Freitag, 4. März 2016

Kolumne: „Das ist alles nur geklaut, das ist alles gar nicht meine ...” - Von den Plagiaten




Ja, liebe Leser, wir reden über das Thema, das die Selfpublisherszene bisher dieses Jahr dominiert hat: Plagiate. Das Jahr 2016 zählt bereits mehr Plagiate, als das Jahr Monate auf dem Buckel hat, und es ist kein Ende in Sicht. Ich werde in dieser Kolumne nicht die einzelnen Fälle noch einmal aufrollen, sondern eher allgemein etwas zu dem Thema vorbringen.
Viele fragen sich zu Recht, was überhaupt einen Autoren oder eine Autorin dazu bewegt, die Entscheidung zum Gedankenraub zu fällen. Meiner Meinung nach gibt es hierfür zwei Grundursachen, die beide jedoch zum selben Ergebnis führen und gleich schändlich sind. Der erste Grund scheint mir ziemlich banal zu sein: Selfpublisher müssen, wenn sie von ihrer Kunst leben wollen, ungefähr ein Buch pro Quartal herausbringen. Man kann sich an dieser Stelle gut vorstellen, dass das einen Schreiber ziemlich unter Druck setzen kann, was wiederum oft zu Schreibblockaden führt. An dieser Stelle behilft man sich dann eben mit fremden Texten - merkt ja sowieso keiner in unserer vernetzten digitalen Welt.
 

Der zweite Grund dagegen ist wohl etwas komplexer. In meiner letzten Kolumne bin ich bereits darauf eingegangen, dass viele Menschen den Traum haben, den Beruf des Schriftstellers zu ergreifen, was wiederum aus der Darstellung des Autors in der Popkultur entspringt. Nun möchte man doch so gerne eine cooler und bewunderter Autor sein, beschäftigt sich mit dem Schreiben von belletristischen Texten und diskutiert fleißig in Facebookgruppen mit, aber dann klappt es irgendwie nicht so mit dem Schreiben. An dieser Stelle könnte man es jetzt einfach sein lassen, aber unsere Gesellschaft sieht es auch wiederum gar nicht gern, wenn man eine Sache einfach mal aufgibt - Volkssturmmentalität. Jedenfalls sucht man sich in diesem Fall auch einen bewährten Text, merkt schließlich auch wiederum keiner und man ist selbst viel schlauer, sodass man auch gleich den Titel des plagiierten Werkes übernehmen kann. Titelfindung ist auch schwer.

An dieser Stelle füge ich einen kleinen Zwischenexkurs ein. Lustigerweise nehmen viele die Plagiatsfälle zum Anlass, die Nase über Selfpublisher zu rümpfen. Vor ziemlich genau sechs Jahren gab es den schönen Fall von Helene Hegemann mit ihrem Werk Axolotl Roadkill. Die damals Siebzehnjährige wurde als Wunderkind von Kritikern und der Presse gefeiert, die sogenannten Experten über- und erschlugen sich fast selbst mit Lob - bis dann rauskam, dass Hegemann zu großen Teilen 1:1 aus einem Roman namens Strobo von dem Autor Airen herauskopiert und sich auch freimütig bei anderen Werken bedient hatte. Frau Hegemann kam recht glimpflich aus der Sache raus. Ihr Verlag (Ullstein) kaufte einfach die Druckrechte im Nachhinein und versah die vierte Auflage des Romans mit Quellenangaben, das war’s. Der Roman wurde sogar trotz der Plagiatsvorwürfe für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Auch ihrer Karriere schadete es nicht unbedingt: Sie brachte bis heute immerhin ein gefeiertes Theaterstück und einen weiteren Roman heraus. Im Gegensatz zu den Autorinnen der aktuellen Fälle hat Hegemann die Vorwürfe gleich zugegeben und offensiv eine Debatte angestoßen, welche Werke denn überhaupt authentisch und nicht geklaut seien. Das hat ihr wahrscheinlich die Karriere gerettet und die rechtlichen Schäden konnte ihr Verlag abwenden.

Unsere aktuellen Fälle haben sich entweder gleich zurückgezogen oder es vorher noch mit sehr fadenscheinigen Erklärungen versucht. Und hier sind wir nun an den meiner Meinung nach abstrusesten Aspekten der ganzen Sache angelangt: den Verteidigern. Da haben wir zum einen die Fans und zum anderen die relativierenden Kollegen. Die Fans verteidigen ihre Idole bis zum letzten Blutstropfen in der bereits oben erwähnten Volkssturmmentalität, auch wenn die Füh... die Autorin schon längst in den Bunker der medialen Einsamkeit gegangen ist - immerhin haben sie sich ja entschuldigt oder sind auch nur Menschen und Fehler macht ja schließlich jeder mal. Fast noch posierlicher sind die Relativisten unter den Autorenkollegen, die meinen, dass das ja alles nur eine Hexenjagd sei, da die Fälle schließlich jetzt alle auf einen Schlag publik würden, und wenn es auch nur einzelne Passagen seien, die betroffen sind, wäre das ja auch rechtlich gar kein Problem. Aber wehe, wenn das eigene Werk betroffen ist, oder noch schlimmer: Piraten, die mit dem Raub immerhin kein Geld verdienen! Ich denke, dass man an dieser Stelle nichts mehr weiter sagen muss.

Also, in diesem Sinne: Schreibt nicht voneinander ab! ;-) 


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