiben und verleiht als Lektorin den Texten den letzten Schliff. Was sie liest, rezensiert sie gern auf https://nowheremansbuecherschrank.wordpress.com/



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