Samstag, 12. März 2016

Charakterisierung durch Alltagsgegenstände am Beispiel von Schach

Eine der wichtigsten Zutaten für eine gute Geschichte sind runde Charaktere – rund in dem Sinne, dass sie keine platten Stereotypen sind, sondern dass sich die Leser ein genaues Bild von ihnen machen können. 




Eine der einfachsten Möglichkeiten, mehr über einen Charakter zu verraten, ist seine Interaktion mit der alltäglichen Welt. Das heißt nicht, dass ihr zu Beginn eurer Geschichte euren Charakter vom Aufstehen bis zur Arbeit, dann zum Feierabend und schlussendlich zur Gute-Nacht-Geschichte begleiten müsst. Es heißt vielmehr, dass eine Menge Information dabei mitschwingen kann, was euer Charakter während der Handlung sonst noch nebenbei tut. Wie interagiert er mit seiner Umwelt? Vor allem – denn darum geht es hier – mit welchen Gegenständen interagiert er?

Es macht durchaus einen Unterschied, ob euer Charakter im Büro lieber zur Büroklammer oder zum Tacker greift, ob er in der Mittagspause lieber NoName-Limo vom Diskonter trinkt oder Marken-Multivitamin-Saft. Ein Charakter, der Büroklammern verwendet, will vielleicht nichts vorschnell fixieren, ein Charakter, der NoName-Ware konsumiert, hat womöglich kein Geld, ein Charakter, der nur beste Fruchtsäfte trinkt, will vielleicht auf seine Gesundheit achten … Informationen dieser Art wirken auf einem sehr unterschwelligen Level, oft können Leser dann gar nicht benennen, woher ihr Eindruck von der jeweiligen Person stammt, und doch ist er da.
 

Viel auffälliger hingegen sind Alltagsgegenstände, die in der Literatur immer wieder auftauchen, immer gleich verwendet werden und dadurch bereits von Haus aus eine offensichtliche Bedeutung mitbringen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Schachspiel.
 

Grundlegende Konnotationen

Die Geschichte des Schachs, des strategischen Brettspiels aus Persien, von den Arabern weltweit verbreitet und bereits im 13. Jahrhundert in Europa fest etabliert, muss uns hier gar nicht interessieren. Ebenso wenig wie die Frage, ob Schach nun ein Sport ist oder nicht.

Mit Schach sind zwei Eigenschaften untrennbar verbunden: Es ist das Spiel der Könige und das Spiel der Denker. Als solches begleitet es in Film und Literatur seit jeher zwei Arten von Figuren: Könige und Denker.

So gesehen ist es kein Zufall, wenn Professor X im Film „X-Men 2“ seinen alten Erzfeind Magneto im Gefängnis besucht und dabei mit ihm Schach spielt: Beide sind Anführer verfeindeter Seiten und beide sind große Denker, wollen sie doch, von ihren jeweiligen Ideologien getrieben, die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Zusätzlich ist Schach ein Spiel, bei dem sie sich mit bloßer Geisteskraft messen: Nur einer kann gewinnen.
 

In ähnlicher Weise kann man in der Fernsehserie „Gotham“ mehrmals beobachten, wie der junge Bruce Wayne gegen sich selbst Schach spielt. Hier fällt die Herrscherkonnotation weg, denn Bruce ist noch ein Junge. Auch der Kampfaspekt ist hier nicht gegeben, spielt er doch mit sich selbst. Übrig bleibt die Strategie und das Denken – und dass Bruce gern und viel nachdenkt, weiß jeder, der die Serie guckt.
 

Aber Schach kann viel mehr, als sich auf seine traditionellen Eigenschaften beschränken. Machen wir einen kurzen Ausflug! Springer auf D5! 

Arktos der Schneemann

Wer kennt ihn nicht, Arktos, den bösen Schneemann und Beherrscher der Eiswelt aus „Tabaluga“? Wenn Arktos nicht gerade versucht, Grünland mit Eis und Schnee zu überziehen und seinem Imperium einzuverleiben, dann spielt er gegen den weisen Uhu Shouhu Schach.

Auch hier ist das Motiv vom Spiel der Denker aktiv, aber es wirkt anders: Arktos ist ein furchtbar schlechter Schachspieler, wenn er beim Schach verliert, zeigt das, dass er eben kein großer Denker ist. Zusätzlich dazu ist Arktos auch ein schlechter Verlierer: Wenn er verliert, droht er dem armen Uhu schon einmal alles Mögliche an oder lässt seine Wut an den Schachfiguren aus.

Stichwort „Schachfiguren“: Als Tyrann von Welt spielt Arktos Schach nicht auf einem Spielbrett, sondern auf einem großen Platz. Seine Diener tragen Kostüme und stellen die Schachfiguren dar, Arktos und Shouhu befehlen ihnen jeweils, auf welche Positionen sie sich stellen sollen. Vor allem der Ton, mit dem Arktos seine Spielzüge befiehlt, sagt wiederum viel über seinen Umgang mit seinen Bediensteten aus, die Interaktion mit den „Spielfiguren“ verdeutlicht seinen Jähzorn und trägt so dazu bei, Arktos als den Tyrannen zu stilisieren, der er ist.
 

Zaubererschach bei Harry Potter

Keine Variation des Schachspiels ist so bekannt wie das Zaubererschach bei „Harry Potter“. Vordergründig hat Schach hier alle Eigenheiten der verrückten Zaubererwelt absorbiert: Die Figuren können sprechen, haben eine eigene Persönlichkeit, versuchen, den Spielern Tipps zu geben oder Züge madig zu reden, und wenn einmal eine Spielfigur geschlagen wird, kommt es flugs zu brachialer Gewalt.

Damit verkörpert Schach in der Welt von Harry Potter exemplarisch den Unterschied zwischen Menschen- und Zaubererwelt und kann das genau darum tun, weil wir in unserer Alltagswelt so viel mit Schach verbinden. Das Spiel ist dabei aber all seiner traditionellen Konnotationen beraubt, gerade die große Denkerin Hermine bezeichnet es als barbarisches Spiel. Hier spielen keine Könige und Denker Schach, sondern Schuljungen, die Freude daran haben, wenn Figuren sich gegenseitig kaputt hauen.

Schach wird zum Kinderspiel.

Genau diese Auffassung validiert und durchbricht Rowling dann aber gleichermaßen, wenn sie ausgerechnet ein lebensgefährliches Schachspiel zu einer der Prüfungen auf dem Weg zum Stein der Weisen macht. Nur wer das vermeintliche Kinderspiel meistert, kann zum Stein der Weisen gelangen. Nett, nicht? 


Schach im Rasenden Falken

Weiter zu „Star Wars“! Während Luke Skywalker und Ben Kenobi an Bord des Rasenden Falken ihre Jedi-Künste üben und Han Solo darüber spottet, spielen R2-D2 und Chewbacca eine Art Schachspiel – kuriose Alien-Figuren hüpfen auf einem holografischen Spielfeld herum und erschlagen sich gegenseitig, wenn sie sich erwischen. Kommentiert wird das Ganze von Besserwisser-Protokoll-Droide C-3PO.

Hier gibt es einige Herausforderungen für das Schach-Motiv: Es sind ausgerechnet die beiden auf den ersten Blick „dümmsten“ Anwesenden, die Schach spielen: ein zotteliger Big-Foot-Verschnitt, der nur brüllen kann, und eine kleine Blechdose, die nur vor sich hin biept. Der „intelligentere“ Droide, der sprechen kann, ist nur Zuschauer.

Man könnte es hier vielleicht als eine Art Manifestation des Kampfes „Bestie gegen Maschine“ lesen, dass genau diese beiden sich beim Schach messen. Tatsächlich zeigt die Szene aber, dass beide rational denkende Wesen sind: Chewbacca ist mehr als ein zotteliger Affe, R2-D2 mehr als eine biepende Blechbüchse. Dass Chewbacca ungern verliert und gern anderen die Schulter auskugelt, verrät genauso viel über sein Gemüt wie C-3POs Rat, dann doch lieber den Wookie gewinnen zu lassen – schließlich macht sich hier ein Roboter Gedanken über seine eigene Gesundheit!
 

Big Bang Theory – Schach Back to the Roots?

Zurück zum Denker-Aspekt des Schachspiels: In der Sitcom „The Big Bang Theory“ wird keine Gelegenheit ausgelassen, die männlichen Protagonisten, allesamt hochintelligente Physiker, gleichzeitig als über alle Maßen klug und rettungslos abgehoben darzustellen.

Die Konnotation des Schachspiels als Spiel der Denker reicht für diese Zwecke allerdings nicht mehr aus und so spielen die Physiker nicht auf einem normalen Spielbrett Schach, sondern verwenden einen kleinen „Schachturm“, bei dem das Spielbrett auf mehrere horizontale Ebenen über und untereinander verteilt und damit um eine räumliche Komponente erweitert wird. Diese Art des Schachspiels stammt aus der Serie „Star Trek“, womit hier zusätzlich unterstrichen wird, dass die Physiker Nerds sind.

Aber auch das ist dann im Laufe der Serie nicht mehr genug: Um Hauptperson Sheldon Cooper auch davon noch abzusetzen (oder besser: um noch eins draufzusetzen), arbeitet Dr. Cooper im späteren Verlauf der Serie an einer Variante des Schachspiels für drei Personen. Bei der Gelegenheit erweitert er das herkömmliche Spiel noch um zusätzliche Figuren und Regeln – und wie abgehoben das ist, zeigt sich dann beim Spielen, als die Mitspieler die Regeln ständig nachschlagen und nicht verstehen … 



Fazit

Beenden wir hier den kurzen Ausflug in die Welt des Schachs. Beispiele gäbe es noch viele mehr, die Quintessenz ist: Schach ist wie jeder uns bekannte Alltagsgegenstand mit stereotypen Motiven aufgeladen. Diese Stereotype ermöglichen uns, die Charaktere, die diese Alltagsgegenstände verwenden, genauer zu beleuchten. Je nach Art und Weise, wie die Charaktere interagieren, zeichnet dies ein anderes Bild von ihnen.

Zusätzlich ist aber ein Alltagsgegenstand eben nicht auf seine stereotypen Aufladungen beschränkt: Die Beispiele zeigen, dass wir als Autoren mit diesen Annahmen spielen können, wir können sie verändern, abwandeln und damit Mittel erhalten, um das Bild unserer Charaktere sogar noch weiter zu verfeinern.

Probiert es ruhig einmal aus! Wenn ihr das nächste Mal eine Szene schreibt, achtet darauf, was für Gegenstände in ihr vorkommen! Welche Bedeutung haben sie? Was sagen sie über eure Figuren aus, dass sie genau diese Gegenstände verwenden und nicht andere?
Oder fallen euch noch andere Verwendungen von Schach in Film und Literatur ein? Lasst es uns wissen.

Schachmatt. 


--------------
 Weitere Artikel: 

Florian ist Kurzgeschichten-Autor, Weltenbauer, Story-Telling-Enthusiast und Latinist. Er veröffentlicht regelmäßig Kurzgeschichten auf dem Tintenfleck und bloggt über fiktive Welten auf der Weltenschmiede.

Kommentare:

  1. Schöner Beitrag. Kleine Bemerkung zur Bedeutung in Bezug auf Ron Weasley. Ich denke, J.K.R. hat ihm bewusst die Rolle des Schachspielers gegeben, um seinem manchmal sehr jungenhaften, unüberlegt erscheinden Charakter einen Kontrapunkt zu verleihen. Der Leser - just my 2 Cents - soll dadurch zum Nachdenken über Ron gebracht werden und erkennen, das deutlich mehr in ihm steckt als nur eine Deko-Figur für Harry.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich habe mich bei meinem Schach-Streifzug im Artikel vielleicht etwas zu sehr auf die Charakterisierung der Zaubererwelt beschränkt. Natürlich charakterisiert das Schachspiel auch die, die es spielen. Bei Harry Potter sogar ganz besonders: Harry, für den die Zaubererwelt neu ist, hat im 1. Band ja richtig Mühe, seine Figuren im Zaum zu halten - die wissen nämlich alles besser und trauen ihm, dem Neuling, gar nicht zu, gut Schach zu spielen. Diese Überforderung mit dem Schachspiel spiegelt da wunderbar wieder, wie Harry auch mit der Zaubererwelt zunächst überfordert ist. Und in späteren Bänden spielt er ganz routiniert, so wie er gleichermaßen auch Routine im Zauberersein hat.
      Und deiner Beobachtung zu Ron habe ich gar nichts hinzuzufügen, im Gegenteil: So genau habe ich da über Ron noch gar nicht nachgedacht. Danke für das Aufzeigen dieses Aspekts! :-)

      Löschen