Samstag, 9. April 2016

Monster der Woche und Monster des Tages

Bestimmt kennt ihr alle das Prinzip von Serien wie „Sailor Moon“ aus den Neunzigern, „Pokémon“ oder auch in „Charmed“ – und der Name ist vergleichsweise selbsterklärend. In jeder Episode der Serie gibt es einen neuen Gegner, der besiegt werden muss, ehe es dann irgendwann zum Kampf gegen einen Endboss kommt. Oder auch nicht, das hängt von den individuellen Serien ab.



Herkunft

Auch wenn das Prinzip heute überwiegend aus Animes vertraut ist, stammt es ursprünglich von den Erfindern der US-amerikanischen Serie „The Outer Limits“. Konzeptuell gesehen handelte es sich um eine Anthologie-Serie, also um eine Sammlung aus untereinander nur lose oder gar nicht zusammenhängenden Episoden, die jeweils in sich geschlossen sind. Anders als in heutigen Serien traten dabei pro Folge teilweise auch neue Casts auf den Plan. Protagonisten durften sterben und manchmal starb die ganze Menschheit mit.

Sie bewarben ihre Serie unter anderem damit, dass in jeder Folge ein neues Monster gezeigt würde, und prägten somit den Begriff „Monster of the Week“.

Die Trope selbst ist allerdings viel älter und taucht in der Form „ein neuer Gegner in jedem Kapitel“ bereits im chinesischen Roman „Die Reise nach Westen“ aus dem sechzehnten Jahrhundert auf. Der Kern des mehrteiligen Romans umfasst die Pilgerreise eines buddhistischen Mönches zum Antlitz Buddhas, wobei ihn drei übernatürliche Figuren begleiten. Die wiederum haben in der Vergangenheit etwas angestellt, wofür sie nun mit der Pilgerreise Buße tun sollen. Dabei bekämpfen sie in jedem Kapitel, das der gemeinsamen Reise gewidmet ist, einen anderen Gegner.

Der Roman wurde sehr oft verfilmt oder als Theaterstück adaptiert – und viele Animes und Mangas bedienten sich der einen oder anderen Figur daraus, nicht zuletzt auch „Dragonball“ – Son Goku basiert lose auf dem Affenkönig, einem der drei übernatürlichen Begleiter des Pilgermönchs.
 

Nur etwas für Fernsehserien?

Zunächst einmal – auch Serienautoren sind Autoren und für sie ist es durchaus nützlich, etwas über diese weitverbreitete und beliebte Trope zu erfahren.

Außerdem gibt es dafür auch außerhalb des Fernsehens Beispiele.

So gibt es zahlreiche Mangas, die ebenfalls ein Monster oder einen zu besiegenden Gegner pro Kapitel aufweisen, wie beispielsweise Ranma ½ oder der erste Band von „Fullmetal Alchemist“.

Auch Comics verwenden die Trope häufig – zwar gibt es immer wiederkehrende Gegner, aber manchmal bedroht ein Gegner die Stadt, in der der Superheld lebt, nur ein einziges Mal.

In der Literatur ist die Form für Serials recht beliebt. Ein Serial ist im Grunde genommen analog zu einer Fernsehserie in Episoden (Bände) und Staffeln (übergreifende Story aus mehreren Bänden) aufgebaut. Entsprechend bedienen sich Serials auch häufig der Tropen aus dem Bereich des Fernsehens. In der Buchreihe „Animorphs“ kämpfen die Kinder beispielsweise in der Regel in jedem Band gegen einen anderen außerirdischen Gegner, in den sich der Hauptbösewicht verwandeln kann.
 

Was kann man als Autor aus dieser Trope lernen?

Die Monster oder Gegner der Woche dienen, je nach Serie, unterschiedlichen Zwecken. Diese können in der einen oder anderen Form auch beim Schreiben von Romanen verwendet werden.

So entstand der Anime „Sailor Moon“ sozusagen parallel zum Manga und überholte ihn schließlich, wodurch sogar eine ganze Storyline im Anime hinzukam, als exklusiver Anime-Filler, um die Story zu strecken und der Mangaka mehr Zeit zum Zeichnen zu geben. Aber auch sonst dient der Aufbau teilweise dazu, die Serie im Vergleich zum originalen Manga zu strecken.

Während zumindest die ersten Bände des Mangas selbst noch relativ nahe am „Gegner der Woche“-Prinzip dran ist – nach Bunnys eigenem Erwachen erwacht in jedem weiteren Kapitel während des Kampfes gegen ein Monster jeweils eine weitere Sailor-Kriegerin, bis die „inneren Sailorkriegerinnen“* vollständig sind. Danach wendet sich der Manga von diesem Schema teilweise ab und verfolgt eine übergreifende Story-Arc, kehrt jedoch gelegentlich wieder zu ihm zurück. So bekämpfen im Manga die „Witches 5“ die Kriegerinnen ebenfalls nacheinander, jeweils eine Hexe pro Kapitel, statt gemeinsam anzugreifen.

Der Anime streckt die Storyline allerdings, indem die Witches 5 erstmal einige Monster auf Tokio loslassen, bevor sie selbst als Gegnerinnen in Aktion treten. Somit kann jede Hexe mehrere Folgen lang versuchen, „reine Herzen“ zu sammeln und die Kriegerinnen außer Gefecht zu setzen. Auch in anderen Staffeln wird die Story durch den Einsatz von einmaligen, zu besiegenden Gegnern gestreckt – und indem im Manga unwichtige Gegner zu komplexeren Charakteren ausgebaut werden, die ihrerseits zahlreiche Monster auf die Kriegerinnen loslassen. Dies ist in der vierten Staffel beim Amazonentrio der Fall – im Manga nur unwichtige Gehilfen des Amazonenquartetts, sind sie im Anime mit dem Amazonenquartett gleichwertig und suchen mit Hilfe von Lemuren nach dem goldenen Traumspiegel, bevor sie wiederum ausgeschaltet werden. Sie strecken den Anime um 21 Episoden.

Hier dient die Trope also vor allem zwei Zwecken: einer Verlängerung der Serie an sich und dem Ausbau einiger im Manga wenig thematisierter Charaktere. Im Prinzip erlaubt das Konzept es, theoretisch unendlich viele Gegner auf die Sailorkriegerinnen loszulassen, bis es zu einem Showdown kommen muss, da in diesen Folgen die Story selbst nur langsam oder gar nicht voranschreitet.

Ein anderer Einsatz der Trope besteht darin, die Protagonisten beschäftigt zu halten, während die Antagonisten im Hintergrund andere finstere Pläne ungestört verfolgen können. Eine Auflösung dieser Trope besteht dann darin, dass die Protagonisten es trotzdem irgendwann schaffen, an den Hauptantagonisten heranzukommen und diesen zu besiegen. Diese Form findet sich beispielsweise in der Animationsserie „Spectacular Spider-Man“. Hier wird die Trope also genutzt, um aus Sicht der Antagonisten den Helden abzulenken. Aus der Sicht des Helden jedoch kann er an den zahlreichen Gegnern wachsen, bevor es zum Kampf gegen den Endgegner kommt. Sie dient also der Charakterentwicklung und findet sich in dieser und abgewandelter Form auch bei alten Heldenepen oder dem Fantasy-Entwicklungsroman „Taran“ – er muss erst herausfinden, wer er selbst ist, und seine Gegner sind größtenteils eher seine eigenen Gedanken und die Lebensformen, in denen er eine Zeitlang existiert. Aber auch sie führen dazu, dass er am Ende in der Lage ist, den Endgegner zu besiegen und Prydain zu retten.
 

Aufgabe

Schaut euch euer aktuelles Projekt genau an. Habt ihr dort Ansätze von „Gegnern der Woche“? Oder wäre die Trope für euer Projekt gut geeignet, um Dinge hinauszuzögern oder euren Protagonisten wachsen zu lassen?


*astronomisch unkorrekt umfassen die inneren Sailorkriegerinnen neben Sailor Merkur, Sailor Venus und Sailor Mars, die tatsächlich den astronomisch als „innere Planeten“ bekannten Himmelskörpern entsprechen, auch Sailor Moon (obwohl der Mond strenggenommen kein Planet kein Planet ist) und Sailor Jupiter, deren Planet streng genommen zu den äußeren Planeten des Sonnensystems gehört. 


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Alphaleserin, Forumsadministratorin, Entdeckerin, Trilogie-in-X-Bänden-Autorin, Chara-Dichterin, Neologistin, Polyglotin... und ein Fan kurioser Worte. Sie bloggt über das Autorendasein, Bücher und den Weltenbau.



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